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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Biodiversität & Ökonomie Was kostet die Welt?

 ·  Vor zwanzig Jahren prägte Edward O. Wilson den Begriff der Biodiversität. Heute ist sie in aller Munde, doch in Wahrheit weiß niemand recht, wie sie eigentlich zu fassen ist und wie viel wir sie uns kosten lassen sollten.

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Zu den Büchern, die nur noch antiquarisch gehandelt werden, gehört der Bildband "Rettet die Vögel". Ende der siebziger Jahre war er ein Bestseller. Als Koautor fungierte neben dem Ornithologen Gerhard Thielcke der Biokybernetiker Frederic Vester. Und der bestand damals schon auf einem Untertitel: "Wir brauchen sie". Die Frage "Warum?" war noch nicht üblich.

Vester stellte sie trotzdem. Warum brauchen wir, beispielsweise, das Blaukehlchen? Am Materialwert kann es nicht liegen, den kalkulierte Vester kühl mit drei Pfennnig. Aber als er die Leistungen des Vogels als Schädlingsbekämpfer, Samenverbreiter und Indikator für Umweltbelastungen in Rechnung stellte, sah die Sache anders aus. Zehn Pfennig, entsprechend dem Gegenwert einer Valium-Tablette, gab er noch drauf für den Wert des Kehlchens als "Ohrenschmaus und Augenweide". Resultat: 301,38 Deutsche Mark für den kleinen Schmätzer, der in ganz Europa vorkommt, aber nicht leicht zu beobachten ist.

Drei Jahrzehnte später stellt sich die Frage in anderem Maßstab: Was kostet die Welt? Also sämtliche Lebensräume aller Kontinente und Ozeane auf einen Schlag? Noch ehe das "Jahr der Biodiversität" vorbei ist, soll eine Studie vorliegen, die von den wichtigsten Industrienationen und Schwellenländern in Auftrag gegeben wurde. "The Economics of Ecology and Biodiversity" soll für den Naturschutz das bringen, was der sogenannte Stern-Report für den Klimaschutz bewirkt hat: Eine In-Wert-Setzung aller Ökosysteme samt einer Bezifferung der Folgen, die es hätte, wenn der Mensch nicht schleunigst ihre Bewahrung in Angriff nähme. Was dabei herauskommt, lässt sich absehen: "Naturschutz ist Big Business", sagt der Studienleiter Pavan Sukhdev, Physiker und Ökonom und bei der Deutschen Bank zuständig für globale Märkte.

Krötentunnels und anderes

Wie groß könnte der Kuchen sein, der da zu verteilen ist? Robert Costanza, Direktor des Institute for Ecological Economics an der University of Vermont, hat den angeblichen Jahresertrag des globalen Bioreichtums einmal mit 32 Billionen Dollar beziffert. Das wäre immerhin das Doppelte der weltweiten Wirtschaftsleistung. Methodisch ist an dieser Schätzung viel ausgesetzt worden, doch die grobe Richtung hat Costanza damit vorgegeben.

In Wahrheit können weder Wissenschaftler noch Politiker, weder Ökologen noch Ökonomen bisher drei grundlegende Fragen beantworten. Was ist Biodiversität? Was haben wir davon? Und was kostet uns das?

Fangen wir mit der letzten Frage an. Dass einer intakten Umwelt inzwischen auch ein materieller Wert zugestanden wird, ist erst einmal Balsam auf die Seelen der Ökofreunde, die lange genug als notorische Feinde des wirtschaftlichen Fortschritts galten. Wo immer ein Neubaugebiet ausgewiesen, eine Autobahn geplant, ein Kraftwerk errichtet oder ein Fluss ausgebaggert wurde, waren sie zur Stelle und präsentierten irgendeinen Lurch, einen Feldhamster oder eine seltene Grille. Zäh wurde über Ausgleichsmaßnahmen verhandelt; Krötentunnel und ähnliche Sperenzchen wurden zu lästigen Begleiterscheinungen einer Umweltmarotte, gegen das jederzeit das Arbeitsplatzargument ins Feld geführt werden konnte. Und nun soll auf einmal alles anders sein? Die Natur als Arbeitgeber und Kapitalfaktor, vergleichbar mit Automobilbau oder Computerbranche?

