10.04.2007 · Cuviers Schnabelwal dringt in größere Tiefen vor als alle anderen Meeressäuger. Dabei nutzt er, ähnlich wie Robben, das Verfahren der Milchsäuregärung. Zu schnelles Auftauchen kann ihm aber gefährlich werden - es drohen Gasembolien.
Von Diemut KlärnerCuviers Schnabelwal zählt zu den wenig bekannten Meeresbewohnern. Etwa sieben Meter lang und zwei Tonnen schwer, ist er weitaus stattlicher als Delphine und Tümmler. Wie alle Vertreter der Schnabelwale lässt sich auch Ziphius cavirostris, von dem französischen Naturforscher Georges Cuvier (1769 bis 1832) wissenschaftlich beschrieben, nur selten an der Meeresoberfläche blicken. Wissenschaftler um Peter Tyack und Mark Johnson von der Woods Hole Oceanographic Institution in Massachusetts haben jetzt bei Untersuchungen im Ligurischen Meer herausgefunden, dass sich diese Meeressäuger ausgiebiger in der Tiefsee tummeln und dabei größere Meerestiefen erreichen als alle bisher studierten.
Zunächst galt es für die Forscher, einen Schnabelwal beim Atemholen zu sichten und sich mit einem Schlauchboot behutsam heranzupirschen. Mit einer langen Stange versuchten sie dann, eine Kapsel mit Messgeräten per Saugnapf auf dem Walrücken zu befestigen. Bei sieben Tieren blieb das Instrumentarium immerhin einige Stunden haften. Anschließend konnte es über einen kleinen Sender geortet und aus dem Meer gefischt werden. Wie die Aufzeichnungen belegen, taucht Cuviers Schnabelwal in rasantem Tempo. Binnen einer Minute gleitet er an die hundert Meter hinab und gelangt so in Tiefen von bis zu 1900 Metern (“ Journal of Experimental Biology“, Bd. 209, S. 4238).
Tauchgänge dauern länger als eine Stunde
Mit der Echoortung beginnt der Wal gewöhnlich erst in einer Tiefe von fünfhundert Metern. Von da an produziert er in einem regelmäßigen Rhythmus kurze Ultraschalllaute. Anhand der Echos lässt sich verfolgen, wie er sich hin und wieder zielstrebig einem mutmaßlichen Beutetier nähert. Ist der Schnabelwal nur noch wenige Meter von dem Objekt entfernt, so steigert er die Zahl seiner Ortungslaute plötzlich auf etwa hundert pro Sekunde. Damit legt er einen ähnlichen akustischen Endspurt hin wie eine Fledermaus, die hinter einem Insekt herjagt.
Wie der Mageninhalt tot aufgefundener Tiere verrät, stellt Cuviers Schnabelwal mit Vorliebe den Tintenfischen der Tiefsee nach. Solche Tauchgänge dauern manchmal länger als eine Stunde. Der Sauerstoffvorrat, den ein Schnabelwal mit in die Tiefe nimmt, reicht aber wohl nicht so lange. Das zeigt ein Vergleich mit Wedell-Robben, die unter dem Packeis der Antarktis nach Fischen suchen. Wenn diese Robben mehr als zwanzig Minuten unter Wasser bleiben, geht der mitgebrachte Sauerstoff zur Neige. Wie Sportler, die ihrem Körper Höchstleistungen abverlangen, müssen sie dann auf Milchsäuregärung umschalten, um Stoffwechselenergie zu gewinnen.
Dem Weißen Hai begegnen
Nach Einschätzung der Wissenschaftler sind die deutlich größeren Schnabelwale nach einer guten halben Stunde mit ihren Sauerstoffreserven am Ende. Dann müssen sie wahrscheinlich ebenfalls auf die weitaus weniger effiziente Milchsäuregärung zurückgreifen. Das könnte erklären, warum es ein Schnabelwal auf dem Weg nach oben nicht einmal halb so eilig hat wie beim Abtauchen in die Tiefe.
Auf einen langen, tiefen Tauchgang folgen stets einige kurze, die im Durchschnitt nur in eine Tiefe von etwa zweihundert Metern führen. Vermutlich bauen die Schnabelwale dann die angehäufte Milchsäure wieder ab, um für einen weiteren Vorstoß in nahrhafte Tiefen gerüstet zu sein. Dicht unter dem Meeresspiegel umherzuschwimmen, vermeiden sie mutmaßlich deshalb, weil sie dort mancherorts dem Schwertwal oder dem Weißen Hai begegnen könnten. Vor solchen Jägern, die gerne Meeressäugern nachstellen, können sich die Schnabelwale in größerer Tiefe sicher fühlen. Dort können sie auch ungestraft Ultraschall aussenden, um ihrerseits Beute aufzuspüren.
Gewagte Fluchtmanöver
Eine neue Gefahr scheint allerdings durch Schiffe zu drohen, die mit leistungsstarken Sonarsystemen ausgestattet sind. Nach einschlägigen militärischen Übungen wurde mehrfach beobachtet, dass Schnabelwale an nahe gelegenen Küsten strandeten. Bei einigen toten Walen waren Blutgefäße offensichtlich durch Gasembolien blockiert. Diese Komplikation ist von menschlichen Tauchern bekannt, die zu rasch an die Oberfläche kommen. Wenn der Druck der Wassersäule allzu schnell abnimmt, entstehen Gasbläschen, ähnlich wie beim Öffnen einer Mineralwasserflasche. Wenn Taucher komprimierte Luft atmen, müssen sie davor besonders auf der Hut sein, denn ihr Gewebe kann während des gesamten Tauchgangs gelösten Stickstoff aufnehmen.
Für Meeressäuger, die nur einen begrenzten Luftvorrat mit in die Tiefe nehmen, ist das Risiko weitaus geringer. Zumal die Lungen spätestens in einer Tiefe von hundert Metern so stark kollabieren, dass der Gasaustausch aufhört. Bei ihren oft überaus tiefen Tauchgängen scheinen die Schabelwale deshalb kaum gefährdet. Doch womöglich werden sie von lautstarker Beschallung zu gewagten Fluchtmanövern verleitet. Falls verstörte Schnabelwale hektisch auf- und abtauchen, ohne dass ihre Lungen dabei kollabieren, handeln sie sich möglicherweise eine tödliche Embolie ein.