12.04.2005 · Ein Korallenriff ist kein Hort der Stille - das muntere Treiben seiner Bewohner ist kilometerweit zu hören. Forscher vermuten, daß durch die Klänge von Krebstierchen Jungfische auf Wohnungssuche angelockt werden.
Von Diemut KlärnerNicht alle Fische sind stumm und auch schweigsame nicht zwangsläufig taub. Daß Bewohner von Korallenriffen ganz Ohr sind für heimatliche Klänge, haben jetzt Forscher aus Großbritannien, Neuseeland und Australien bei Untersuchungen im Großen Barriereriff herausgefunden.
Wie Stephen Simpson von der University of Edinburgh in der jüngsten Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift "Science" (Bd.308, S.221) berichtet, wollte man ergründen, wie Jungfische den Weg zu diesem Riff finden.
Junge Fische auf Wohnungssuche
Wie die meisten Riffbewohner, einschließlich der Korallen selbst, verbringt die Mehrzahl der Fische ihre früheste Jugend auf hoher See. Derart mobil, hat der Nachwuchs die Chance, neues Terrain zu besiedeln, riskiert dabei freilich, vergebens nach einer Bleibe Ausschau zu halten. Junge Fische auf Wohnungssuche lassen sich nicht einfach passiv von der Meeresströmung verdriften.
Mit ihrer leistungsfähigen Muskulatur können sie aus eigener Kraft schwimmen, notfalls auch gegen den Strom. Fragt sich bloß, an welchen Wegzeichen sie sich orientieren. Da die Sichtweite unter Wasser stark begrenzt ist, vermuteten die Forscher, daß der Gehörsinn eine entscheidende Rolle spielt. Schließlich ist ein Korallenriff kein Hort der Stille - das muntere Treiben seiner Bewohner ist kilometerweit zu hören.
Unterschiedlich empfänglich
Ob der lautstarke Trubel tatsächlich Fischbrut anlockt, prüften die Forscher mit einer besonderen Versuchsanordnung. Zunächst plazierten sie Haufen aus toten Korallen abseits des lebenden Riffs. An einigen dieser Dependancen stellten sie dann Lautsprecher auf, die unter Wasser die typische Geräuschkulisse eines Korallenriffs erzeugten. An diesen Stellen trafen deutlich mehr Jungfische ein als an Korallenhaufen ohne tönende Lautsprecher.
Fast alle Zuwanderer ließen sich den Korallenbarschen (Pomacentriden) oder den Kardinalbarschen (Apogoniden) zuordnen, zwei Fischfamilien, die an Riffen besonders zahlreich vertreten sind. Allerdings zeigten sie sich für einzelne Geräuschkomponenten unterschiedlich empfänglich.
Knistern und Knacken
Niederfrequente Laute, wie sie von diversen Fischen oft mit Hilfe der Schwimmblase erzeugt werden, wirkten nur auf junge Kardinalfische anziehend. Auf höhere Schallfrequenzen reagierten dagegen auch die Sprößlinge von Korallenbarschen, zu denen unter anderem Anemonenfische wie der Filmheld "Nemo" zählen.
Die hochfrequenten Töne stammen hauptsächlich von Pistolenkrebschen, kleinen Krebstieren, die eine auffallend vergrößerte Schere als Wasserpistole einsetzen. Mit einen Wasserstrahl, der eine Geschwindigkeit von bis zu 90 Kilometer pro Stunde erreicht, wehren sie Gegner ab und erlegen ihre Beute. Dabei produzieren sie ein charakteristisches Knistern und Knacken, das aus der Ferne an heftig brutzelndes Fett in einer Bratpfanne erinnert.
Die natürliche Geräuschkulisse
Daß junge Korallenfische bei der Quartiersuche auf ihr Gehör vertrauen, läßt sich möglicherweise beim Naturschutz nutzen. Vielleicht gelingt es mit den lockenden Tönen, künstliche Riffe oder neu geschaffene Naturschutzgebiete rascher zu bevölkern.
Andererseits befürchten die Forscher, bei einem hohen Lärmpegel unter Wasser könnte die Fischbrut orientierungslos werden. Denn ob Schiffsverkehr oder Bohrplattformen - was Menschen auf den Weltmeeren treiben, übertönt dort nicht selten die natürliche Geräuschkulisse.