Verlustrechnungen

Erst wenn eine Ressource knapp wird, gerät sie in den Fokus von Wirtschaft und Politik. Was beispielsweise zweitausend Kilometer ursprüngliche Küstenlinie wert sind, hätte vor der Havarie der Exxon Valdez niemand zu sagen vermocht. Der Öltanker war im März 1989 im Prince William Sound vor Süd-Alaska auf Grund gelaufen. 40 000 Tonnen Rohöl verseuchten die Strände, eine viertel Million Seevögel verendeten, die Fischbestände wurden schwer geschädigt. Der Prozess um Schadenersatz zog sich anschließend zwanzig Jahre hin.

Wie hoch sollte man die Verluste ansetzen? Es ging ja nicht nur um Lachse, Heringe oder Robben. Von der Fischerei und vom Naturtourismus lebte die gesamte Region. Ein Gutachten nach dem anderen wurde in Auftrag gegeben, Exxon zur Zahlung von fünf Milliarden Dollar verurteilt, was in etwa dem Jahresgewinn des Ölkonzerns entsprochen hätte. Die Summe verringerte sich auf dem Weg durch die Instanzen nach und nach auf fünfhundert Millionen.

Allein das Säubern der Strände hat seinerzeit mehr als zwei Milliarden Dollar gekostet. Forscher der Temple University in Philadelphia berichten jetzt, sie fänden trotzdem noch größere Mengen Öl im Boden, die sich mangels Sauerstoff kaum zersetzen. Mindestens kann man aus dem Fall Exxon Valdez lernen, dass die Spätfolgen einer Umweltkatastrophe nicht so ohne weiteres abzuschätzen sind. Weder von Ökonomen noch von Ökologen.

Beide Disziplinen tun sich auf ihre Art schwer mit der Umwelt. Solange saubere Küsten und Gewässer nicht wie Bananen gehandelt werden, lässt sich auch kein Marktpreis ermitteln. Ersatzweise kann man fragen, was Menschen bereit wären, für eine intakte Umwelt zu zahlen. Wie viel sie ausgeben würden, um beispielsweise einen Blauwal zu Gesicht zu bekommen. Oder wie hoch die Immobilienpreise steigen, wenn vor der Tür alles sprießt und blüht. Doch ändert das nichts daran, dass man Ökosysteme in letzter Konsequnz nicht nach den Regeln der Marktwirtschaft bewerten kann. Zumal der Mensch auch noch integraler Teil von ihnen ist, allein schon durch seine Teilnahme an der Nahrungskette.

Der Wert der Natur

Das führt zur zweiten Frage, die Biologen nur sehr ungern hören: Was haben wir überhaupt davon, dass sich Seeadler und Tordalk oder Mehlprimel und Trollblume wohl fühlen?

Als der Evolutionsbiologe Edward Wilson vor etwas mehr als zwanzig Jahren den Ausdruck "Biodiversity" prägte, ging er noch wie selbstverständlich von einem Wert der Natur an sich aus. Wilsons Kollege David Ehrenfeld von der Rutgers University wetterte damals: "Dinge zu bewerten, die uns nicht gehören und deren Bedeutung wir nur äußerst oberflächlich verstehen, ist der Gipfel anmaßender Verrücktheit." Ökologen, so warnte er eindringlich, sollten sich auf jeden Fall fernhalten vom "schlüpfrigen Terrain der Wirtschaftswissenschaftler und ihrer philosophischen Verbündeten." Doch genau dort, in den Händen der Utilitaristen, ist das Thema in der Zwischenzeit gelandet.

Nach einer klassischen Definition des britischen Ökonomen Lionel Robbins dreht sich alles unter der Sonne um "die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse mit knappen Mitteln, welche auf unterschiedliche Weise verwendet werden können".

Was hätten wir in dieser Hinsicht von der Natur zu erwarten? Je nach Interessenlage wären das: Arzneimittel wie Aspirin oder Penicillin; Rohstoffe wie Holz, Gummi, Öle, Harze, Farbstoffe, Fasern; Bioindikatoren für Umweltveränderungen wie Flechten oder andere empfindliche Arten; Freizeitvergnügen und ästhetische Befriedigung; Ökosystemdienstleistungen wie Bodenfruchtbarkeit, saubere Luft, Fixierung von Kohlendioxid durch Photosynthese, Regulierung des Wasserkreislaufs, Stickstoffbindung, Abbau organischer Materie durch Pilze und Mikroorganismen und so fort; diese Aufzählung folgt einer Zusammenstellung des Lüneburger Nachhaltigkeitsökonomen Stefan Baumgärtner und ist keinesfalls vollständig. Das elementarste menschliche Bedürfnis freilich rangiert vorneweg: der Hunger.

