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Bozen Wo starb Ötzi?

30.08.2010 ·  Ein Wissenschaftler meint beweisen zu können, dass der berühmte Gletschermann Ötzi an seinem Fundort bestattet wurde. Doch in Bozen sind sich Fachleute sicher: Ötzi starb schnell und wohl allein im Frühling oder Frühsommer hoch in den Bergen.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Es dauerte nach seiner Entdeckung im Jahr 1991 fast zehn Jahre, bis Eduard Egarter Vigl und Paul Gostner einen Fremdkörper in der Schulter des Manns aus dem Eis entdeckten - eine Pfeilspitze aus Feuerstein. Seitdem gehen die Wissenschaftler davon aus, dass Ötzi an einer Schussverletzung gestorben ist. Und das ziemlich schnell: An der Fundstelle Ötzis, dem Tatort, fand sich fast seine gesamte Bekleidung und Ausrüstung. Genau das aber regt die Phantasie von Wissenschaftlern an. Wieso sollte jemand einen anderen töten und sich nicht an dessen Besitz bereichern? Immerhin hatte Ötzi ein Beil mit einer 9,5 Zentimeter langen Klinge aus fast reinem Kupfer bei sich. Kupferne Beilklingen waren in der Zeit um 3000 vor Christus eine Waffe von großem Wert, Forscher sagen sogar: Es war ein Statussymbol. Bei Ötzi fand man zudem einen Bogen samt Köcher, darin waren aber nur zwei schussbereite Pfeile, ansonsten zwölf unfertige Schäfte.

Unter anderem darin sieht Alessandro Vanzetti von der Universität „La Sapienza“ in Rom den Beweis, dass der berühmte Gletschermann nicht am Tisenjoch in Südtirol in 3210 Meter Höhe gestorben ist, sondern dort einige Monate nach seinem Tod in Ehren bestattet wurde. Fünf Jahre lang hat sich Vanzettis Team mit Ötzi beschäftigt und die Ergebnisse nun in der Fachzeitschrift „Antiquity“ (84/2010) veröffentlicht. Demnach wurde der in seiner Gemeinschaft sehr angesehene Mann bei einem Streit auf niederer Seehöhe getötet. Der Leichnam musste dann zunächst eingelagert werden, weil er nicht, wie damals üblich, in den Bergen bestattet werden konnte. Dort lag noch zu viel Schnee.

Blütenpollen als Beleg?

Vanzetti meint beweisen zu können, dass Ötzi im April starb, aber erst - schon mumifiziert - im August oder September am Joch, der späteren Fundstelle bestattet wurde. Als Beleg nennt Vanzetti Blütenpollen auf der Mumie, die für eine Bestattung im späten Sommer sprechen, und den Mageninhalt des Toten. Der noch immer nicht endgültig analysierte Brei aus vor allem Einkorn, Fleisch, Gemüse und mindestens 30 verschiedenen Pollentypen deute auf ein letztes Mahl im April hin. Auch die vielen wertvollen, zum Teil nicht gebrauchsfertigen Gegenstände bei dem Toten weisen für den Archäologen Vanzetti auf eine rituelle Grablege hin und nicht auf einen Getöteten, der unmittelbar aus dem Leben gerissen wurde.

Der Konservierungsbeauftragte des Manns aus dem Eis, der Pathologe Vigl und mit ihm das Südtiroler Archäologiemuseum, wo Ötzi und seine Habseligkeiten heute ausgestellt werden, widersprechen Vanzetti. Rituelle Bestattungen auf Bergen oder in Höhenlagen seien im Alpenraum nicht bekannt. In der Kupferzeit wurden Tote dort vielmehr in der Nähe ihrer Siedlung bestattet. Wäre der Mann im April in Tallage gestorben und danach dort auch aufbewahrt worden, wäre er mit Sicherheit von Insekten befallen. Da keine gefunden wurden, spricht alles dafür, dass Ötzi nach kürzester Zeit eingefroren war.

Dafür spricht zudem, dass der Tote nicht etwa trocken (im Tal), sondern feucht mumifiziert ist. Die Sommerblütenpollen auf der Mumie können nach Ansicht der Wissenschaftler aus jüngeren Eisschichten stammen und erst bei der Gletscherschmelze auf die Mumie gelangt sein.

Der schlagendste Gegenbeweis aber ist die Position des linken Arms, der quer über dem Brustkorb Ötzis liegt. Wäre der Tote auf den Berg transportiert worden, hätte man den Arm gewiss an den Körper angelegt. Wäre der intakte Körper, wie Vanzetti sagt, den Hang hinuntergerutscht und dabei der Arm vor die Brust gedreht worden, wäre bei mumifizierten Toten die Schulter beschädigt worden. Doch auch das ist nicht der Fall. Es bleibt also dabei: Ötzi starb schnell und wohl allein im Frühling oder Frühsommer hoch in den Bergen.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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