06.02.2005 · Seine Karriere begann an einem deutschen Ententeich, nahm ihren inspierenden Verlauf in Neuguinea und endete ruhmreich in Amerika. Ernst Mayr war ein Mensch, der immer neugierig blieb. Zum Tode des großen Evolutionsbiologen.
Von Christian SchwägerlWährend seiner wissenschaftlichen Laufbahn, die an einem Ententeich in Dresden begann und in den olympischen Höhen von Harvard endete, hat sich der Evolutionsbiologe Ernst Mayr eine Haltung bewahrt, die in der mehr und mehr zur Biotechnologie mutierenden Biologie von heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist, ja die man sogar als in ihrer Existenz bedroht einstufen darf.
Mayr, dessen Leben hundert Jahre und einige Tage überspannte, war bei allen Postulaten von Erklärbarkeit, die aus den Titeln seiner populären Bücher „Das ist Biologie“ und „Das ist Evolution“ sprechen, von einer tiefen Ehrfurcht gegenüber der Natur durchdrungen.
Das „Organisch-Unverständliche“
Er hat, parallel zu seiner Jahrhundertrolle als „Darwins Apostel“, in der er jeden Versuch einer Abweichung von den orthodoxen Grundregeln der Evolutionslehre mit ätzender Analyse zersetzte, zugleich stets das mysteriöse, undurchdrungene, unwahrscheinliche, nichtdeterminierte Wesen der Natur betont, das „Organisch-Unverständliche“, wie er es vor kurzem noch in einem tagesfüllenden Gespräch mit dieser Zeitung (F.A.Z. vom 13. März 2002) genannt hat, an dessen Ende die beiden weitaus jüngeren Besucher erschöpft waren, er aber mit kindlich rosigen Wangen und ungebrochener Energie schnurstracks an seinen Schreibtisch zurückkehrte.
Von seiner Ehrfurcht zeugt auch, daß Mayr bis zuletzt jener organismischen Biologie treu geblieben ist, die in seinen Lehrjahren am Beginn des vergangenen Jahrhunderts dominant war, freilich eher aus Mangel an molekular- und systembiologischen Untersuchungsmethoden. Mayr aber hat sich auch am Ende dieses Jahrhunderts, als Evolutionsbiologie längst zur Biologie der Modellorganismen und der Gene geworden war, bewußt für das ganze Lebewesen als Betrachtungsebene entschieden. Wie um seinen Lebenskreis zu schließen, brachte er noch 2001 zusammen mit Jared Diamond ein fünfhundert Seiten umfassendes Standardwerk über die Vögel Melanesiens heraus. Zu vermuten, es könnte nochmals einen Leitbiologen geben, der sein Lebenswerk mit einer Vogelschau abrundet, wäre wohl verwegen.
Die Urwälder Neuguineas
Was für Darwin die Inselwelt der Galapagosgruppe, waren für Mayrs Denken und für seine herausragende wissenschaftliche Leistung, die 1942 publizierte Zusammenführung von mendelianischer und darwinistischer Lehre in der „Neuen Synthese“, die Urwälder Neuguineas. Dorthin entsandte der Ornithologe Erwin Stresemann vom Berliner Naturkundemuseum sein „Schlaumayrchen“ 1928, nachdem dieser ihn vom Neuauftreten der Kolbenente in Deutschland überzeugt, sodann ein Biologiestudium in Rekordzeit absolviert und das ornithologische Handwerk in der bedeutenden Berliner Vogelsammlung gelernt hatte.
Sechsundzwanzig Jahre war Mayr bei seiner Abreise. Es zeugt, da heute noch Vierzigjährige zu „Nachwuchsforschern“ zwangsinfantilisiert werden, von einem offenbar selten gewordenen Vertrauen des Gelehrten in seinen Nachwuchs, daß Stresemann Mayr mit auf den Weg gab, er baue „Häuser“ auf dessen Reise. Er wurde nicht enttäuscht.
Rundum inspiriert
Mayr kam von einer abenteuerlichen Exkursion, in deren Verlauf ihm seine einheimischen Begleiter desertierten und ihn für tot erklären ließen, um rasch aus dem unwegigen Hochland an die vertraute Küste zurückkehren zu können, 1930 mit vollen Händen und rundum inspiriert zurück. Die blanke, wabernde Natur, in der sich Mayr als Mann bewähren mußte und zugleich als Theoretiker und Erkenner entpuppt hat, existiert noch heute.
