02.02.2010 · Der Mensch teilt sich die Erde mit einer verschwenderischen Fülle anderer Lebewesen. Zum nackten Überleben braucht er die meisten nicht. Warum sollte er sich da überhaupt um die Erhaltung der Biodiversität bemühen? Ein paar Gründe von Reinhold Leinfelder
Was würde Charles Darwin sagen, wenn er sich heute auf der Erde umsähe? Die Bestätigung und Weiterentwicklung seiner Evolutionstheorie würde ihn gewiss freuen. Zugleich wäre er wohl entsetzt über den ökologischen Zustand so mancher Regionen, die er bei seiner Reise mit der "Beagle" besuchte: den Pantanal-Regenwald in Brasilien, der vom Zuckerrohranbau bedroht wird, die industrielle Überfischung vor Chile, die Gefährdung des Galapagos-Pinguins, das Abtauchen vieler Korallenriffe im Pazifik.
Vielleicht würde Darwin sich da die Bemerkung nicht verkneifen, dieses globalen Selektionsversuchs durch den Menschen bedürfe es doch wirklich nicht mehr, um seine Theorie zu untermauern. Und er könnte sich zu dem Hinweis genötigt fühlen, dass die Evolutionstheorie nicht zu sehr zur Erklärung der kulturellen Evolution herangezogen werden sollte und insbesondere nicht zur Rechtfertigung einer utilitaristischen Moral taugt, nach welcher unser Umgang mit dem Rest der Natur sich letztlich an dem Prinzip des mittelalterlichen Gewürzhandels orientiert, wo nur das, was uns nützt, Chance auf Beachtung und Pflege hat.
Umweltbewusstsein ansteigend
Warum aber sollen wir uns dann um die Erhaltung der biologischen Vielfalt auf unserem Planeten bemühen? Immerhin, Klima- und Umweltschutz sind heute auf den höchsten Ebenen angekommen. Anlässlich der Eröffnung des Jahrs der biologischen Vielfalt im Berliner Museum für Naturkunde gaben die Bundeskanzlerin, in- und ausländische Umweltminister sowie hochrangige UN-Vertreter wieder ein eindeutiges Bekenntnis zur Notwendigkeit nachhaltigen Umweltwirtschaftens und zum Biodiversitätsschutz ab. In vielen Ländern, auch in Deutschland, ist das Umweltbewusstsein stark angestiegen - Klimaschutz gehört laut Umfragen zu den Themen, welche die Deutschen am meisten bewegen, und selbst das sperrige Wort Biodiversität ist inzwischen kein Fremdwort mehr. Regenwaldabholzung, Riffsterben oder ökologische Schäden durch eine übertechnisierte Landwirtschaft sind allgemein bekannt.
Die Botschaft wird also verkündet, nur gehört wird sie offenbar nicht. Die Rücksichtnahme und der pflegliche Umgang mit unserem Naturerbe kommt nicht recht voran. In Kopenhagen ist kein Vertrag zum Klimaschutz zustande gekommen, die von den UN für 2010 gesteckten Ziele zum Erhalt der biologischen Vielfalt sind nicht erreicht worden.
Woran liegt es? Haben wir alles schon zu oft gehört, und die Erde dreht sich immer noch? Und zeigt uns die Erdgeschichte nicht, dass sich Klima, Umwelt, Biodiversität schon immer geändert haben, wir also vielleicht nur ein bisschen Geduld haben müssen, bis die Natur sich selbst und damit auch uns von allein hilft? Erfreulicherweise gibt es viele Menschen, welche die Fakten durchaus zur Kenntnis nehmen. Etwa, dass es nach Korallenriffsterben in der Erdgeschichte Millionen von Jahren gedauert hat, bis sich diese wieder erholten. Oder dass sich das Klima zwar auch nach dem Erscheinen des Homo sapiens noch kräftig geändert hat, es aber seit der Entwicklung von Landwirtschaft, Städten, Infrastruktur und Industrie global betrachtet extrem stabil war.
Die emotionale Dimension
Doch auch die Einsicht in die Gefahr, die der Organismen-Vielfalt auf der Erde droht, scheint noch nicht zu reichen. Offenbar ist selbst denen, die ihre Augen nicht verschließen, immer noch unklar, was hier wirklich auf dem Spiel steht. Um Abhilfe zu schaffen, ist es sicher wichtig, auch dem Homo oeconomicus Argumente zu liefern. Monetäre Betrachtungen zur Ökonomie der Ökologie und biologischer Dienstleistungen sind zwar schwierig (siehe "Was kostet die Welt?", Seiten 50 bis 53), aber sinnvoll. Wir sollten schon wissen, dass wir mit der Biodiversität auch ein "Kapital" besitzen - und sei es nur, um uns damit klarzumachen, dass die Rendite dieses Kapitals nur garantiert ist, solange wir die Einlage unangetastet lassen.