Pionierkampf gegen die Wildnis

Seit dem Ende der Jäger- und Sammlerkultur stammt ein Großteil unserer Nahrungsmittel von domestizierten Pflanzen- und Tierarten. Allzu viele sind das nicht. Essbar wäre vermutlich ein Viertel der wissenschaftlich beschriebenen 240 000 höheren Pflanzen. Aber nur rund 150 wurden jemals kultiviert, weniger als zwanzig davon decken mehr als neunzig Prozent des heutigen Nahrungsbedarfs - Weizen, Mais, Reis und Kartoffeln allein über die Hälfte.

Wozu dann der ganze Rest? Warum sollen wir zum Beispiel Moore schützen, wenn dort nichts von Bedeutung wächst? Schließlich waren unsere Urgroßväter noch heilfroh, wenn sie den Torf endlich gestochen, das Land entwässert und in fruchtbare Äcker und Wiesen verwandelt hatten.

Dem Ersten der Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot. So rodet der Mensch seit dem Neolithikum gegen die Wildnis an. Oft war das zu seinem Segen, häufig genug ging es aber auch schief. Vor allem dann, wenn es an nachhaltiger Erfahrung fehlte. So konnten sich die Pioniere am Amazonas den Regenwald kaum anders denn als „grüne Hölle“ vorstellen. Ein Auskommen bot sie auf den ersten Blick nicht. Bis der Kautschuk entdeckt wurde. Die Latexmilch des Gummibaums war eine Zeitlang so wertvoll wie das Gold, das man bis dahin vergeblich gesucht hatte. Von Belem bis Manaus entstand tatsächlich für kurze Zeit ein Eldorado.

Ungefähr auf der Hälfte der Strecke zwischen den beiden Amazonasstädten kann man besichtigen, was davon übrig blieb. In Fordlandia am Rio Tapajós begrüßt eine verfallene Lagerhalle den einsamen Besucher. Von einst achttausend Einwohnern leben hier noch ein paar hundert, ohne Strom oder Wasserversorgung. Sonst steht vieles noch da von dem, was der Autobauer Henry Ford in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aus dem Boden stampfen ließ.

Arme Böden, reiche Kronen

Mitten im Nirgendwo wollte der amerikanische Magnat in großem Stil Kautschuk anbauen, um die Reifen seiner T-Modelle zu bestücken. Zehntausend Quadratkilometer Wald hatte er zu diesem Zweck der brasilianischen Regierung abgekauft. Plantagen wurden angelegt, ein eigenes Kraftwerk und ein Krankenhaus errichtet, dazu Schwimmbad und Kino. 25 Millionen Dollar steckte Henry Ford in das Projekt, das zu einem Desaster führte: In Asien, wohin die Samen von Hevea brasiliensis heimlich geschmuggelt worden waren, mochte der Baum in Plantagen gedeihen. Doch ausgerechnet in Brasilien, wo er heimisch war, wurden solche Monokulturen ein Opfer der Braunfäule. Am Ende revoltierten auch noch die brasilianischen Arbeiter, das Land am Rio Tapajós fiel für einen symbolischen Preis an Brasilien zurück, ohne dass es je auch nur das Gummi für einen einzigen Reifen hervorgebracht hätte.

Henry Ford war ein Kapitalist reinsten Wassers. Ökologische Bedenken wären ihm nie gekommen. Heute gilt als Faustregel für den Regenwald, dass es sich bei ihm eher um eine grüne Wüste als um eine grüne Hölle handelt. Die sprichwörtliche biologische Vielfalt findet sich größtenteils in den Kronen der Bäume, was zu Boden fällt, wird auf der Stelle von Insekten, Pilzen oder Mikroorganismen recycelt. Das Erdreich, in dem die ganze Pracht wurzelt, gehört zu den ärmsten Böden der Welt. Große Profite sind da auf Dauer nicht zu erwarten. Vor allem nicht von Monokulturen. Kahlschlagen lässt sich ein Regenwald nur ein einziges Mal.

