06.05.2009 · Die karge Steppe Argentiniens ist voller versteinerter Saurierknochen. Einige besonders spektakuläre Funde sind jetzt in Rosenheim zu sehen. Ein Besuch an ihrem Fundort, wo man durch die Wüste laufen und mit bloßem Auge Dinosaurier finden kann.
Von Beate Kittl, Neuquén, ArgentinienNeuquén, Argentinien. Der Barreales-See liegt azurblau in der roten Erde Patagoniens. Zwanzig Meter vom Ufer entfernt kauern fünf Männer unter einem schwarzen Schattennetz im Staub und schaben am Gestein. Krümel für Krümel kommen weißgraue, versteinerte Knochen zum Vorschein. „Wir sind nur noch Zentimeter vom Kopf entfernt“, sagt Juan Porfiri, Paläontologe am Centro Paleontologico Lago Barreales, 65 Kilometer nordwestlich der Provinzhauptstadt Neuquén. Porfiri legt seine Werkzeuge nur einen Moment weg, um Pasta aus einer Tupperdose zu essen, dann schabt er weiter Sedimente von den 90 Millionen Jahre alten Knochen.
Argentinien hat sich in den letzten Jahren zum Eldorado für Dinosaurierjäger entwickelt. Hier wurde einer der größten Saurier überhaupt gefunden, der rund 38 Meter lange und 100 Tonnen schwere Argentinosaurus huinculensis. 1995 entthronte der Giganotosaurus carolinii den Tyrannosaurus rex als größtes Raubtier aller Zeiten - um 2006 seinerseits vom Mapusaurus roseae übertrumpft zu werden. „Argentinien darf sich der größten und der skurrilsten Saurier rühmen“, sagt Fernando Novas vom argentinischen Museum für Naturgeschichte in Buenos Aires, einer der führenden Paläontologen des Landes. „Die Funde hier verändern unser Wissen über Dinosaurier fundamental.“
Für das größte Exemplar musste eigens eine Halle gebaut werden
Bis vor kurzem fristeten die südlichen Saurier allerdings ein Mauerblümchendasein gegenüber ihren Verwandten aus dem Norden. T. rex und Velociraptor spielten die Hauptrollen in „Jurassic Park“ und sind als Gummifiguren in fast jedem Kinderzimmer zu finden. Um „ihren“ Fossilien zum verdienten Ruhm zu verhelfen, schicken nun sieben argentinische Museen ihre schönsten Stücke - darunter einige wertvolle Originale - auf Tour nach Europa. Die Ausstellung, die am Mittwoch in Rosenheim eröffnet, zeigt die Geschichte der „schrecklichen Echsen“ Argentiniens vom Trias bis zur Kreide: vom ältesten bis hin zum größten Exemplar, dem gewaltigen Argentinosaurus, für den eigens eine Halle gebaut werden musste.
Viele Funde stammen aus dem dünnbesiedelten Patagonien. Die mit Dornbüschen bewachsene Steppe der Provinz Neuquén ist ein Paläontologen-Paradies. Der als Grabungshelfer tätige Geologiestudent Enzo Gerling watet Kühlung suchend ins glitzernde Seewasser. Plötzlich ruft er herüber: „Sauropodenknochen!“ Im knietiefen Wasser stecken Wirbel und Rippen im Fels. Sie gehören zu einem großen pflanzenfressenden Dinosaurier, der vor 90 Millionen Jahren in dem einst grünen Flusstal vom Schlamm zugedeckt wurde. Porfiri schaut einen Moment von seiner Feinarbeit an einem untertassengroßen Wirbelknochen auf. „So ist das Fossiliensuchen am Barreales-See“, sagt er, „hier ist es voll von Dinosauriern.“ Und beugt sich wieder über den Latinosaurus, wie er seinen jüngsten Fund getauft hat.
„Ich habe wichtige und seltsame Funde gemacht“
Unter emsigem Hacken kommt das Urvieh langsam zum Vorschein: hier ein armlanger Oberschenkelknochen, dort ein Stück Kiefer mit Zähnen, dazu zwei Rippen und elf Wirbel, zum Entzücken der Paläontologen säuberlich am Stück fossilisiert. Es ist ein mittelgroßer Theropode, ein Fleischfresser von etwa acht Metern Länge, der hier vor Jahrmillionen jagte. „Ein so kompletter Theropode ist eine Seltenheit“, sagt Porfiri. Eifrig klopft Gerling mit Hammer und Meißel auf ein Stück Fels neben den Wirbeln. „Ich spüre es, hier liegt der Kopf.“ Der Kopf ist die Krönung jeder Ausgrabung, da er am meisten Informationen liefert.
