19.04.2009 · Ist Genmais gefährlich? Vielleicht, sagt die Landwirtschaftsministerin, und verbietet ihn. Sie stützt sich dabei auf zwei neue wissenschaftliche Untersuchungen. Und wie steht es mit deren Aussagekraft?
Von Jörg Albrecht und Volker StollorzSant Jordi ist keine erste Adresse auf Mallorca. Der kleine Touristenort besitzt außer etwas Sandstrand kaum Attraktionen. Eine könnte demnächst hinzukommen: Das Parlament der Balearen hat beschlossen, sämtliche Inseln zu gentechnikfreien Zonen zu erklären.
Dazu müsste man in der Nähe von Sant Jordi nur einen Hektar Ackerfläche stilllegen. Auf dem wächst bislang noch Genmais der Sorte MON 810. Vor allem die deutschen Gäste mögen keinen Genmais. Siebzig Prozent aller Bundesbürger sind nach einer Emnid-Umfrage strikt gegen seinen Anbau.
Auf der Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse
Auf Beifall konnte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner also hoffen, als sie Mallorca voranging und den Monsanto-Mais vergangene Woche in Deutschland verbot. Zumal sie ja auch fachliche Gründe anführte. Das musste sie, weil das manipulierte Gewächs längst europaweit zugelassen ist und damit auch in Deutschland angebaut werden darf.
Die Juristen haben nur ein einziges Schlupfloch in Form einer Schutzklausel gelassen: Wenn ein Mitgliedsland "auf der Grundlage neuer oder zusätzlicher wissenschaftlicher Erkenntnisse" zu der Annahme gelangt, dass ein gentechnisch veränderter Organismus Gefahren für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt birgt, kann es ihn vorübergehend aus dem Verkehr ziehen. Brüssel wird sich später dann erneut damit befassen oder es vielleicht auch sein lassen, je nach politischer Großwetterlage.
Im Dickicht der Gutachten
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse also sind gefordert. Und das in einem Gutachterstreit, der sich seit gut zehn Jahren hinzieht. Die Schlacht um die erste und bislang einzige Genpflanze, die in Europa für den kommerziellen Anbau zugelassen ist, hat schon etliche Regalkilometer Literatur hervorgebracht. Inzwischen spielt sich der Streit auf der Ebene von Metastudien ab, die andere Studien unter die Lupe nehmen, die ihrerseits Veröffentlichungen über Experimente zusammenfassen.
Der Ton ist ruppig geworden in der Szene, die Experten pro und kontra sind intim verfeindet. Vorwürfe reichen gern mal unter die Gürtellinie, Studien, die sich außerhalb des Dogmas der Unbedenklichkeit bewegen, werden entweder ignoriert oder abgewatscht. Ist das nicht möglich, werden mit Industriegeldern aufwendige Gegenstudien lanciert, mit dem Ziel, die missliebigen Ergebnisse zu widerlegen oder sie unter dem Wust neuer Zahlen zu begraben.
Verbreitung im Test
Bei der Risikobewertung ging es anfangs um die Frage, ob sich das Gen, das dem Mais eine Resistenz gegen den Maiszünsler-Schädling verleiht, unkontrolliert ausbreiten könnte. Es stammt aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis und soll der Zünslerlarve - und nur der - den Garaus machen. Heimische Verwandte hat der Mais nicht, folglich kann er seine Gene auch nicht auf dem Wege der Kreuzung mit anderen Arten verbreiten. Aber es könnte sein, dass er den Mais vom Biobauern nebenan bestäubt.
Also wurde in Feldversuchen ermittelt, wie weit die gelben Körnchen überhaupt fliegen. Mit rund einem Zehntel Millimeter Durchmesser gehört der Pollen von Zea mays zu den Schwergewichten, entsprechend plumpst der Großteil nur wenige Meter von der Mutterpflanze entfernt zu Boden. An besonders warmen Tagen kann ein kleiner Teil jedoch von der Thermik emporgerissen und in alle Himmelsrichtungen verweht werden. Eine theoretische Obergrenze für die dabei zurückgelegte Strecke gibt es nicht, in der Praxis nimmt die Pollendichte aber schon wenige Meter neben dem Feld exponentiell ab.
