Das Robert-Koch-Institut betrachtet den Ehec-Ausbruch, der Deutschland seit Mai in Atem hält, seit dieser Woche als beendet. Am Mittwoch stellte das Institut in einer offiziellen Mitteilung fest: „Der letzte Erkrankungsbeginn, der dem Ausbruch zuzuordnen ist, wurde für den 4.7.2011 übermittelt und liegt damit drei Wochen zurück.“ Somit könne der Ausbruch als beendet gelten. Die Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts gaben zudem bekannt, dass sie insgesamt 4300 Erkrankte und 50 Tote mit dem Ausbruchsgeschehen in Zusammenhang bringen. Es handelt sich daher um die bisher größte Ehec-Epidemie, die Deutschland je erlebt hat.
In Zukunft wird man anders mit Epidemien umgehen
Wissenschaftler der Universität Münster ziehen derweil eine Bilanz anderer Art in der Fachzeitschrift „Plos One“: Sie schildern, wie sie anlässlich der Ehec-Krise erstmals eine Genomanalyse während eines laufenden Ausbruchsgeschehens durchgeführt haben. „Dies ist quasi die Geburt einer neuen Disziplin, nämlich der prospektiven genomischen Epidemiologie“, sagt der Mikrobiologe Dag Harmsen, dessen Team die Studie angefertigt hat. Die Münsteraner waren am 3. Juni die ersten, die eine Genomsequenz des Ehec-Ausbruchsstammes öffentlich zugänglich machten.
Für den aktuellen Ausbruch mache es zwar keinen Unterschied mehr, dass die Sequenz so früh gezeigt werden konnte, sagt Harmsen. „Aber die Art und Weise, wie man zukünftig in Industriestaaten mit Infektionsgeschehen umgeht, wird sich grundsätzlich ändern. Mittelfristig wird eine so rasche Sequenzierung therapeutische Konsequenzen haben - etwa, wenn für eine Krankheit Antibiotika oder Impfstoffe zur Verfügung stehen.“
Nur 62 Stunden für die Sequenzierung
Harmsens Arbeitsgruppe war extrem schnell, weil sie ein neues Gerät zur Verfügung hatte - die „Ion Torrent PGM next generation sequencing (NGS)-Plattform“. „PGM“ steht für „Personal Genome Machine“. Die Universität Münster hatte im Februar zu den ersten fünf Institutionen weltweit gehört, die die Plattform erhielten. Mit dem Gerät dauert es nur 62 Stunden, bis die Rohsequenz des Keims vorliegt. Zuvor muss eine Bakterienkultur angelegt werden, was auch eine Nacht erfordert.
Zwar gebe es schon Studien, für die diese Technologie retrospektive Anwendung fand. „Aber während eines Ausbruchs wurde eine derartige Analyse nie zuvor durchgeführt“, sagt Harmsen. Die Wissenschaftler träumen jetzt von einer Software, die im Zuge der Sequenzierung gleich einen sogenannten Plain Language Report mitliefern würde: „Das wäre ein umgangssprachlicher Bericht, der das Genom deutet und uns sagt: Dieser Keim hat folgende Resistenzen, diese Toxine, und bei den Patienten muss man auf dies und das achten“, sagt Harmsen. „Ein solches Expertensystem besitzt aber bisher noch niemand.“ In Zukunft, mutmaßt Dag Harmsen, werde die neue Technologie sich zu öffentlichen Institutionen wie dem Robert-Koch-Institut und dem Friedrich-Loeffler-Institut verlagern.
Wichtig war die Referenzstammsammlung
Die schnelle Sequenzierung in Münster zeigte noch während des Ausbruchs, dass der gefährliche Ehec-Typ des aktuellen Ausbruchs nah mit einem Stamm verwandt war, der schon 2001 bei einem Patienten gefunden worden war. Dieser Vergleich wurde möglich, weil am Institut für Hygiene der Universität Münster eine Referenzstammsammlung vorlag, die dort seit Mitte der neunziger Jahre etabliert worden war. Somit sei auch noch einmal die Bedeutung solcher Stammsammlungen deutlich geworden, sagt Helge Karch, Direktor des Instituts für Hygiene und Mitautor der in Plos One erschienenen Studie.