Vielleicht vergessen wir aber einfach zu oft, dass wir die Diversität der Biosphäre nicht nur brauchen, weil sie uns nützt.
Denn erstens hat eine naturbelassene Vielfalt für uns Menschen auch eine enorme emotionale Dimension, stellt sie doch so etwas wie unsere globale und regionale Heimat dar. Eine bunte Blumenwiese findet jeder Mensch schön. Warum eigentlich? All die Warn- und Signalfarben sind nicht für uns bestimmt. Wir sind keine Bestäuber, wir essen in aller Regel keine Blumen, und selbst für den Ackerbau ist eine große Vielfalt von Blumen kein Anzeiger für besonders fruchtbare Böden. Der Urmensch entdeckte darin vielleicht Anzeichen für unterschiedliche Kräuter und Samen. Aber auch damals wuchsen die beliebten zuckerreichen Beeren meist auf nährstoffreichen Böden mit weniger Blumen.
Erkenntnisse, auf die nicht verzichtet werden sollte
Trotzdem verschenken wir Blumen, um andere zu erfreuen, lieben wir Koalas und junge Eisbären. Natur bietet für die meisten einen Wertmaßstab, hat einen ganz eigenen Sinn und auch einen mentalen und körperlichen Erholungswert. An die Fünfzigjährigen unter uns: Erinnern Sie sich noch an früher? Wo sind die Eidechsen, Molche und Frösche, die Sie als Jugendlicher gefangen haben und hoffentlich auch wieder laufen ließen? Beschleicht uns nicht doch ein Verlustgefühl, wenn wir sehen, dass sich dies geändert hat?
Das geschieht allerdings nur, wenn der vermissenswerte Zustand noch erinnerbar ist und selbst erlebt wurde, denn nur zu gerne justieren wir uns auch emotional neu. So kann ein fast zerstörtes Korallenriff immer noch als schön empfunden werden, wenn der frühere Zustand nicht bekannt ist - das Phänomen wird als "shifting baseline" bezeichnet. Darüber hinaus nimmt die Entfremdung von der Natur zu. Nicht nur Jugendliche, auch viele Erwachsene verbringen mittlerweile deutlich mehr Zeit in virtuellen Computerwelten als in der Natur. Bei allen Vorteilen der elektronischen Errungenschaften für die Verbreitung und die Verknüpfung von Information, den Austausch von Argumenten - diese digitale Zivilisation entwickelt sich auf Kosten unseres Naturbezugs. Denn kein Digitalfoto kann den Blick von einem selbst erstiegenen Berggipfel ersetzen.
Der zweite Grund für den Erhalt der natürlichen Vielfalt ist der noch ungehobene Schatz an Erkenntnissen, den sie birgt. Biodiversität ist noch wenig erforscht - wir stehen nach wie vor am Beginn der Entdeckung der Welt. Die Erkenntnisse, die hier noch zu gewinnen sind, stellen einen Wert an sich dar, aber wir brauchen sie auch, wenn wir die Vielfalt aus anderen Gründen bewahren wollen.
Ein Weltbiodiversitätsrat?
So ist die Biodiversität bei aller Regionalität global vernetzt, und zwar stärker als je zuvor. Globale Klimaveränderungen beeinflussen den Wasserhaushalt, lassen Zugvogelwanderungen ausbleiben und verwandeln Ökosysteme. Unsere Transportmittel bringen ungewollt exotische Insekten, Pflanzen und Wassertiere zu uns. El-Niño-Phänomene können Meeresströmungen überregional ändern. Dem gegenüber steht die Kleinteiligkeit vieler Naturschutzbemühungen. Geschützte Gebiete sind oft viel zu wenig miteinander verbunden, zu häufig können sich Tiere und Pflanzen in Rückzugsgebieten nicht untereinander austauschen, oft ist sogar unbekannt, welche Tiere und Pflanzen tatsächlich in Naturschutzgebieten leben.