Noch in der Diskussion um die vor Jahresfrist in Kraft getretene Novelle des Deutschen Gentechnikgesetzes ging es deshalb hauptsächlich um die Frage, wie groß die Sicherheitsabstände sein müssen, um die Befruchtung von herkömmlichem Mais mit Pollen aus benachbarten Bt-Maisfeldern zu verhindern oder wenigstens unter einen Grenzwert von 0,9 Prozent zu drücken. Haftungsprobleme kamen ins Spiel: Wer entschädigt bei Verstößen die benachbarten Bauern, was ist mit den Imkern, die keine Gentechnik in ihrem Honigtopf haben wollen?
Gefahren für „Nichtziel-Organismen“?
Mittlerweile liegen alle nötigen Fakten auf dem Tisch, sie sind aus wissenschaftlicher Sicht auch nicht mehr umstritten. Argumente in Sachen Pollenflug konnte die Ministerin Aigner also nicht mehr ins Feld führen. Selbst die Befürchtung, dass sich das Bacillus-Gift in der menschlichen Nahrung, beispielsweise in der Kuhmilch, wiederfinden könnte, gilt nach umfangreichen Fütterungsstudien als widerlegt.
In der aktuellen Entscheidung konzentriert sich deshalb alles auf die Frage, ob es mögliche Gefahren für "Nichtziel-Organismen" gibt. Lebewesen, die dem Mais nichts Böses wollen, sollen ja nach Möglichkeit nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.
Die Ministerin hatte zur Einschätzung dieses Problems drei Behördengutachten angefordert. Der Öffentlichkeit vorgestellt wurden sie nicht. Nach allem, was man hört, kamen das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit und das Braunschweiger Julius Kühn-Institut zu dem Schluss, MON 810 sei für die Umwelt unbedenklich. Das Bundesamt für Naturschutz wiederum meldete Bedenken an. Und die reichten der Ministerin offenbar, die Anfang April kurz bevorstehende Aussaat auf insgesamt knapp 3700 Hektar Fläche zu untersagen.
Zuletzt: zwei aktuelle Studien
Ganz leicht nachzuvollziehen ist das nicht. Die beteiligten Mitarbeiter waren unter Hinweis auf ihre Beamtenpflicht zum Schweigen verdonnert worden. Trotzdem würde man natürlich gern wissen, welche Bedenken den Ausschlag gaben. Dazu befragt, verwies die Ministerin auf neue Erkenntnisse aus Luxemburg. Wenige Wochen zuvor hatte der EU-Nachbar nämlich ebenfalls die Schutzklausel bemüht.
Die achtseitige schriftliche Begründung der Luxemburger liegt jetzt vor; die dort zitierten Quellen decken sich im Wesentlichen mit einer Literaturliste, die auf Anfrage von der Pressestelle des Bundeslandwirtschaftsministeriums zur Verfügung gestellt wurde. Kämmt man beide Dokumente durch, reduzieren sich die neuen experimentellen Daten auf zwei aktuelle Studien, die erneut die Frage aufwerfen, wer oder was durch Bt-Mais geschädigt werden könnte.
Wasserflöhe auf Maismehldiät
Etwas realitätsfern war das, was norwegische Forscher herausgefunden hatten: Sie setzten Wasserflöhe auf eine reine Maismehldiät, mit dem Ergebnis, dass die mit Bt-Mehl traktierten Flöhe früher starben und weniger Nachwuchs bekamen als die mit konventionellem Mais gefütterten Genossen. In der Natur ernähren sich Wasserflöhe jedoch von winzigen Algen. Wie sollen sie auch an Maismehl gelangen? Sie könnten höchstens einmal verwehte Pollenkörner aufnehmen - für einen Wasserfloh ziemlich große Brocken.
