Honigbienen zählen zu unseren wichtigsten Nutztieren. Sie werden oft an dritter Stelle genannt, gleich hinter Rind und Schwein. Das liegt nicht vorrangig am Honig. Ohne ihre Dienste beim Bestäuben von Blüten sähe es düster aus mit dem Ernteertrag zahlreicher Obst- und einiger Gemüsearten. Der wirtschaftliche Wert ihrer Bestäubungsleistung wurde allein für Deutschland auf zwei Milliarden Euro jährlich geschätzt. Umso alarmierender klingen Berichte über rätselhafte Fälle von Bienensterben, wie sie seit einigen Jahren bei uns auftauchen, aber insbesondere auch aus den Vereinigten Staaten kommen. Sie haben zu einer erbitterten Auseinandersetzung über die möglichen Ursachen geführt. Zwei Studien in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Science“, eine aus Schottland und eine aus Frankreich, leiten Wasser auf die Mühlen jener Imker, die den chemischen Pflanzenschutz als Hauptschuldigen anprangern.
Im Verdacht stehen vor allem Pestizide aus der Gruppe der Neonicotinoide. Diese stören die chemische Signalübertragung im Nervensystem von Insekten. Sie schützen Nutzpflanzen vor saugenden und beißenden Schädlingen. Mit einem dieser Wirkstoffe, dem Thiamethoxam, hat Mickaël Henry vom Nationalen Agrarforschungsinstitut (INRA) in Avignon zusammen mit Axel Decourtye und anderen Wissenschaftlern experimentiert. Die Substanz wird zum Schutz von Raps, Mais und weiteren Pflanzen verwendet. Schon länger gibt es Befunde, denen zufolge Neonicotinoide die Orientierung von Bienen beeinträchtigen und so zur Gefahr für diese Nützlinge werden können.
Um das zu prüfen, statteten die Forscher insgesamt 653 Honigbienen mit Radio-Mikrochips aus, die von einem Lesegerät am Bienenstock registriert werden konnten. Die Tiere wurden dann in einiger Entfernung vom Stock freigelassen. Einem Teil von ihnen hatte man zuvor in einer Zuckerlösung eine „realistische, nicht tödliche“ Dosis an Thiamethoxam kredenzt. Wie die Forscher berichten, störte das Pestizid die Orientierung tatsächlich. Je nach Entfernung und Art des Geländes kehrten bis zu 43 Prozent der Bienen, die den Wirkstoff aufgenommen hatten, nicht mehr zum Stock zurück. Berechnungen legen den Schluss nahe, dass dadurch ein Bienenvolk eingehen könnte. Von den unbehandelten Insekten verloren nur etwa 17 Prozent die Orientierung.
Nicht den Bienen, sondern Hummeln galt das Interesse der schottischen Forscher um Dave Goulson von der Universität Stirling. Sie wollten herausfinden, wie sich ein anderes Neonicotinoid, das Imidacloprid, auf diese ebenfalls als Bestäuber geschätzten Insekten auswirkt. Die Substanz wird in mehr als hundert Ländern der Erde im Pflanzenschutz verwendet. Imidacloprid wurde von Bayer CropScience entwickelt. Das Unternehmen preist den Wirkstoff als das erfolgreichste Insektizid weltweit. Als Beize wirkt es Insektenfraß an Saatgut entgegen und hilft so, schweren Ernteeinbußen vorzubeugen.
Die Untersuchung, teils im Labor und teils im Freiland, wurde an insgesamt 75 Kolonien der Schwarzen Erdhummel vorgenommen. Ein Drittel der Insekten wurde mit Blütenstaub gefüttert, der Imidacloprid in einer Konzentration von 6 ppb (Anteile pro Milliarde Moleküle in der Lösung) enthielt. Ein weiteres Drittel erhielt die doppelte Dosis, und die übrigen Kolonien, die als Kontrollgruppe dienten, wurden mit unbehandeltem Pollen gefüttert. Dann durften sich die Hummeln sechs Wochen lang im Freiland an den verschiedensten Blütenpflanzen gütlich tun. Anschließend ermittelten die Forscher das Gewicht der Kolonien als Maß für die Entwicklung. Wie sie berichten, hatte sich das Pestizid nachteilig ausgewirkt. Die geringere Dosis ging mit einer Gewichtsminderung um acht Prozent, die höhere mit einer von zwölf Prozent einher. Der größte Einfluss zeigte sich aber bei der Zahl der Königinnen. Die unbehandelten Kolonien hatten durchschnittlich 13 Königinnen hervorgebracht, die mit dem Pestizid belasteten hingegen nur maximal zwei. Die Zeitschrift „Science“ zitiert dazu einen Ökotoxikologen von Bayer CropScience in Research Triangle Park (North Carolina), der die verwendeten Konzentrationen für höher hält, als sie für Nutzpflanzen anzunehmen seien.
