http://www.faz.net/-gwz-8cj4j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Aktualisiert: 19.01.2016, 21:28 Uhr

Massenverluste an Bestäubern Die Einheit, der Welthandel und der Bienentod

Das rätselhafte Massensterben von Honigbienen ist weltweit ein Problem. Sind Pestizide schuld? Vieles deutet darauf hin. Jetzt gerät sogar die Weltpolitik unter Verdacht.

von
© dapd Von Pestiziden geschwächt?

Das Zoologische Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, eine international hochrenommierte Adresse in der Honigbienenforschung und vor Jahren schon an der Entschlüsselung des Honigbienen-Erbguts beteiligt, hat sich jetzt mit einer bemerkenswerten Studie zum Massensterben der nützlichen Insekten zu Wort gemeldet. Tenor der Mitteilung: „Weltgeschehen beeinflusst Bienenvölker stärker als Pestizide“.  Ein Entlastungsdokument für die Agrarchemie also?

Joachim  Müller-Jung Folgen:

Seit mindestens zehn Jahren ist das Massensterben ganzer Bienenvölker bekannt und seit ebenjener Zeit versucht man die massenhaften Verluste in den Bienenstöcken zu verstehen. Pestizide, Parasiten, Krankheiten, Klimawandel, Anbaufehler - Verdachte gibt es viele, zuletzt waren es vor allem bestimmte Pflanzenschutzmittel.

„Sterben die Bienen, sterben auch Menschen“

Doch nichts von alledem ist offenkundig allein die Ursache für die in manchen Jahren flächendeckenden Bestäubungsverluste in der Landwirtschaft, die noch schwerer abzuschätzen sind als die geschätzten 130 bis 200 Milliarden Euro Wertschöpfung weltweit, die das Bestäuben von Obst- und Gemüsegpflanzen durch Wild- und Zuchtbienen bringt. 80 Prozent der Nutzpflanzen sind auf die Bestäbungsleistung der Tiere angewiesen. Schon deshalb kommen immer wieder Schlagzeilen wie dieser „Welt„-Titel zustande: „Sterben die Bienen, sterben auch die Menschen“

Imker in MV © dpa Vergrößern Honigliebhaber können ihre Leibspeise direkt fördern.

Die beiden Hallenser Biologen Robin Moritz und Silvio Erler haben sich nun mit wissenschaftlicher Akribie und der Bereitschaft, riesige Datenberge zu wälzen, dem Bienensterben rund um die Welt gewidmet, vor allem aber auch den deutschen Bienenverlusten in Ost und West. Genauer: Ihre Recherche galt nicht dem Sterben der Bienen, sondern dem Sterben der Bienenvölker. In den Fokus gerät also der Imker selbst. Die Imkerei, so haben sie in ihrer neuen Arbeit in „Agriculture, Ecosystems & Environment“ festgestellt, hat nach der Wiedervereinigung in den „neuen Bundesländern“ arg Federn lassen müssen. Um 50 Prozent war die Zahl der Bienenvölker eingebrochen.

Mehr zum Thema

Der Grund: Bis 1989 hatte die DDR den Honig teuer aufgekauft und billiger ans Volk weiterverkauft. Der Honig war hoch subventioniert. Damit war bald Schluss. Das hat den Imkern die Lust an der Bienenzucht geraubt. Die ostdeutschen Imker deshalb als Bienenkiller zu bezeichnen käme den beiden Biologen genauso wenig in den Sinn, wie ein „Bienensterben“ zu konstatieren, das auf die Kappe der Intensivlandwirtschaft oder des Pestizideinsatzes geht.

Nein, das Bienensterben, das seit Jahren allseits beklagt werde, bedarf den Hallenser Forschern zufolge nach Auswertung einschlägiger globaler Bienenvolkszählungen einer dringenden Begriffschärfung: Bienen sterben, aber gestorben wird im Bienenstaat in durchaus „nachhaltigen Sterberaten“. Will heißen: Pestizide, Schadmilben, Klimawandel und Agrarwüsten mögen manches Bienenvolk zwar so schädigen, dass es nicht über den Winter kommt. Aber erfahrene Imker hätten durchaus die Chance, die Vermehrung ihrer Bienen trotzdem zu sichern. Nur: Die wollen offenbar nicht mehr.

Imkerverband © ddp Vergrößern Im Bienenstock

Die Zahl der Bienenvölker in Europa ist seit 1989 um sieben Millionen gesunken. Weltweit gibt es zwar 60 Prozent mehr Bienenvölker als vor 50 Jahren, der Bestäubungsbedarf auf Feldern und Obstwiesen ist aber um 300 Prozent gestiegen. Die Lücke wird nicht gefüllt. Und warum? Weil der Import von Billighonig vielerorts überhandnimmt und der zu alledem auch noch massenhaft in betrügerischer Absicht als heimisch deklariert wird. Die ostdeutschen Imker haben ihre Bienenvölker also keineswegs im Stich gelassen oder vergiftet. Sie sind wie ihre Tierchen nur die Opfer des „Weltgeschehens“ geworden, des Welthandels und der Weltpolitik. Das entlastet den Westen und die Pestizide. Der Bienenstock ist, wenn man so will, das Kohlebergwerk des Kleintiergärtners.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Forschung Insektizide schaden Bienen doch

Ein Grund für das Bienensterben ist gefunden: Als Insektengifte eingesetzte sogenannte Neonikotinoide schaden den Tieren, wie Mainzer und Frankfurter Forscher herausgefunden haben. Das hat mit einem Botenstoff zu tun. Mehr

15.06.2016, 23:14 Uhr | Rhein-Main
Video Bienenhotels: Wo wilde Bienen heimisch werden

Weil der Mensch den natürlichen Lebensraum von Wildbienen immer mehr zerstört, fehlt es den Tieren an geeigneten Brutstätten. Insektenhotels können da Abhilfe schaffen. Mehr Von Dirk Zimmer

22.06.2016, 17:21 Uhr | Rhein-Main
Biorobotik Eine Schmeißfliege ist doch keine Biene

Mini-Drohnen in der Luft und zu Wasser: Das künstliches Insekt Robobee aus Harvard soll Blumen bestäuben und tauchen können. Das verspricht nervig zu werden. Mehr Von Manfred Lindinger

16.06.2016, 09:39 Uhr | Wissen
Videografik So wirken Pestizide

Wenige Wochen vor Ablauf der Zulassung für Glyphosat ist die Zukunft des umstrittenen Pflanzenschutzmittels in der EU weiter ungewiss. Glyphosat ist das am häufigsten eingesetzte Pflanzenschutzmittel in der EU. Es steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Eine Videografik erläutert die Wirkungsweise von Pestiziden. Mehr

27.05.2016, 16:20 Uhr | Wissen
Wissbegieriger Möbelkonzern Der Speicher, die Daten und Ikea

Wir wissen viel über euch, aber noch nicht genug, sagt der schwedische Möbelkonzern – und sammelt Daten, um herauszufinden, wie man wohnt und lebt auf schrumpfendem Raum. Ein Besuch in Älmhult, wo Ikea zuhause ist. Mehr Von Tobias Rüther

15.06.2016, 07:24 Uhr | Feuilleton

Spatzen am Ball

Von Joachim Müller-Jung

Fußball und Tiere gehen immer. Und immer besser zusammen. Das Orakeln ist im Kern nichts weiter als die Suche nach dem, was Mensch und Tier verbindet: Intelligenz. Unglaublich, die Bestie wird zum geistigen Dribbelkünstler. Mehr 3 13