Man hätte dem Wasserfloh, wenn schon, denn schon, also Pollen vorsetzen müssen. Doch ausgerechnet MON 810 enthält, anders als ähnliche Genmaissorten, im Pollen so wenig Bt-Gift, dass selbst der hochempfindliche Maiszünsler nicht an einer reinen Pollendiät zugrunde geht.
. . . und die Marienkäfer
Um zum Kern der Auseinandersetzung vorzudringen, muss man sich gründlicher mit der zweiten Studie befassen. Sie ist am Institut für Integrative Biologie der Eidgenössisch-Technischen Hochschule Zürich unter Federführung von Angelika Hilbeck entstanden. In der Februarausgabe der Zeitschrift Archives of Environmental Contamination and Toxicology wird beschrieben, was passiert, wenn man frühe Larvenstadien des Zweipunkt-Marienkäfers Adalia bipunctata mit Mehlmotteneiern füttert, die zuvor mit Bestandteilen von Bt-Gift besprüht wurden.
Der Zweipunkt-Marienkäfer, muss man dazu wissen, ist das Haustier der Ökotoxikologen. Der erwachsene Käfer und seine Larvenstadien werden seit Jahrzehnten routinemäßig bei der Verträglichkeitsprüfung von Pestiziden eingesetzt. Solche Testreihen sind aufwendig und verschlingen viel Geld. Deshalb wäre das Ergebnis der Schweizer Forscher auch von einigem Gewicht - wenn es denn so eindeutig wäre, wie sie es darstellen. Oder wenn es so eindeutig falsch wäre, wie die Gegenkritiker meinen, die auf der Stelle versuchten, es in Grund und Boden zu rammen.
Fronten zwischen den Experten
Schon vor der Veröffentlichung war Daniel Doerge, der Herausgeber der Zeitschrift, mit Einwänden konfrontiert worden. Der Agrarökologe Stefan Rauschen von der RWTH Aachen, der seine persönliche Enttäuschung über den schleppenden Fortgang der grünen Gentechnik in Deutschland gerade in einem Brief an die Zeitschrift Nature Biotechnology formuliert hat, bemängelte Studiendesign und experimentelle Details. So bezweifelte er unter anderem, dass die Autoren wirklich gewusst hätten, mit welchen Giftlösungen sie in ihren Versuchen hantierten - ein Vorwurf, der jeden Laborforscher ins Mark treffen muss. Angelika Hilbeck bestreitet ihn denn auch vehement: "Wir haben einen simplen Ökotox-Test durchgeführt, der überall Standard ist."
So speziell sich der Streit im ersten Moment auch anhört - er wirft doch ein ziemlich deutliches Licht darauf, wie Wissenschaft im Besonderen funktioniert. Und wie Experten aneinander vorbeireden, wenn sie sich einmal in ihren Wagenburgen verschanzt haben.
Larvenstadium im Visier
Was ist überhaupt das Neue an dieser Käferstudie, die nun über Wohl und Wehe der grünen Gentechnik in Deutschland entscheidet? "Bisher wurden im Labor nur erwachsene Käfer und ältere Larven getestet", erklärt Angelika Hilbeck. "Jeder weiß, die sterben nicht dran. Die sterben auch nicht, wenn man ihnen Blattläuse oder MON-810-Pollen vorsetzt." Die Züricher Forscherin, die zur Zeit an der Stanford University arbeitet, wundert sich, dass bisher niemand die einfache, jedoch relevante Frage untersucht hat: Wenn die ersten Larvenstadien des Marienkäfers nach dem Schlüpfen reines Bt-Toxin fressen - zeigt sich dann eine Giftwirkung oder nicht? "Das war unser Ansatz, und dabei sieht das dann plötzlich ganz böse aus."