Was allzu oft auch geschieht. Jahr für Jahr geht der Bestand der Tropenwälder nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO um ein Prozent zurück. Mehr als doppelt so schnell schwinden Mangrovenwälder, die durch Shrimps- und Fischfarmen ersetzt werden. Moore, Auen, Seen und Flüsse werden in großem Stil trockengelegt, gestaut, begradigt, verschmutzt; nach Schätzungen des World Wildlife Fund bedeutet das Jahr um Jahr für mehr als zwei Prozent aller im Wasser lebenden Wirbeltiere das Aus.

Was ist biologischer Reichtum?

Als hochgradig gefährdet gelten außerdem ein Viertel aller Korallenriffe. Keine konkreten Schätzungen existieren für Graslandschaften, Wüsten und Steppen, wobei auf der Hand liegt, dass produktives Grünland jederzeit in der Gefahr schwebt, degradiert zu werden. Ähnliches gilt für weite Bereiche der Ozeane. Auf dem Vormarsch scheinen einzig und allein die Laub- und Nadelwälder der gemäßigten Breiten zu sein; nach Angaben der FAO legen sie jährlich um 0,1 Prozent zu. Über ihren Zustand ist damit allerdings noch wenig gesagt. Das führt zurück zur Eingangsfrage: Was ist überhaupt biologischer Reichtum?

Es hat nicht an Versuchen gefehlt, ihn quantitativ zu erfassen. Der sogenannte Shannon-Index beispielsweise beschreibt die Reichhaltigkeit eines Ökosystems auf mathematisch ähnliche Weise wie den Informationsgehalt einer Nachricht oder die Entropie in einem thermodynamischen System. In der Praxis kann man damit gerade mal die relative Häufigkeit einer Spezies innerhalb einer Population aus mehreren Arten bestimmen.

Die Schutzwürdigkeit und damit der Wert eines Ökosystems hängt von zahllosen weiteren Faktoren ab, unter anderem von dem jeweiligen Grad an „Resilienz“, also der Fähigkeit, Störungen zu tolerieren. Ein Brand in der Savanne kann deren Regeneration sogar fördern, ein Feuer in einem Regenwald kann ihn unwiederbringlich zerstören.

Häufig wird der Begriff Biodiversität auch mit „Artenvielfalt“ (species richness) übersetzt. Doch das trifft es ebenfalls nicht. Ein Biotop, etwa ein Strandabschnitt auf den Westindischen Inseln, kann Dutzende Arten und Unterarten von Schnecken beherbergen, die nur noch der Fachmann zu unterscheiden weiß. Besonders divers würde man das nicht nennen. Genauso wenig wie eine Ansammlung verschiedener Weihnachtstannen in einer dänischen Baumplantage.

Muss man Biodiversität sehen?

„Variabilität“ forderte die Convention on Biological Diversity 1992 in Rio de Janeiro. Gemeint ist damit die ganze Bandbreite der Vielfalt des Lebens, angefangen von Genen und Genomen über Arten und Populationen bis hin zu kompletten Biomen. Aber selbst das reicht bei näherer Betrachtung noch nicht aus. Denn in Wahrheit gilt es ja, die Interaktionen zwischen allen diesen Elementen zu betrachten, beispielsweise die Art und Weise, wie der Bestand einer Mäusepopulation mit dem Vorkommen bestimmter Gräser oder Raubkatzen zusammenhängt, inklusive der damit verbundenen Stoff- und Energiekreisläufe.

Damit immer noch nicht genug: Will die Ökologie Anspruch erheben, eine exakte Wissenschaft zu sein, muss sie solche Einheiten nicht nur beschreiben, sondern zum Beispiel auch verlässlich vorhersagen können, wie sich die Lebensgemeinschaft eines Kalktrockenrasens in absehbarer Zukunft entwickeln wird, und zwar sowohl dann, wenn er regelmäßig gemäht oder beweidet wird, wie auch dann, wenn er sich selbst überlassen bleibt.

Die Hoffnung, eine klar definierte Größe für „Biodiversität“ zu finden, hat sich jedenfalls nicht erfüllt. Bis auf weiteres kann man nur sagen: Biologische Vielfalt ist wie Pornographie. Nicht zu definieren, aber am ehesten intuitiv zu begreifen, wenn man sie unmittelbar vor Augen hat.