Auf einen erstaunlichen Pestizid-Effekt sind unlängst auch amerikanische Forscher bei Experimenten mit Imidacloprid gestoßen. Ihren Ergebnissen zufolge kann die Substanz sogar in nicht mehr nachweisbarer Menge dazu führen, dass Honigbienen verstärkt von Parasiten befallen werden. Was die akute und chronische Toxizität betrifft, haben experimentelle Studien zu uneinheitlichen und widersprüchlichen Ergebnissen geführt, wie die Wissenschaftler um Jeffery Pettis vom staatlichen Bienenforschungslabor in Beltsville, Maryland, ausführen. Als Schwellenwert habe sich eine Konzentration von 20 ppb herauskristallisiert. Honigbienen, die einer höheren Konzentration von Imidacloprid ausgesetzt waren, zeigten sich in verschiedenen Studien, wie auch in der aktuellen französischen, desorientiert und weniger lernfähig. In Pollenkörnern und Nektar von Nutzpflanzen, die aus gebeizten Saaten herangewachsen waren, fand man aber einen viel niedrigeren Gehalt des Insektizids.
Die Forscher um Pettis haben an 30 Bienenvölkern eine Kombination von Freiland- und Laboruntersuchungen vorgenommen. Dazu präsentierten sie den Insekten zehn Wochen lang eine standardisierte Eiweißnahrung. In einem Drittel der Bienenstöcke wurde das reine Präparat plaziert. In einem weiteren Drittel enthielt es 5 ppb Imidacloprid und in den übrigen Stöcken 20 ppb des Wirkstoffes. Nach Ablauf dieser Zeit entnahm man Waben mit der Brut und brachte sie ins Labor. Die dort geschlüpften Bienen waren in keinem Fall direkt mit dem Insektizid in Berührung gekommen. Ein Kontakt konnte allenfalls über die von ihren Artgenossinnen im Stock bereitgestellte Nahrung erfolgt sein. Dementsprechend fand sich bei ihnen kein Imidacloprid. Die Konzentration im Körpergewebe muss jedenfalls unterhalb der Nachweisgrenze von 0,1 ppb gelegen haben. Bei den Bienen indessen, die im Stock die mit Imidacloprid präparierte Eiweißnahrung aufgenommen hatten, ermittelte man eine Konzentration von 1,6 bis 3,7 ppb.
Bienenvölkern drohen Infektionen mit den unterschiedlichsten Erregern, etwa Viren, Bakterien und Milben. Vor allem die Varroa-Milbe sorgt immer wieder für schwere Verluste, so auch in diesem Jahr. Ebenfalls gefürchtet bei den Imkern ist eine Darmseuche, die Nosemose (als „Frühlingsschwindsucht“ bekannt), hervorgerufen durch Jochpilze der Gattung Nosema. Die amerikanischen Forscher testeten die Widerstandskraft der im Labor geschlüpften Bienen gegenüber diesem Erreger. Dazu mischten sie Pilzsporen in die als Nahrung angebotene Zuckerlösung. Nach zwölf Tagen untersuchten sie, inwieweit sich die Erreger im Verdaungstrakt vermehrt hatten. Zu ihrer Überraschung fanden sich große Unterschiede: Die Brut aus jenen Stöcken, in die das Insektizid eingebracht worden war, erwies sich als besonders anfällig. Bei diesen Bienen zählte man mehr als dreimal so viele Sporen wie bei den Artgenossinen, die aus unbehandelten Stöcken stammten.
Industrie: Das Monitoring zeigt keine Schädigung
Obwohl selbst praktisch frei von Rückständen, scheinen die Bienen durch die Anwendung in früheren Generationen geschwächt worden zu sein, wie die Forscher um Pettis mutmaßen (“Naturwissenschaften“, Bd. 99, S. 153). Wirklich erklären können sie den Effekt aber nicht. Aufgrund ihrer Ergebnisse fordern sie für die Prüfung von Pestziden neue Testverfahren, die auf indirekte Wirkungen wie die Anfälligkeit für Krankheitserreger zielen. Subtile Wechselwirkungen zwischen Pestiziden und Pathogenen könnten nach Überzeugung der Forscher erheblich zum Bienensterben weltweit beitragen.
Bei Bayer CropScience am Unternehmenssitz in Monheim reagiert man gelassen auf die Befunde der amerikanischen Forscher. Die Studie, so die Kritik, sei in wesentlichen Teilen im Labor vorgenommen worden. Deren Ergebnisse deckten sich nicht mit jenen derselben Autoren unter Praxisbedingungen - eine Tatsache, die auch die Forscher um Pettis einräumen. „Monitoring-Projekte zur Bienengesundheit in Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Ländern haben keinerlei Zusammenhänge zwischen Rückständen von Pflanzenschutzmitteln und der Anfälligkeit von Bienen für Krankheiten gezeigt“, argumentiert man bei Bayer trocken.