14.05.2003 · Sogar die großen Fische muß man heutzutage mit der Lupe suchen. Die Bestände an Raubfischen in den Weltmeeren sind in den vergangenen Jahrzehnten jedenfalls viel stärker geschrumpft als bisher angenommen.
Von Joachim Müller-JungSogar die großen Fische muß man heutzutage mit der Lupe suchen. Die Bestände an Raubfischen in den Weltmeeren sind in den vergangenen Jahrzehnten jedenfalls viel stärker geschrumpft als bisher angenommen. Wenn die Erhebungen des kanadischen Fischereibiologen Ransom Myers von der Dalhousie University in Halifax und seines deutschen Mitarbeiters Boris Worm von der Universität Kiel auch nur einigermaßen zutreffen, dürften die Populationen von Schwertfisch, Marlin, Thunfisch, Kabeljau, Heilbutt und Rochen in den offenen Ozeanen und den großen Schelfmeeren allenfalls noch zehn Prozent ihrer ursprünglichen Größe haben. Mit "ursprünglich" ist in diesem Fall die Populationsgröße gemeint, die vor Beginn der industrialisierten Hochseefischerei in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts angenommen werden darf.
Die Zahlen haben Myers und Worm durch umfangreiche Recherchen in älteren Datensammlungen gewonnen, die aus Forschungsfahrten zu jener Zeit stammen. Diese Daten wurden sukzessive ergänzt und verglichen mit Erhebungen und Stichproben, die im Laufe der folgenden Jahre ermittelt wurden. Dabei beschränkten sie sich auf jene Meeresregionen, von denen auch wirklich vollständige Datenreihen der vergangenen fünfzig Jahre vorliegen. Damit fallen sogar einige der größten und am stärksten befischten Fanggebiete wie große Teile des Nordatlantiks heraus. Von den äquatorialen und südlichen Teilen aller drei Ozeane gibt es hingegen ausreichend abgesicherte Daten. Was die Schelfmeere angeht, gilt das für den Nordwest-Atlantik genauso wie für den Golf von Siam und das Antarktische Meer vor Südgeorgien. Von den Beständen auf offener See hatte man bisher überhaupt keine oder nur sehr sporadische Kenntnisse. Myers und Worm hatten nun Zugang bekommen zu den Daten der japanischen Hochseeflotte - die bei weitem größte und nahezu weltweit agierende Fischereiindustrie.
Die Auswertung dieser Fangstatistiken brachte das Dilemma der modernen Fischerei mit bisher nie dagewesener Klarheit zutage. Einen Vorgeschmack hatte man vor wenigen Monaten bekommen können, als die beiden Fischereibiologen zusammen mit ihrer Kollegin Julia Baum und einigen anderen Fachleuten in der Zeitschrift "Science" (Bd.299, S.389) über die Entwicklung der Hai-Populationen vor der kanadischen Ostküste berichteten. Bei den Untersuchungen im nordwestlichen Atlantik zeigte sich, daß die Bestände von siebzehn erfaßten Hai-Arten in weniger als zwei Dekaden um mehr als die Hälfte geschrumpft sind. Manche wie Hammerhai und der große Weiße Haie erlitten offenkundig Verluste von mehr als drei Vierteln.
Die Zahlen allerdings, die man jetzt in der heute erscheinenden Ausgabe der Zeitschrift "Nature" (Bd.423, S.280) präsentiert, sind noch erschreckender. Denn sie zeigen nicht nur, daß man die Bedrohung der weltweiten Fischbestände unterschätzt hat, sondern daß man offenkundig jahrzehntelang eine auf Unkenntnis basierende oder ignorante Fischereipolitik und ein entsprechendes Management betrieben hat. Denn den Verantwortlichen etwa in der japanischen Fischereiverwaltung hätte schon früh bekannt sein müssen, welche Auswirkungen die großangelegte Langleinenfischerei in den offenen Meeren hat.
Bereits zehn bis fünfzehn Jahre nach Auslaufen der ersten Industriekähne, das machen die Zahlen deutlich, waren die Populationen um mehr als achtzig Prozent geschrumpft. Seitdem dümpeln die Fangquoten auf einem niedrigen und immer weiter fallenden Niveau. Das zeigen nicht zuletzt auch viele der von der Welternährungsbehörde FAO in regelmäßigen Abständen erhobenen Daten. Nicht einmal die Modernisierung der Flotten und Fischereitechniken oder die Vergrößerung der Fangflotten vermochten die Fangerfolge der ersten Jahre wieder herzustellen.
Die Bestände sind erschöpft. "Hingen einst noch zehn Fische je hundert Haken an den Langleinen, ist es heute oft nicht einmal mehr einer", schildert Myers die Situation. Die älteren unter den Fischern dürften auch in anderer Hinsicht in Erinnerungen schwelgen: Nicht nur die Zahl der gefangenen Tiere ist nämlich dramatisch zurückgegangen, sondern auch die Größe der Fische. Stattliche, mächtige Räuber hängen selten noch am Haken. "Dort wo es detaillierte Zahlen gibt, zeigt sich, daß die durchschnittliche Größe der Raubfische auf ein Fünftel gesunken ist", berichten Myers und Worm.
Welche Auswirkungen diese Veränderungen auf die verschiedenen Ökosysteme in den Meeren im einzelnen haben, wird kaum mehr zu ermitteln sein. Die beiden Forscher haben zumindest beobachtet, daß sich durch die Ausdünnung bei den großen Räubern zwischenzeitlich offenbar einige andere, davon profitierende Fischarten - schnell wachsende zumeist - vermehrt hatten. Die Erholung währte aber meistens nicht lange. Denn die Fischereiindustrie verlegte sich dann vielerorts bald auch auf solche Arten und beutete die Bestände ähnlich wie die der in der Nahrungspyramide ganz oben stehenden Arten aus.
Für Myers und Worm bedeutet all das, daß sich die Fischereipolitik völlig neu orientieren müsse. Vor knapp einem Jahr - zehn Jahre nach dem Umweltgipfel von Rio - hatten mehr als 190 Staaten in Johannesburg eine Resolution unterzeichnet, die das Ziel einer "Wiederherstellung gesunder Fischbestände" beinhaltet. Was unter "gesund" zu verstehen ist, wird man mit diesen Befunden neu definieren müssen. Myers und Worm fordern eine konsequente Schonung der Populationen, unter anderem durch Streichung von staatlichen Subventionen, damit man wieder auf Bestandsdichten wie vor fünzig Jahren kommt. Berücksichtigt man allerdings die harten und mühsamen Verhandlungen in der Fischereidiplomatie der vergangenen Jahre, ist es kaum übertrieben, wenn man solche idealistischen Vorstellungen als ziemlich gewagt, wenn nicht utopisch bezeichnet. Aber das ist es ja, an dem es in der Politik bisher mangelte: an ehrgeizigen, festen Zielen.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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