Doch entweder ist sie leergedacht, da schon lange niemand mehr mit einer wirklich großen Idee von einer großen, einsamen Expedition zurückgekehrt ist, oder der Rückzug in die vollklimatisierten molekularbiologischen Labors, in denen alle Gefahren in Plastikhüllen verschweißt sind, zeigt bei aller Publikationshektik in Wahrheit einen Rückzug, eine Verkümmerung, ein Vergessen der Biologie an.
Höchste Gefilde in Amerika
Was Biologen heute in der Natur noch auffinden, läßt sich im Format von „National Geographic“ und „Discovery Channel“ verstehen. Vielleicht ist mit Mayr eine umfassende, in der mesoskopischen Natur beheimatete Erkenntnisfähigkeit verschwunden. Vielleicht halten Goretex, Satellitentelefone und Solarduschen die Explorierenden von heute nicht nur von Härten, sondern auch vom Denken ab. Daß ausgerechnet die Natur in ihrer organismischen Erscheinung aufgehört haben soll, die Biologie jenseits der auf die Biodiversität bezogenen Verlustängste anzutreiben, ist jedenfalls erstaunlich.
Seine in Neuguinea und auf den Solomonen entstandenen Sammlungen, Eindrücke und Gedanken ordnete Mayr nicht in Berlin, sondern am American Museum of Natural History in New York, das ihn mit einem Zweijahresvertrag aus Deutschland abwarb und damit schon vor dem Nationalsozialismus ein Exempel für „brain drain“ setzte. Mayr war zu dem Ergebnis gekommen, daß es in Deutschland für ihn als Wissenschaftler „keine Zukunftsaussichten“ gebe.
In Amerika erreichte er höchste Gefilde. Seine Einsichten in das Wesen der biologischen Art, die er nicht morphologisch, sondern als distinkte Fortpflanzungsgemeinschaft definierte, in die Entstehung der Diversität durch geographisch getrennte Gründerpopulationen und in das Wirken der Evolution auf allen Ebenen zwischen Molekülen und Populationen machten ihn zur Eminenz und begründeten seine Tätigkeit an der Universität von Harvard bis zur Mitte der siebziger Jahre.
Eine unbändige Neugierde bewahrt
Jenseits der engeren Evolutionsbiologie und deren Popularisierung besteht Mayrs übergreifender Verdienst in der Abgrenzung der Biologie von den naturwissenschaftlichen Disziplinen der Physik und der Chemie. Auch im Lichte des Humangenomprojekts und inmitten einer globalen Erregung über die Möglichkeiten der Biomedizin erzählte er, wie traurig er Anfang der fünfziger Jahre gewesen sei, als in Cold Spring Harbor „echte Biologen“ durch Chemiker ersetzt worden seien. Daß ebendort 1953 die Struktur des DNS-Moleküls der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, stellt die Pointe dieser Erinnerung dar.
Mayr hat sich energisch gegen einen physikalischen Reduktionismus gestellt, der das Leben in Atome auflöst, wieder zusammensetzt und dabei berechenbar machen will. Die Natur, wie er sie sah, ist ein System voll von Unvergleichbarem, das sich der Verfügung starrer Gesetze entzieht. Wie lange dieses Denken noch Gültigkeit hat, ist ungewiß. Schon macht sich die neue Zunft der Systembiologen daran, Lebewesen am Rechner zu simulieren, ja zu entwerfen.
Ernst Mayr hat nicht der Lektüre von Anti-Aging-Ratgebern bedurft, um hundert Jahre alt zu werden. Er hat in hohen Dosen Vitamin E und Vitamin C geschluckt, aber auch das wird es nicht gewesen sein. Bis zuletzt hat er sich eine unbändige Neugierde bewahrt, in ihm wirkte der kleine Junge weiter, der im heimatlichen Voralpenland mit großen Augen die Vogelwelt erkundete. Ernst Mayr ist am Donnerstag in seiner Wahlheimat Bedford gestorben.