Nachhaltiges Forstwirtschaften

Dem Schnorchler am Korallenriff leuchtet das sofort ein. Den Anwohnern der Sahelzone schon weniger. Ein noch näher liegendes Beispiel sind Deutschlands Buchenwälder. Nach herrschender Lehrmeinung sind sie der Lebensraum, der hierzulande dominieren würde, wenn nicht schon unsere Vorfahren dafür gesorgt hätten, dass in Germanien anderes und mehr wächst als Fagus sylvatica samt den zugehörigen, im ökologischen Weltmaßstab eher bescheiden zu nennenden Beständen an Waldschwingel, Hasenlattich oder Hainsimse.

Kaum ein Hektar Boden, der nicht unter die Axt oder den Pflug geriet: Bis ins 18. Jahrhundert wurden Deutschlands Wälder derart dezimiert, dass von rentabler Forstwirtschaft kaum noch die Rede sein konnte. Erst der Forstmeister Georg Ludwig Hartig formulierte um 1800 in seiner „Anweisung zur Taxation der Forsten“ ein Umdenken: „Es lässt sich keine dauerhafte Forstwirtschaft denken, wenn die Holzabgabe aus den Wäldern nicht auf Nachhaltigkeit berechnet ist. Jede weise Forstdirektion muss daher die Waldungen des Staates so benutzen, dass die Nachkommenschaft wenigstens ebenso viel Vorteil daraus ziehen kann als die jetzt lebende Generation.“ Hartig wurde zum Vorbild für Generationen von Förstern. Ein Drittel Deutschlands ist heute wieder mit Wald bedeckt. Nachhaltig bewirtschaftet wird er seit langem. Das heißt: Es wachsen mindestens so viele Bäume nach, wie geschlagen werden - aktuell sogar mehr. Aber ist das schon Biodiversität?

Erst einmal ist das nur ein Wirtschaftsfaktor. Ein 120 bis 140 Jahre alter Buchenwald erster Güte bringt etwa 25 000 Euro pro Hektar, wenn das Holz vollständig geschlagen wird. Blieben die Bäume stehen, bis sie nach weiteren hundert bis zweihundert Jahren zusammenbrechen und verrotten, hätte der Forstbesitzer diese Summe in den Wind geschrieben. Über den gesamten Zeitraum hinweg wären das pro Jahr und Hektar ein paar hundert Euro Verlust.

Was bietet der deutsche Wald?

In der Praxis allerdings kämen stillgelegte Wälder häufig billiger, sagt Ulrich Hampicke, vor seiner Emeritierung Lehrstuhlinhaber für Landschaftsökonomie an der Universität Greifswald. Das größte zusammenhängende Laubwaldgebiet Deutschlands beispielsweise, der Thüringer Nationalpark Hainich, sei unter anderem deshalb angelegt worden, weil es billiger war, munitionsverseuchte Flächen einzuzäunen, als zu räumen. Ähnlich im Nationalpark Eifel, wo die älteren Stämme noch voller Granatsplitter aus dem Zweiten Weltkrieg stecken.

Was steht dem forstwirtschaftlichen Verzicht auf der ökologischen Habenseite gegenüber? Zweifellos ein Gewinn, denn morsches und totes Holz bietet Lebensraum für Hunderte von Pilz- und Insektenarten. Zur ökonomischen Rechtfertigung wird in solchen Fällen gern der Tourismus genannt, der durch Nationalparks angelockt werde. Fairerweise muss man einräumen, dass selbst der Ökotourist weniger an modernden Baumstümpfen als an „charismatischen Arten“ interessiert ist. Darunter versteht man etwa den Pandabären, den sibirischen Tiger, den Berggorilla oder das afrikanische Großwild, die allesamt imstande sind, eine Region (und so manche Organisation) durch ihre bloße Existenz zu ernähren.

Was bietet in dieser Hinsicht der vielbesungene deutsche Wald? Hirsch und Wildschwein fallen schon mal weg, deren Bestände müsste man eher reduzieren als schützen. Als Pendant zum Panda könnte man noch Luchs und Wildkatze nennen. Doch wie der Wolf gehen sie dem Menschen möglichst aus dem Weg. Wo man sie ansiedeln will, geht es vor allem darum, sie konsequent in Ruhe zu lassen - eine Strategie, die nicht unbedingt mit touristischen Zielen vereinbar ist.