Hier benötigen wir dringend ein Zusammentragen der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse auf globaler Ebene, etwa durch einen Weltbiodiversitätsrat, in Analogie zum Weltklimarat. Hierzu ist auch ein umfassendes Monitoring- und Frühwarnsystem notwendig, in dem global, regional und lokal der jeweilige Zustandsbericht unserer belebten wie unbelebten Umwelt dokumentiert und verglichen wird. Die Herausforderung liegt darin, komplizierte technische Methoden wie Satellitenbeobachtung, automatisierte DNA-Erkennung oder akustische Monitoring-Verfahren mit direkten Beobachtungen zu verbinden. Hierzu sollten in Biodiversitätsstationen regelmäßig Daten aus aller Welt erfasst werden. Daraus können Zeitreihen erstellt und mit historischem Datenmaterial verglichen werden, wie es naturwissenschaftliche Sammlungen zur Verfügung stellen können.
Räume für den Laien
Eine derart umfassende Aufgabe kann allerdings die Wissenschaft nicht alleine bewältigen. Dazu ist Beteiligung breiterer Gesellschaftsschichten nötig. Vorbilder wären etwa die langjährigen Vogelbeobachtungen durch Hobbyornithologen, Bürgerbeteiligungen bei Aktivitäten zum Tag der Artenvielfalt oder die nun schon seit 13 Jahren laufende Reef-Check-Initiative, bei der Hobbytaucher ihren Urlaub dazu verwenden, gemeinsam mit Riffwissenschaftlern regelmäßige Zustandsaufnahmen "ihrer" Korallenriffe nach wissenschaftlichen, standardisierten Kriterien zu machen. Hier wird Pionierarbeit geleistet. Die Reef-Check-Daten etwa fließen in globale Berichte ein und bilden dadurch schon längst eine wertvolle Grundlage für politische und wissenschaftliche Bewertungen des Zustands, aber auch von Schutzmaßnahmen in Korallenriffen. Analog könnte jede Schule, und vielleicht sogar so manche Firma, für eine eigene Biodiversitätsstation zuständig sein, in der unter wissenschaftlicher Betreuung jedes Jahr das Vorkommen bestimmter Schlüsselarten, der Bodenzustand und weitere Parameter analysiert und die Daten dann in ein globales Wissensnetzwerk eingespeist werden.
Genau hier könnte eine weitere Antwort auf unsere Frage liegen, die zum ökonomischen Nutzen und zum emotionalen und wissenschaftlichen Sinn einer diversen Biosphäre noch hinzukommt: Die Vielfalt der Natur bietet noch Raum für echte Forscheraktivitäten von wissenschaftlichen Laien. Gerade weil die Wissenschaft noch einen weiten Weg gehen muss, weil es Unsicherheiten in den wissenschaftlichen Ergebnissen gibt, aber auch weil wir heute Entscheidungen treffen müssen, die für eine fernere Zukunft Folgen haben, ist es unabdingbar, auch das Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken. Hier hilft eine transparente Bürgerbeteiligung. Sie kann in Umwelt- und Biodiversitätsforschung vom Handeln zum Wissen führen; der Schritt zum Umdenken und zur Verhaltensänderung ist dann nicht mehr weit.
Sich in der Welt umschauen
Eine solche mittlere Ebene der Wissenskooperation und -partizipation kann die weiterhin notwendigen Bemühungen der nationalen und internationalen Regelungspolitik sowie das Engagement nichtstaatlicher Umweltorganisationen ergänzen und verbinden. Denn das, was wir selbst erforschen, können wir auch lieben lernen und damit als schützenswert erkennen. Selbst mitzuarbeiten schafft Vertrauen, auch auf Gebieten, auf denen man nicht selbst Spezialist ist. Wie viele Erwachsene wurden schon zu Fußballfans, weil sich ihre Kinder dafür begeistern? Genauso können Kinder und Jugendliche ihren Eltern Vertrauen in die Wissenschaft geben, weil sie sich dafür engagieren.
"Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben", soll Alexander von Humboldt einmal bemerkt haben. Sich selbst die Welt anzuschauen - damit ist nicht unbedingt die bequeme Strandliege in irgendeinem Touristenresort gemeint, sondern vielmehr selbst zu staunen, sich selbst zu wundern, selbst mitzuforschen, sei es in eigenen Forschungsreisen durch Naturkundemuseen, botanische Gärten oder Zoos oder draußen in der nahen und fernen Natur.
All dies hat nichts mit einem pseudoromantischen Bewahrungsverständnis von Natur zu tun. Aber es könnte uns wieder neugieriger auf die Natur und unsere Einbindung darin machen. Der breiten Akzeptanz für die notwendigen nationalen und internationalen Regelungen kann das nur helfen.