Anders als viele Ehec-Fälle in den vergangenen Jahren konnte der dramatische Ausbruch im Frühsommer dieses Jahres sogar nahezu restlos aufgeklärt werden: Heute weiß man nicht nur, dass die Betroffenen sich durch den Verzehr von Sprossen ansteckten, man kennt auch den Herkunftsort der Sprossen, Ägypten, und deren genaue Art, nämlich Bockshornklee. Dennoch sind viele Verbraucher nach wie vor verunsichert. Das Bundesinstitut für Risikobewertung gibt deshalb noch immer beinahe täglich neue Mitteilungen heraus. Inzwischen sehen die Risikoforscher keinen Grund mehr für die Empfehlung, zum Schutz vor Infektionen mit Ehec Sprossen und Keimlinge generell nicht roh zu verzehren. Die aktuellen Ermittlungsergebnisse ergäben nämlich keine Hinweise, dass andere Samenarten als Bockshornkleesamen mit EHEC-Infektionen in Zusammenhang stehen. Aus Ägypten importierte Bockshornkleesamen sowie Sprossen und Keimlinge, die aus diesen Samen gezogen wurden, sollten aber weiterhin nicht roh verzehrt werden.
16 Millionen Euro an deutsche Gemüsebauern
Derweil wurde außerdem bekannt, dass die Gemüsebauern in der EU mehr Entschädigung für Einnahmeausfälle während des Ausbruchs bekommen. Die EU-Kommission teilte am Donnerstag in Brüssel mit, die vorgesehene Entschädigung aus den Kassen der Europäischen Union sei von bisher 210 auf 227 Millionen Euro erhöht worden. Damit soll der Zusammenbruch des europäischen Marktes für Gemüse nach - später als unzutreffend zurückgezogenen - deutschen Warnungen vor Gurken und anderem Gemüse ausgeglichen werden. Von dem Gesamtbetrag gehen 16 Millionen Euro an deutsche Landwirte. Diese Summe hatte Deutschland auch beantragt. Das weitaus meiste Geld kommt Bauern in Spanien (71 Millionen Euro) zugute, gefolgt von Polen (46), Italien (34) und den Niederlanden (27 Millionen).
Zwischenzeitlich waren auch Gewässer in Verdacht geraten, mit Ehec-Keimen belastet zu sein. Für Rheinland-Pfalz zumindest wurde jetzt Entwarnung gegeben: Alle 69 ausgewiesenen Badegewässer in Rheinland-Pfalz sind offenbar frei von Ehec-Keimen. „Für die Badegäste gibt es keinen Grund zur Besorgnis“, berichtete das Umweltministerium am Mittwoch. Die Sauberkeit der Gewässer sei gut bis ausgezeichnet. Landesweit sind 69 Seen, Weiher, Maare und Naturbäder zum Schwimmen freigegeben.
Deutsche achten jetzt mehr auf Hygiene
Damit scheint die Ehec-Krise überstanden zu sein. Vergessen ist sie aber noch lange nicht. Rund 40 Prozent der Deutschen achten seit der Erkrankungswelle auf mehr Küchen-Hygiene, ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa. Knapp die Hälfte der 1101 repräsentativ Befragten sagten zudem,
sich durch die Warnungen vor EHEC und der Schweinegrippe gründlicher die Hände zu waschen.
Um die Verbreitung des Keims zu stoppen, hatten die Behörden während der Krise dazu aufgerufen, rohes Gemüse vor dem Verzehr, aber auch die eigenen Hände sorgfältig zu waschen. Diese Empfehlungen seien immer noch gültig, sagt Professor Reinhard Burger, der Präsident des Robert Koch-Instituts, auch mit Blick auf andere Erreger. Die persönliche Hygiene sei „strikt“ zu beachten. „Dazu gehören die Händehygiene, die Toilettenhygiene und die Küchenhygiene.“
@ Ragna
Peter horrex (Eysel)
- 01.08.2011, 16:23 Uhr
Und
frank frei (EuroTanic)
- 31.07.2011, 23:49 Uhr
Täuschungsmanöver
Ragna Kramer (ragnakram)
- 31.07.2011, 16:51 Uhr