Die „Tragik der Allemende“

Als Wappentier schlechthin gilt im deutschen Forst das Auerhuhn. Für dessen Zukunft sieht es eher düster aus. „Total unflexibel und anpassungsunfähig“, sagt Ulrich Hampicke, „das bleibt nur, wenn man ihm den roten Teppich ausrollt.“ Damit ein Auerhuhn sich wohl fühlt, muss der Wald nadelholzreich, aber gleichzeitig licht sein, voller Heidelbeeren, ausgestattet mit ausreichend großen Balzplätzen und umgeben von insektenreichem Offenland für die Küken. Im Schwarzwald müht man sich in Modellprojekten, doch der Erfolg ist nicht abzusehen: „Das wirft die Frage auf, ob man die Art außerhalb der Alpen überhaupt erhalten soll“, sagt Ulrich Hampicke.

So viel zum Wald der gemäßigten Breiten. Der größere biologische Reichtum findet sich hierzulande eher da, wo der Mensch im Laufe der Jahrhunderte Kulturlandschaften geschaffen hat. Das können gemähte Flächen auf unterschiedlich kargen Böden sein, extensiv genutzte Schaf- und Rinderweiden, traditionell bewirtschaftete Weinberge, teilweise entwässerte Niedermoore, Streuobstwiesen, Wachholderheiden, Almen, Steinbrüche, Bahndämme, Hecken und Mauern, Acker- und Waldränder, Bauerngärten, Tümpel und Teiche. Selbst degradiertes Ödland wie aufgegebene Bahnhöfe und ehemalige Truppenübungsplätze bietet einen hohen Artenreichtum, verglichen mit den Monokulturen der modernen Landwirtschaft.

Denn das ist das Problem: Die größte Biodiversität in der gemeinsamen Geschichte von Mensch und Natur hat vermutlich vor zweihundert Jahren geherrscht, kurz vor Beginn der industriellen Revolution. Seitdem sind in weltweitem Maßstab nur noch Flächen geopfert worden, kaum welche hinzugekommen. Wenn jetzt die letzten unberührten Gebiete wie Amazonien zum „Naturerbe der Menschheit“ erklärt werden, dann äußert sich darin nichts anderes als die seit Aristoteles beschriebene „Tragik der Allmende“. Öffentliche Güter, die von allen genutzt werden, werden schnell bis an den Rand ihrer Existenz ausgebeutet und darüber hinaus. „Wenn ich es nicht tue, dann die anderen“, lautet das Argument, mit dem sich Fischer, Jäger, oder Holzfäller schon immer gerechtfertigt haben.

Nachhaltigkeit durch lokale Selbstorganisation?

Traditionell gilt der Niedergang einer frei verfügbaren, aber begrenzten und damit bald übernutzten Ressource als unabwendbar. Jeder zieht seinen kurzfristigen Nutzen aus dem Raubbau, niemand denkt an die langfristigen Folgen. Doch im vergangenen Jahr ging der Wirtschaftsnobelpreis an eine Umweltökonomin, die eine andere Auffassung vertritt.

Elinor Ostrom von der Indiana University in Bloomington hat etliche Wirtschaftsformen wie gemeinsam betriebene Almen oder Bewässerungssysteme untersucht und festgestellt, dass sich sehr wohl lokale Formen einer Selbstorganisation bilden können, die ein Stück Land oder eine andere Nahrungsquelle im Sinne des Allmendegedankens nachhaltig nutzen. Es müssen nur klare Regeln gefunden werden, Verstöße dagegen bestraft und Fremde von der Teilnahme ausgeschlossen sein.

Wäs wäre die Alternative? Man könnte besonders schützenswerte „Hotspots“ der Biodiversität privatisieren oder verstaatlichen. Man könnte sie auch in den Rang unschätzbarer Kunstwerke erheben. Milliardäre könnten bedrohte Landstriche aufkaufen, wie es bereits in Patagonien oder in Südafrika geschieht. Dann allerdings müsste man sie auch ähnlich scharf bewachen wie die Mona Lisa oder die Goldreserven von Fort Knox.

Kaum vorstellbar, dass das funktioniert. Und deshalb muss so oder ein Weg gefunden werden, biologischen Reichtum zu teilen, ohne ihn zu verschleudern.

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Jahrgang 1954, verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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