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Fehlerhafte Betäubung : Leid auf dem Schlachthof

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Das Landwirtschaftsministerium bestätigt schwere Missstände auf Schlachthöfen, Studien liefern Beweise: Bei Schweinen und Rindern versagt häufig die Betäubung.

          Das Tierschutzgesetz steht kurz vor seiner Novellierung; Ende des Jahres wird die neue Fassung voraussichtlich in Kraft treten. Die Gesetzesnovelle soll vor allem Änderungen in der Haltung landwirtschaftlicher Nutztiere bewirken, die in den vergangenen Jahren in die öffentliche Kritik geraten war. Die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen hat nun mit einer „Kleinen Anfrage“ ein häufig vernachlässigtes und tabuisiertes Thema aufgegriffen: Das Leid von Schlachttieren, die vielfach nicht ordnungsgemäß betäubt werden und das Bewusstsein während weiterer Schritte der Schlachtung wiedererlangen. Das Bundesagrarministerium antwortete in der vergangenen Woche auf die Anfrage und bestätigte die Missstände. Beide Texte, Anfrage und Antwort, lesen sich wie wissenschaftliche Reviews, Übersichtsstudien, die alle wichtigen Forschungsarbeiten auf dem Gebiet zusammenstellen. Dabei geht es insbesondere um einen Zeitabschnitt gegen Anfang des Schlachtprozesses: Die Tiere werden zunächst betäubt; Rinder mit einem Bolzenschussapparat, der Teile des Gehirns zerstört, Schweine erhalten per Hand oder mittels eines Automaten eine Elektrobetäubung in der Herz- und Kopfregion, wobei ein epileptischer Anfall und damit ein Bewusstseinsverlust ausgelöst wird.

          Alternativ werden die Schweine in Gondeln in einen mit Kohlendioxid gefüllten Raum gefahren, wo sie das Bewusstsein verlieren. Danach werden die Tiere an einem Hinterbein, das in eine Schlinge gelegt wird, in die Höhe gezogen; per Hand eröffnet ein Arbeiter mit einem Hohlmesser die großen Halsgefäße. Dass noch anschließend viele Tiere das Bewusstsein wiedererlangen, belegt die Anfrage und auch die Erwiderung des Ministeriums mit erschreckenden Zahlen: Etwa 0,1 bis ein Prozent der Schweine sind nach Betäubung und Entblutung noch bei Bewusstsein, zeigten verschiedene Studien; bei vier bis neun Prozent der Rinder versagt die Bolzenschussmethode im ersten Versuch.

          Reflexe weiter auslösbar

          Die Grünen berufen sich auf Daten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) und, insbesondere für die Situation in Deutschland, auf Untersuchungen von Klaus Troeger, der das Institut für Sicherheit und Qualität bei Fleisch am Max Rubner-Institut in Kulmbach leitet. Troeger beobachtete vor wenigen Jahren für eine Arbeit in der Fachzeitschrift „Fleischwirtschaft“ 2700 Schweine in kleinen und mittleren Schlachtbetrieben in Deutschland von dem Moment, in dem sie mittels Kohlendioxid betäubt wurden, bis zum Eintritt in den Brühkessel, ein sechzig Grad heißes Bad, das die obere Hautschicht der Tiere lockert, so dass die Borsten entfernt werden können. Er fand heraus, dass ein Prozent der Schweine noch nach dem Halsschnitt zentralnervöse Reflexe zeigte - also kurz vor dem Brühkessel oder -tunnel. Hier reagierten die Tiere noch auf Schmerzreize, etwa an der empfindlichen Nase. „Es gab dabei einen deutlich personenabhängigen Faktor“, sagt der Veterinärmediziner Troeger. „Wie viele Schweine bei Bewusstsein waren, hing davon ab, welcher Mitarbeiter für das Stechen zuständig war.“

          Der Blutentzug sei für den völligen Bewusstseinsverlust wichtiger als die vorangehende Betäubung, sagt Troeger. „Werden die großen Gefäße nicht richtig eröffnet, zentralisiert sich das Blut im Körper und das Tier kommt wieder zu Bewusstsein.“ Dass es danach mit 60 Grad heißem Wasser in Berührung komme, sei nicht akzeptabel: „Die Schmerzgrenze von Säugetieren liegt bei 42 bis 43 Grad.“

          Schlechte Arbeitsbedingungen

          Troeger konnte darstellen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Menge Blut, die nach dem Stich aus den Halsgefäßen läuft, und der Häufigkeit des Wiedererwachens gab. Je weniger Blut entzogen wurde, desto mehr Tiere zeigten noch Reflexe. Am Max Rubner-Institut läuft deshalb derzeit ein Forschungsprojekt, um eine automatische Kontrolle der Blutmenge zu entwickeln. Auch die Antwort des Landwirtschaftsministeriums auf die Anfrage der Grünen offenbarte, dass dem Personal nur wenige Sekunden pro Tier zur Verfügung stehen, um den Stich zu setzen; die Arbeiter haben vor allem keine Zeit, das Entbluten noch einmal zu kontrollieren. Klaus Troegers Fazit ist: „Man muss die Technik so zuverlässig machen, dass menschliches Versagen keine Folgen hat.“ Troeger hofft auch auf eine automatisierte Reflexprüfung - ein solches Verfahren ist in Kulmbach ebenfalls in der Entwicklung. Durch eine verbesserte Technik könne auch in der Rinderschlachtung mehr Tierschutz erreicht werden, sagt Troeger - etwa durch eine höhere Schussenergie. So könnte man Fehler des unter Zeitdruck stehenden Personals kompensieren. Generell offenbarte die Anfrage der Grünen, dass es um die Arbeitsbedingungen auf dem Schlachthof nicht gut bestellt ist: So erhalten beispielsweise 2,5 Prozent der hier Beschäftigten aufstockende Sozialhilfe - das ist mehr als im Durchschnitt aller Wirtschaftszweige.

          Quelle: F.A.Z.

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