Konkret gesagt raffte es in den Schweizer Experimenten immerhin 53 von 120 der Larven bei einer mittleren Dosis von 25 Mikrogramm Bt-Toxin pro Milliliter Flüssigkeit hin, die, wie im Labor üblich, auf Mehlmotteneier gesprüht worden war. Im Kontrollversuch ohne Gift starben dreimal weniger Kandidaten.
Bei solchen Resultaten stellt sich in der Fachszene sofort ein Reflex ein, wie ihn Christian Morgenstern an seinem Gedichthelden Korff beschrieben hat, der, von einem Auto angefahren, die Gesetzesbücher studiert, und zu dem Ergebnis kommt, dass einfach nicht sein kann, was nicht sein darf.
Ein unmöglicher Effekt?
Der Schweizer Insektenexperte Franz Bigler beispielsweise, Leiter der Gruppe Biosicherheit an der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon, hat selbst viele Jahre mit Marienkäfern gearbeitet. Er ist Angelika Hilbecks früherer Mentor und hat einmal eng mit ihr kooperiert. Bigler findet die neue Arbeit seiner Exmitarbeiterin "methodisch mangelhaft, nicht überzeugend" und obendrein noch nicht einmal spannend. Als Gutachter hätte er sie keinesfalls zur Publikation empfohlen, sagt er.
Die Käferstudie widerspreche außerdem grundlegenden biologischen Tatsachen. "Junge Marienkäferlarven saugen ihre Beute aus, statt sie zu fressen. Wer Eier mit Bt besprüht, der setzt die frühen Larvenstadien dem Gift gar nicht aus." Wieso aber sterben sie dann trotzdem wie die Fliegen? "Es ist ein unmöglicher Effekt", beharrt Bigler. Dass die älteren Larven, die die besprühten Eier definitiv hinunterschlingen, überhaupt keine Vergiftungssymptome zeigen, sei völlig unerklärlich und lasse ihn eben an der Aussagekraft des gesamten Experiments zweifeln.
Bigler und Hilbeck sprechen seit längerem nicht mehr direkt miteinander. Deshalb muss man ein Gespräch mit ihnen etappenweise führen. "Hat er gesagt, die frühen Larven saugen die Eier aus?", fragt Angelika Hilbeck ungläubig zurück. "Käferlarven sind mandibuläre Predatoren, die können nicht saugen. Mandibeln sind keine Saugwerkzeuge." Ja, was denn nun, fragt sich da der Laie, saugen sie oder nicht?
Stechen oder saugen?
Reduziert man das ganze Hin und Her um den Genmaisanbau, scheint dies wirklich die technische Kernfrage zu sein: Sticht und saugt die Marienkäferlarve noch, oder schlingt sie schon? Franz Bigler verweist auf einschlägige Quellen, die Monographie "Ecology of Coccinellidae" etwa, wo auf Seite 235 die Futteraufnahme von aphidophagen Coccinelliden beschrieben und dazu reichlich Literatur zitiert wird: "Wenn die Beute zu groß ist, wird sie lediglich ausgesaugt und die Hülle verschmäht. Das ist das normale Fressverhalten im ersten und zweiten Larvenstadium", heißt es.
Angelika Hilbeck wiederum sieht in diesem Punkt erst einmal nur den Versuch, wieder "die alte Schiene der Diskreditierung" zu fahren. Auch sie findet nach langem Suchen zwar eine einsame Referenz zum Stechen und Saugen junger Larven, bleibt aber dabei: "Wie die Larven das mit ihren kauenden Mundwerkzeugen bewältigen sollen, das ist nicht geklärt." Möglicherweise handele es sich um eine Art "Notlösung für die Jungen", die mit ihren winzigen Mandibeln noch nicht jedes Ei zerbeißen könnten. Im Übrigen sei das auch nicht so wichtig: "Fakt ist: Die jungen Larven haben Kontakt gehabt mit dem Gift und weisen nachweislich eine deutlich höhere Sterblichkeit auf. Unser Datensatz ist robust."
