08.08.2006 · Schadet es ihrer Regenerationsfähigkeit, wenn Pilze regelmäßig abgeerntet werden? Zumindest bekommt ihnen das Herumtrampeln der Sammler gar nicht gut.
Von Diemut KlärnerPilze zu suchen ist nicht nur ein beliebtes Freizeitvergnügen. Vielerorts haben solche Früchte des Waldes auch eine wirtschaftliche Bedeutung. Denn besonders begehrte Speisepilze wie Pfifferlinge und Steinpilze lassen sich nicht einfach auf Strohballen oder Holzabfällen heranziehen. Da sie als sogenannte Mykorrhizapilze in enger Gemeinschaft mit Baumwurzeln leben, wachsen sie nur unter Bäumen, oft sogar nur unter einer bestimmten Art von Bäumen. Solche Delikatessen im Wald zu sammeln ist in ländlichen Regionen bisweilen eine wichtige Einkommensquelle. Im Süden von China werden die Wälder während der Pilzsaison ebenso fleißig durchkämmt wie in Osteuropa und im Nordwesten der Vereinigten Staaten.
Allein bei Pfifferlingen wird der jährliche Marktwert auf rund 1,7 Milliarden Dollar geschätzt, und die vor allem in Japan beliebten Matsutake-Pilze kosten im internationalen Handel bis zu 80 Dollar pro Kilogramm. In manchen Wäldern liefern hochwertige Speisepilze höhere Erträge als das Holz der Bäume. Ob allzugroßer Sammeleifer langfristig schadet, haben Forscher um Simon Egli und Martina Peter von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf studiert. Wie sie in Schweizer Wäldern beobachteten, bilden Pilze zwar nicht weniger Fruchtkörper, wenn sie Jahr für Jahr gründlich abgeerntet werden. Daß die Sammler kreuz und quer im Wald umherlaufen, hat aber durchaus mißliche Folgen. Aus einem Boden, der regelmäßig betreten wird, sprießen Fruchtkörper aller Art minder zahlreich.
Häufiges Betreten nehmen Pilze übel
In den siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts verfügten 19 der 26 Schweizer Kantone, daß Pilze nicht mehr jederzeit in beliebiger Menge gesammelt werden dürfen. Ob diese gutgemeinten Schutzmaßnahmen tatsächlich ihren Zweck erfüllen, blieb jedoch umstritten. Deshalb richteten die Forscher entsprechende Beobachtungsflächen ein. In einem Fichtenforst verfolgten sie elf Jahre, in einem Mischwald sogar 29 Jahre lang, wie sich gründliches Sammeln auswirkt. Insgesamt pflückten sie in dieser Zeit rund 64000 Fruchtkörper von Speisepilzen und zählten zudem rund 84000 andersartige Fruchtkörper.
Wie erwartet, sprossen die Pilze je nach Witterung in manchen Jahren auffallend zahlreich aus dem Waldboden, in anderen bloß spärlich. Zwischen ungenießbaren Arten und eßbaren, deren Fruchtkörper abgeerntet wurden, war jedoch kein Unterschied zu erkennen. Häufiges Betreten des Waldbodens nahmen die Pilze offenbar übel. Vermutlich gingen viele sprossende Fruchtkörper durch Trittschäden zugrunde, noch ehe sie aus dem Boden herauswachsen konnten. Wo sich die Wissenschaftler auf Laufstegen bewegten, fiel die Ernte deutlich besser aus. Doch auch wenn sie auf dem Waldboden herumliefen, blieb die Zahl der Pilzarten im Laufe der Jahre unverändert ("Biological Conservation", Bd. 129, S. 271). Anscheinend wurde das unterirdische Geflecht der Pilzfäden nicht nachhaltig geschädigt.
Schadstoffe schlimmer als Sammeln
Selbst Pilze wie der Violette Lacktrichterling, die jedes Jahr neu aus Sporen heranwachsen, kamen immer wieder zum Vorschein. Ungeklärt ist allerdings, ob die Fruchtkörper trotz häufiger Ernte genügend Sporen ausgestreut hatten oder ein Großteil der Pilzsporen aus der Umgebung eingeflogen war. Damit bleibt letztlich die Frage offen, ob die Regenerationsfähigkeit der Pilze langfristig abnimmt, wenn laufend gründlich und großflächig gesammelt wird. Sicher kann es nicht schaden, einen Teil der Fruchtkörper zu schonen und den Waldboden vor allzu zahlreichen Fußtritten zu bewahren. Deshalb plädieren die Wissenschaftler dafür, bestehende Einschränkungen für Pilzsucher beizubehalten.
In weiten Teilen Europas leidet die Pilzflora aber zweifellos mehr unter den Schadstoffen, die aus der Luft herabregnen. Zusätzlicher Stickstoff zum Beispiel, ob aus der Landwirtschaft oder dem Straßenverkehr, drosselt nicht nur die Produktion von Fruchtkörpern. Auch das Pilzgeflecht im Wurzelraum wird nachweislich geschädigt. Wenn es daraufhin die Lieferung von Wasser und Mineralstoffen einschränkt, bekommen das die Bäume des Waldes unmittelbar zu spüren.