Licht und Schatten der sozialen Medien. Mit diesem Halbsatz und einer für japanische Verhältnisse gehörigen Portion Wut im Bauch hat der Webdesigner Yasuhisa Hasegawa, ein bekannter Blogger aus Tokio, vor wenigen Tagen einen Eintrag in sein Blog überschrieben. Licht, das war seine Erfahrung unmittelbar nach dem verheerenden Erdbeben und dem Zusammenbruch der Telefonleitungen an der Ostküste, als er das Internet und die sozialen Netze nutzen konnte, mit seinen Freunden und der Familie in Kontakt zu bleiben. Die Schattenseiten aber waren es, die ihn zum Schreiben bewogen. „Fragen wir uns, ob wir wirklich Informationen verbreiten sollen, bevor wir dessen Bedeutung wirklich verstanden haben. Oder ob es vielleicht doch eine mentale Blockade gibt, die uns vergessen lässt, die Fakten zu prüfen, sobald wir die Worte erkennen.“
Es geht um Informationen, die mit einem Klick um die Welt geschickt werden. Um Informationen, die wie Fakten daherkommen und Gerüchte transportieren. Die geeignet sind, Panik zu schüren und die Unsicherheit zu verstärken, statt sie abzubauen. „Wir teilen Informationen und unterschätzen doch ihre Macht“, schreibt Hasegawa. Ein Klick, und viele Leute können die Nachricht lesen. „Wir müssen gar nicht mehr schreiben.“
Gemeint ist natürlich Twitter. Der internetgestützte Kurznachrichtendienst, vor fünf Jahren ins Leben gerufen worden, vernetzt mittlerweile zweihundert Millionen Menschen, jeden Tag kommen ein paar hunderttausend dazu. Jeden Tag sollen schon weit mehr als hundert Millionen Nachrichten mit maximal 140 Anschlägen den Weg zu den Freunden, den „Followern“, suchen. Und selbst wer nur ein paar hundert – ihrerseits vernetzte – Gefolgsleute hat und solche, die seinen Nachrichten folgen, spürt schnell, dass hier ein Kommunikationswerkzeug geschaffen wurde, das eine neue Dimension von Dringlichkeit vorgaukelt und die Beliebigkeit zelebriert.
Die zweite Flut
Tatsächlich sind nicht nur die Geschwindigkeit und die enorme Weiterverbreitung geeignet, die doch eher konservative, vorsichtige Meinungsbildung von Wissenschaftlern herauszufordern. Es ist die schiere Masse, die dafür sorgt, dass belastbare Fakten im üblichen Gebrabbel untergehen. Zunehmend freilich auch im gehobenen Wortschwall der Lobbyisten. Während sich das soziale Netz Twitter also auf der einen Seite eignet, möglichst schnell und von jedem Ort der Welt aus quasi als mobile Sende- und Empfangsstelle Informationen wie Internetadressen zu handeln und somit Allianzen zu gründen, die durchaus soziales Gewicht bekommen, ist die Gefahr der massenhaften Desinformation doch unübersehbar. Im Fall der Atomkatastrophe von Fukushima lässt sich das in Echtzeit beobachten, wenn man etwa das Twitternetz mit den Suchbegriffen #Fukushima oder #Kernschmelze durchforstet.
Selbst wer sich auf einige wenige als seriös identifizierte Nachrichtenlieferanten kapriziert, erliegt, sobald die Krise wieder zu eskalieren droht, schnell der Versuchung, auf vermeintlich schnellere Quellen auszuweichen. Denn klar ist: Die wissenschaftlich fundierte Information ist im Wettbewerb um Geschwindigkeit und Einfachheit den unseriösen Absendern meistens unterlegen.
Das hindert die Wissenschaftler selbst allerdings keineswegs, die sozialen Netze immer fester ins Herz zu schließen. Mehr noch: Nach dem Motto, viele Köpfe sehen mehr als einer, werden Publikationen jenseits des üblichen Peer-Review-Verfahrens einem informellen Seriositäts- und Mehrwertprüfverfahren unterworfen. Solche offenen Internetbegutachtungen gibt es schon seit den neunziger Jahren etwa mit dem Physik-Archiv asXiv.org. Originalarbeiten, die später offiziell publiziert werden sollen, können im Netz vorab kommentiert und damit letzten Endes verbessert werden. Im Grunde jedoch fährt man damit aber immer noch auf bewährten Schienen. Zunehmend Druck wird allerdings auf den Nebengleisen der neuen sozialen Medien erzeugt. Manche Wissenschaftsblogs oder Facebook-Seiten etwa haben schon auch in Forscherkreisen Kultstatus, weil dort mit offenem Visier und engagiert diskutiert werden darf.
Kochende Wissenschaftsseelen
Ein Paradebeispiel für diese Art der Adhoc-Kommunikation war etwa im vergangenen Dezember zu beobachten, als die Weltraumbehörde Nasa parallel zu der „Science“-Veröffentlichung von völlig neuartigen Mikroben sprach, die als elementaren Lebensbaustein Arsen anstelle von Phosphor nutzen sollen. In zahlreichen Blogs haben sich Spezialisten inhaltlich mit den Experimenten und Methoden auseinandergesetzt – die meisten extrem kritisch. Die Erstautorin, Felisa Wolfe-Simon, hat sich anfangs zwar geweigert, auf Kritik zu reagieren, die nicht mit dem Segen von Fachgutachtern in einem entsprechenden Journal erschienen ist. Wenig später aber hat sie, offensichtlich besorgt um ihre Reputation angesichts der um sich greifenden Internetbeiträge, doch auf ihrer Webseite einige Fragen zu beantworten versucht.