Wissen es die Forscher denn wirklich nicht?
Richtig fassen mag man das nicht. Hat denn in all den Jahren, in denen Marienkäferlarven Pestizide über sich ergehen lassen mussten, tatsächlich noch niemand hingesehen? Es hätte doch in einer stillen Stunde einfach nur mal jemand ein Stereoskop nehmen und den Fraßvorgang der Larven mit der gleichen Hingabe studieren müssen, mit der er sonst seine Pipetten sortiert. Rätselhafte Forschung, könnte man sagen. Und rätselhafte Politik, die sich auf solche Befunde zurückzieht, wo sie doch einfach dekretieren könnte, dass man den Genmais nun mal nicht haben will.
Da stellt sich schon die Frage, ob Laborversuche wie dieser tatsächlich geeignet sind, weitreichende Aussagen über Umweltrisiken im Freiland zu begründen. Denn normalerweise ernähren sich Marienkäfer nicht von Mehlmotteneiern, sondern von Blattläusen, die sich am Saft der Stengel und Blätter satt saugen. Lässt sich im Pflanzensaft von MON 810 überhaupt Bt-Toxin nachweisen? "Wir haben den reinen Saft gemessen", sagt Franz Bigler: "Da ist nichts drin." Demzufolge auch in Blattläusen nicht. Und noch viel weniger in Marienkäfern oder anderen Blattlausjägern.
Forschungspolitik
Das Häuflein derer, die noch mit experimentellen Methoden herausfinden wollen, wo die Risiken der grünen Gentechnik lauern könnten, ist in der Tat überschaubar geworden. Wer in dieser Ecke arbeitet, bekommt es mit der geballten Macht des Forschungsapparates zu tun: Kurz nach der Entscheidung der Ministerin Aigner protestierten in einer gemeinsamen Erklärung die Alexander von Humboldt-Stiftung, die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, der Deutsche Akademische Austauschdienst, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, die Hochschulrektorenkonferenz, die Leibniz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft sowie der Wissenschaftsrat, also praktisch alle relevanten Forschungsorganisationen hierzulande außer vielleicht dem Deutschen Archäologischen Institut.
Angelika Hilbeck erlebt das nicht zum ersten Mal. "Sind wir vielleicht wieder im Mittelalter, wo der Überbringer schlechter Nachrichten geköpft wurde?", fragt sie sich. Das Verbot der Politik sei doch vor allem ein Fanal für ihre Gegner. "Die Strategie, Schlammschlachten in die Wissenschaft zu tragen, ist komplett gescheitert." Jetzt müsse man endlich zu einer "soliden Diskussion" zurückfinden, unter Wissenschaftlern, die unabhängig bleiben und offene Fragen ehrlich klären wollen.
Auftragsforschung
Der Ruf nach Unabhängigkeit wird in der Tat lauter. In den Vereinigten Staaten haben 26 Experten für Maisschädlinge aus 16 Ländern kürzlich eine Erklärung abgegeben, in der sie Knebelverträge mit den Agrarkonzernen beklagen. Ohne Vertrag erhalte man kein gentechnisch verändertes Saatgut, schreiben sie. Mit den Verträgen aber sichern sich die Unternehmen Einflussmöglichkeiten auf Versuchsabläufe. "Bei vielen kritischen Fragen ist eine wirklich unabhängige und legale Forschung nicht mehr möglich", heißt es in der Erklärung auf der Internetseite www.regulations.gov.