Der erst 32 Jahre alte Porfiri kann sich bereits einiger verblüffender Funde rühmen. „Ich hatte Glück“, sagt der Vizedirektor des Centro Paleontologico Lago Barreales, der seine Leidenschaft in Tattoos verewigt hat: ein Saurierschädel auf der rechten Schulter, Saurierspuren quer über der rechten Hand. „Ich habe wichtige und seltsame Funde gemacht.“ Porfiri war dabei, als hier am Ufer des künstlichen Barreales-Sees der Futalongkosaurus dukei ausgegraben wurde. „Es ist einer der größten Dinosaurier und eines der komplettesten Skelette der Welt“, sagt sein Entdecker Jorge Calvo, Porfiris Chef. Das mannshohe Becken und die an einen Baumstamm erinnernde Wirbelsäule sind im eigenen Museum - einer klapprigen Wellblechhalle - ausgestellt.
Ohne die Saurier des Südens wäre die Geschichte nicht komplett
Was ist die Bedeutung seiner jüngsten Entdeckung? Porfiri hat ein Bauchgefühl: „Ich vermute, dass dieser Latinosaurus etwas Bekanntes ist“, sagt er geheimnisvoll. Die Knochenform und der Fundort erinnern an den Megaraptor, den „riesigen Räuber“, der ganz in der Nähe ausgegraben wurde. „Besonders vollständige Skelette sind immer wichtig“, sagt er, ebenso neue Arten oder neue Details bekannter Saurier, die man mit früheren Exemplaren vergleichen kann.
„Die Geschichte der Dinosaurier wäre nicht komplett, wenn man nur die nördlichen Saurier anschauen würde“, sagt Fernando Novas. Argentinien hat zudem einige Kuriositäten zu bieten, die es im Norden nicht gibt, wie den Carnotaurus, was „fleischfressender Stier bedeutet“ - ein Raubtier mit Hörnern. Der Amargosaurus trug bizarre, meterlange Wirbelfortsätze auf dem Rücken, deren Bedeutung unbekannt ist. Und jeder neue Fund kann langgehegte Theorien über den Haufen werfen. Die Entdeckung des weltweit ältesten Dromaeosaurus in Argentinien, Angehöriger einer Gruppe flinker, hundegroßer Saurier, widerlegte die (im Norden aufgestellte) These, dass diese Gattung aus der Nordhemisphäre nach Süden migriert war. „Es war umgekehrt“, sagt Porfiri. „Wir fanden den ältesten.“ Ebenso war bis zur Entdeckung eines Raptors - eines Verwandten des Velociraptors - in Patagonien unbekannt, dass diese Gruppe im Süden vorkam. Und auch von dieser Sippe dürfe sich Argentinien des größten Exemplars mit sechs Metern Länge rühmen, berichtete Novas kürzlich in den Proceedings of the Royal Society B.
Hier kann man Dinosaurier mit dem bloßen Auge finden
Einige Besonderheiten Patagoniens - damals wie heute - machten die Region zur einzigartigen Fossilienfundgrube. Vor über 65 Millionen Jahren bildeten Südamerika, Afrika, Madagaskar, Indien, Australien und die Antarktis den Urkontinent Gondwana. Fast ganz Argentinien war mit riesigen Süßwasserseen und Marschen überzogen, die große Herden von Pflanzenfressern anzogen. Regelmäßige Überflutungen begruben Skelette. Die Andenfaltung legte später die tiefer liegenden Schichten wieder frei, in denen jene Fossilien ruhen, die Juan Porfiri und sein Team jetzt ausgraben.