Als dann vor wenigen Tagen unter dem Titel „Leben und sterben mit Arsen“ ein wissenschaftlicher Artikel im Netz kursierte, kochten viele Wissenschaftlerseelen hoch. Vor allem die der internetaffinen Forscher. Zum ersten Mal sollte in einer klassischen Wissenschaftszeitschrift – „BioEssays“ – zu der vermeintlichen Entdeckung der Nasa-Astrobiologin Stellung genommen werden, und was war zu lesen? Kein Wort zu der inhaltlichen Kritik aus der Netzgemeinde, geschweige denn die Urheber der kritischen Blogbeiträge. Stattdessen ein einziger Satz: „Die Studie hat umfangreiche Kommentare, oft als anonyme elektronische Botschaft, ausgelöst.“ Eine Verhöhnung der seriösen Wissenschaftsblog-Gemeinde. Die Reaktionen im Netz sind entsprechend ausgefallen und im Blog „NeuroDojo“ des texanischen Biologen Zen Faulkes nachzulesen.
Ernsthafte Ansätze, die Begutachtungen in sozialen Foren tatsächlich zu würdigen, gibt es längst: Auf der Seite „F1000“ (http://f1000.com) etwa wird mit eingeworbenen Gutachtern versucht, die Kritiken der Netzgemeinde von bereits veröffentlichten Arbeiten einzuordnen – sogar regelrecht zu quantifizieren. Der Haken bisher: Die Publikationen werden selten anders eingestuft als mit den schon vorhandenen metrischen Prüfverfahren wie dem Zitationsindex.
Twittern oder nicht twittern
Die Erneuerer der Wissenschaftskommunikation entdecken allerdings mit der Ausweitung der sozialen Zonen im Netz immer neue Wege in ein neues, offeneres und flexibleres System: Paul Zacharias Myers, Biologe an der University of Minnesota, hat jetzt in seinem Blog „Pharyngula“ den Prototyp einer künftigen „multimedialen und multidimensionalen Wissenschaftskommunikation“ präsentiert: Nur am Rande geht es um ein kürzlich in „Plos One“ (http://www.faz.net/-01q7wi) veröffentlichte Originalpublikation von Jonathan Eisen. Die Arbeit enthält eine Stammbaumanalyse von Genommaterial, das Eisen zusammen mit dem Team um Craig J. Venter im Projekt „Global Ocean Sampling“ an Bord von Venters Jacht Sorcerer gesammelt hatte. Vorsichtig, aber dezidiert kommt Eisen zu dem Schluß, dass man nach dem Vergleich geeigneter Gensequenzen Indizien für ein mögliches viertes Organismenreich im Meer gefunden hat. Nicht Bakterien, nicht Archaeen, nicht Eukaryonten, am ehesten stelle man sich eine Art „neuer Viren“ darunter vor.
Entscheidend war für Myers aber, wie Eisen, der selbst bloggt und in leitender Funktion bei „Plos One“ arbeitet, seine Publikation einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt hat: Mit einem elektronischen Großaufgebot an Zusatzinformationen und Hintergrundgeschichten in seinem eigenen Blog „The Tree of Life“, die in keiner konventionellen Veröffentlichung etwas zu suchen hätten. Dazu zählt auch ein populär aufbereitetes Video. Statt einer klassischen Presseinformation, in der die Ergebnisse auf den Punkt gebracht werden, wählte er den Weg einer ihm gemäßen Aufklärung in Bild und Ton. „Ich hatte Sorge, dass ich die Sache im Umgang mit der Presse überzeichne“, schreibt Eisen, „wir haben für unsere Befunde einfach noch keine schlüssigen Erklärungen.“
Ein Blog als Fluchtpunkt der seriösen Wissenschaftskommunikation und als Zielort maximaler Transparenz? Seine Botschaft hatte Eisen jedenfalls via Twitter und Facebook schnell verbreitet. Wie groß aber wird die Bereitschaft zu einer so gehaltvollen Aufbereitung bei jenen Autoren sein, die weniger vernetzt sind und weniger schreibfreudig, die dafür aber ihre Meriten der wissenschaftlichen Kärrnerarbeit zu verdanken haben? Sollen sie ins kommunikative Abseits geraten?
Desinformation nur bei Twitter?
Martin S (immernurwollen)
- 23.03.2011, 08:06 Uhr
Aber andererseits
Julius Schäffer (jschaeffer)
- 23.03.2011, 08:59 Uhr
Heißer Dampf am Beispiel Fukushima
Dirk Resühr (resus42)
- 23.03.2011, 14:29 Uhr
Eulen zwitschern nicht.
Samuel Weise (samweis2111)
- 23.03.2011, 14:49 Uhr
Komischer Artikel
Harro Kramer (harrok)
- 23.03.2011, 15:23 Uhr