Auch Franz Bigler sehnt sich im Grunde danach, dass auf dem Feld der grünen Gentechnik endlich wieder eine offene Debatte stattfindet. Stattdessen werde die Wissenschaft von allen Seiten instrumentalisiert und missbraucht: "Wie soll denn ein Politiker entscheiden, ob eine aktuelle Publikation gut und wichtig ist oder nicht?" Es könne doch nicht angehen, dass sich Politiker aus dem Strauß verfügbarer Studien immer nur jene herauspicken, die am besten in ihr parteipolitisches Kalkül passen.
Wissenschaftlicher Konsens wird verteidigt
Wo aber könnte mehr Klarheit herkommen? Wenn sich schon die Experten streiten? Der britische Wissenschaftssoziologe Harry Collins hat sich in seinem jüngsten Buch "Rethinking Expertise" mit der Frage beschäftigt, wie sich echte Fachaussagen von fragwürdigen unterscheiden lassen, ohne dass der Ratsuchende selbst an der Front der Forschung stehen muss. "Ein Außenseiter kann nicht einfach in ein Forschungsgebiet hineinspazieren und eine Methode anbieten, die laufenden Kontroversen zu beenden", sagt Collins.
Der Wissenschaftssoziologe erinnert an ein frühes Debakel der Diskussion um die grüne Gentechnik. Als der Schotte Arpad Pusztai 1998 seine bedenklich stimmenden Ergebnisse über Fütterungsversuche mit einer nicht zugelassenen Sorte von Genkartoffeln an Ratten veröffentlichen wollte, sei er skandalös behandelt worden, erzählt Collins. Dabei habe es sich nur um einen legitimen Angriff auf einen wissenschaftlichen Konsens gehandelt, der aus einem halbwegs respektablen Labor stammte. Man habe damals schlicht die Autorität der wissenschaftlichen Mehrheit eingesetzt, um einen Kritiker von seinem Posten zu entfernen.
Politik und wissenschaftliche Unübersichtlichkeit
An so einem Punkt, sagt Collins, könne man erkennen, wenn es an Fairness innerhalb der Wissenschaft mangelt. Ihm kämen Expertenkontroversen zum Beispiel immer dann verdächtig vor, wenn sich im Labor erste Hinweise auf potentielle Risiken ergeben, sich die etablierte Scientific Community aber weigere, die Experimente zu wiederholen, um sie ordnungsgemäß zu überprüfen.
Die meisten echten Kontroversen in der Wissenschaft folgten demselben Muster, hat Collins beobachtet. Zunächst herrscht legitimer Zwist. Im Normalfall schreite die Wissenschaft anschließend voran, nach einer Weile würden starke Behauptungen, beispielsweise solche über angebliche Gesundheitsgefahren von Genpflanzen, immer seltener in den wichtigen Fachzeitschriften veröffentlicht. Sie wanderten dann in die Sekundärliteratur und ins Internet ab und würden nur noch auf speziell arrangierten Konferenzen ausgetauscht.
Erst einmal: Experimente wiederholen
Da sich später ohnehin mehr als die Hälfte aller in der Biologie publizierten Daten als wertlos erwiesen, täten Politiker auf der Suche nach klugen Entscheidungen also gut daran, sich nach einer gewissen Zeit des Alarmismus wieder dem Urteil der Gemeinschaft der technisch versierten Wissenschaftler anzuschließen.
Collins hat ein "Periodensystem der Expertise" entwickelt. Lässt sich daraus ein Rat für die deutsche Politik ableiten? Er selbst habe die Studien zu den Marienkäfern nicht gelesen und besitze selbstverständlich keine legitime Kompetenz, räumt Collins ein. Der normale wissenschaftliche Vorgang in solchen Zweifelsfällen aber wäre, die Ergebnisse erst einmal zu wiederholen und so lange unter Fachleuten zu diskutieren, bis die Angelegenheit geklärt ist.
Inzwischen könne man die Pflanzen auf den Äckern ja weiterhin beobachten, sagt Collins: "Der Rest ist Populismus."
Jörg Albrecht Jahrgang 1954, verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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