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Fledermäuse Massengeburt im Internet

21.04.2006 ·  Fledermausdamen gebären in Gemeinschaft: Trächtig und kopfüber hängen zur Zeit mehr als 1500 Große Mausohrweibchen im Wasserkraftwerk in Nassau. Über eine Webcam wird man dort in wenigen Tagen die ersten Geburten live im Internet verfolgen können.

Von Anne Bogdanski
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Fledermausdamen gebären in Gemeinschaft. Trächtig und kopfüber hängen zur Zeit an die 1500 Große Mausohrweibchen in einem dunklen Kellergewölbe des Wasserkraftwerks der rheinland-pfälzischen Stadt Nassau von der Decke. Sie haben sich nach einem kurzen Encounter mit den männlichen Vertretern ihrer Spezies und einem langen Winterschlaf in dieser Wochenstube zusammengefunden, um dort unter sich ihre Jungen zur Welt zu bringen und aufzuziehen. Ganz unter sich sind sie dieses Mal allerdings nicht. Eine Infrarot-Webcam des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) und des Südwestrundfunks leistet den Damen schon seit Anfang April stete Gesellschaft. Rund um die Uhr sind die Tiere seitdem für die Öffentlichkeit im Internet zu beobachten - eine Premiere. (Hier geht es zur Fledermaus-Webcam)

Noch kann man in dem dichtgedrängten Durcheinander nur erahnen, was da von der Decke baumelt. Erst bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Geschaukel als eine Traube aus Flügeln und Fledermausköpfen. Noch hängen die Damen trächtig herum, doch schon in kurzer Zeit werden die ersten nackten und blinden Babys der Glattnasenfamilie geboren werden. Die Hinterbeine kräftig, die Krallen weit entwickelt, plumpsen sie zunächst in eine Art Beutel, der aus der Schwanzhaut der Mutter gebildet wird. Sobald die Nabelschnur durchbissen ist, geht der Stress los. Aus den Auffangtaschen müssen sie es bis zur mütterlichen Zitze schaffen. Ein weiter Weg - vom Schwanz aus betrachtet. Und dann auch noch gegen die Schwerkraft.

Helle „Zick-Zick-Zick“-Rufe

Die Krallen im Fell der Mutter verankert, kriechen sie bis auf Brusthöhe vor und beißen sich erst mal kräftig mit ihren spitzen Zähnen an einer der Zitzen fest. Zwei Wochen schleppen die frischgebackenen Mütter nun die Quälgeister mit sich herum, bis sie weit genug entwickelt sind, sich eigenständig unter der Decke aufzuhängen. Immer länger werden die Kinder nun allein gelassen, damit die Erwachsenen auf die Jagd gehen können, um so für das eigene leibliche Wohl und das der Kleinen zu sorgen.

Mit hellen "Zick-Zick-Zick"-Rufen wird nach der Muttermilch verlangt und die Mutter auf Trab gehalten. Bis die Jungtiere sich selbst ernähren können, vergehen an die 60 Tage. Dann allerdings beißen die Kleinen kräftig zu - diesmal nicht nur in die Zitze der Mutter. Selbst Maikäfer können mühelos zermahlen werden.

Große Mausohren sind zumeist Einzelkinder

Ein seltenes Schauspiel ist es, das man in Nassau beobachten kann. Die bedrohten Tiere, die neben den 21 anderen deutschen Fledermausarten auf der Roten Liste stehen, sind stark gefährdet und somit der Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich. Seit den sechziger Jahren ist Deutschlands Fledermausbestand erheblich geschrumpft, und erst in den vergangenen Jahren ist wieder ein Zuwachs bei einigen Arten zu verzeichnen. Der Bestand der Großen Mausohren allerdings schwindet weiter. Der Mensch hat immer noch nicht gelernt, daß die flatternden Tiere geeignete Unterschlupfmöglichkeiten zum Überleben benötigen.

Bis zum Ende des Monats werden weitere 1000 Fledermausdamen im Wasserkraftwerk erwartet. Zählt man den Nachwuchs hinzu, macht das unterm Strich 5000 Exemplare. Große Mausohren sind zumeist Einzelkinder. Und das ist wahrscheinlich auch besser so. Es sieht jetzt schon arg eng aus, dort unten im Keller unter der Decke.

Quelle: F.A.Z., 21.04.2006, Nr. 93 / Seite 36
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