Dabei hilft, dass der Süden Argentiniens heute weitgehend vegetationslos und menschenleer ist. „Ich kann hier durch die Wüste laufen und mit bloßem Auge Dinosaurier finden“, sagt Porfiri. Er hebt einen faustgroßen, grauen Klumpen auf, der mit feinen Rillen überzogen ist, und leckt ihn ab. „Wenn's an der Zunge klebt, ist es ein fossiler Knochen.“ Ein alter Paläontologentrick, alle lachen. Der Humor hält sie bei Laune, während sie dem Klima Patagoniens trotzen: mal 38 Grad im Schatten, mal heftige Winde voller Staub. Dinosaurier ausgraben ist Schwerarbeit und Feinarbeit in einem. Es ist, als müsse man erst eine Baugrube ausheben und dann eine Hirnoperation durchführen. Zum Glück liegen die Dinosaurier in Neuquén nahe an der Oberfläche, andernorts müssen Bagger erst halbe Berge abtragen. Der muskulöse Hobbygeologe Raúl Ortiz aus der Provinz Río Negro ist der Mann fürs Grobe, er zertrümmert mit der Spitzhacke das Gestein um die Fossilien. Pablo Straccia schaufelt die Brocken in einen Eimer. „Die Werkzeuge werden im Lauf des Tages immer schwerer“, scherzt der Kurator eines kleinen Museums in der Provinz Buenos Aires.
Ein gewaltiges Brutgebiet mit Tausenden von Eiern, Embryonen und Hautabdrücken
Porfiri legt sich auf einen Schaumgummifetzen, angelt einen Zahnarzthaken aus seinem Handwerkergürtel und kratzt damit millimetergroße Krümel von den Knochen, ohne dabei Details der Knochenstruktur zu beschädigen. Manche Knochen sind in hartem Gestein eingeschlossen - diese verpacken die Helfer am Stück in Gipsverbände, um sie später im Labor zu bearbeiten. Ein solcher Gesteinsbrocken barg kürzlich eine Überraschung: einen zwei Zentimeter langen Latinosaurus-Zahn.
Solche Zufallsfunde - durch Hobbypaläontologen, Bauern oder Mitarbeiter von Ölfirmen - stellen sich oft als die größten Sensationen heraus. Eine davon war etwa die Entdeckung eines gewaltigen Titanosaurier-Brutgebiets hier in Neuquén mit Tausenden von Eiern, Embryonen und weltweit einmaligen Hautabdrücken. Einmal packte Juan Porfiri einen Knochen samt Felsbrocken in einen Gipsverband - und darunter verbarg sich ein fast vollständiges Skelett, eine neue Art, der Porfiri ihren Namen geben wird: Umbraraptor. „Es ist wie mein Baby“, sagt er und sein Gesicht bekommt einen zärtlichen Ausdruck. „Ich werde seine Geschichte von seiner Geburt bis hin zu meiner ersten Publikation als Erstautor verfolgen.“
Fossilien ausgraben, bevor Wetter und Touristen sie zerstören
Die Interpretation von Fossilien gleicht oft einem Drahtseilakt zwischen harter Wissenschaft und Paläofiktion. Manchmal werden aus einem einzigen Knochen - etwa der Megaraptor-Klaue, die lange das einzige Fundstück dieser Spezies war - Schlüsse über Verwandtschaftsverhältnisse, Körpergröße oder gar Verhaltensweisen gezogen. „Moderne Ökologen lachen uns aus, wenn wir über die Ökosysteme der Urzeit spekulieren“, sagt Oscar Alcober, Kurator der nun in Rosenheim gastierenden Wanderausstellung und Direktor des Naturkundemuseums von San Juan. „Doch die wenigen Stücke sind alles, was wir haben.“ Porfiri ist vorsichtig mit Vermutungen, die gleichwohl auch bei seriöser naturgeschichtlicher Forschung zum Geschäft gehören. Im März stellte er auf einem Paläontologen-Kongress in Japan eine Dinosaurier-Klaue vor, die zu einer neuen Art oder zu einem Jungtier - einer Seltenheit im Dino-Kabinett - gehören könnte.
Ob ihm der Latinosaurus neue Lorbeeren einbringt, wird erst die Präparation im Labor zeigen. Die mit Lack konservierten und in Gips eingepackten Knochen - ohne den Kopf, der zu Gerlings Enttäuschung unauffindbar blieb - werden im Paläontologischen Zentrum bei früheren Fundstücken landen. Es fehlt das Geld, um sie alle zu präparieren. Andere Museen könnten helfen, aber ein umstrittenes argentinisches Gesetz besagt, dass Fossilien nicht aus der Provinz entfernt werden dürfen, in der sie gefunden wurden. „Das Wichtigste ist es, die Fossilien auszugraben, bevor das Wetter oder Touristen sie zerstören“, sagt Porfiri schulterzuckend. „Wir Paläontologen sind an Zeiträume von Jahrmillionen gewöhnt. Da kommt es auf einige Jahre mehr auch nicht an.“