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Veröffentlicht: 03.04.2012, 17:10 Uhr

Bienensterben Der stumme Frühling - ein künstliches Phänomen?

Die Gerüchte um Pestizide als Auslöser des weltweiten Bienensterbens sind nie abgerissen. Jetzt kommen handfeste Versuchsresultate dazu. Die Industrie winkt ab.

von Reinhard Wandtner
© dapd Von Pestiziden geschwächt?

Honigbienen zählen zu unseren wichtigsten Nutztieren. Sie werden oft an dritter Stelle genannt, gleich hinter Rind und Schwein. Das liegt nicht vorrangig am Honig. Ohne ihre Dienste beim Bestäuben von Blüten sähe es düster aus mit dem Ernteertrag zahlreicher Obst- und einiger Gemüsearten. Der wirtschaftliche Wert ihrer Bestäubungsleistung wurde allein für Deutschland auf zwei Milliarden Euro jährlich geschätzt. Umso alarmierender klingen Berichte über rätselhafte Fälle von Bienensterben, wie sie seit einigen Jahren bei uns auftauchen, aber insbesondere auch aus den Vereinigten Staaten kommen. Sie haben zu einer erbitterten Auseinandersetzung über die möglichen Ursachen geführt. Zwei Studien in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Science“, eine aus Schottland und eine aus Frankreich, leiten Wasser auf die Mühlen jener Imker, die den chemischen Pflanzenschutz als Hauptschuldigen anprangern.

Im Verdacht stehen vor allem Pestizide aus der Gruppe der Neonicotinoide. Diese stören die chemische Signalübertragung im Nervensystem von Insekten. Sie schützen Nutzpflanzen vor saugenden und beißenden Schädlingen. Mit einem dieser Wirkstoffe, dem Thiamethoxam, hat Mickaël Henry vom Nationalen Agrarforschungsinstitut (INRA) in Avignon zusammen mit Axel Decourtye und anderen Wissenschaftlern experimentiert. Die Substanz wird zum Schutz von Raps, Mais und weiteren Pflanzen verwendet. Schon länger gibt es Befunde, denen zufolge Neonicotinoide die Orientierung von Bienen beeinträchtigen und so zur Gefahr für diese Nützlinge werden können.

Um das zu prüfen, statteten die Forscher insgesamt 653 Honigbienen mit Radio-Mikrochips aus, die von einem Lesegerät am Bienenstock registriert werden konnten. Die Tiere wurden dann in einiger Entfernung vom Stock freigelassen. Einem Teil von ihnen hatte man zuvor in einer Zuckerlösung eine „realistische, nicht tödliche“ Dosis an Thiamethoxam kredenzt. Wie die Forscher berichten, störte das Pestizid die Orientierung tatsächlich. Je nach Entfernung und Art des Geländes kehrten bis zu 43 Prozent der Bienen, die den Wirkstoff aufgenommen hatten, nicht mehr zum Stock zurück. Berechnungen legen den Schluss nahe, dass dadurch ein Bienenvolk eingehen könnte. Von den unbehandelten Insekten verloren nur etwa 17 Prozent die Orientierung.

Die Honigbiene © dpa Vergrößern Landwirtschaft geht nicht ohne sie: Eine Honigbiene beim Sammeln von Nektar und Pollen.

Nicht den Bienen, sondern Hummeln galt das Interesse der schottischen Forscher um Dave Goulson von der Universität Stirling. Sie wollten herausfinden, wie sich ein anderes Neonicotinoid, das Imidacloprid, auf diese ebenfalls als Bestäuber geschätzten Insekten auswirkt. Die Substanz wird in mehr als hundert Ländern der Erde im Pflanzenschutz verwendet. Imidacloprid wurde von Bayer CropScience entwickelt. Das Unternehmen preist den Wirkstoff als das erfolgreichste Insektizid weltweit. Als Beize wirkt es Insektenfraß an Saatgut entgegen und hilft so, schweren Ernteeinbußen vorzubeugen.

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Die Untersuchung, teils im Labor und teils im Freiland, wurde an insgesamt 75 Kolonien der Schwarzen Erdhummel vorgenommen. Ein Drittel der Insekten wurde mit Blütenstaub gefüttert, der Imidacloprid in einer Konzentration von 6 ppb (Anteile pro Milliarde Moleküle in der Lösung) enthielt. Ein weiteres Drittel erhielt die doppelte Dosis, und die übrigen Kolonien, die als Kontrollgruppe dienten, wurden mit unbehandeltem Pollen gefüttert. Dann durften sich die Hummeln sechs Wochen lang im Freiland an den verschiedensten Blütenpflanzen gütlich tun. Anschließend ermittelten die Forscher das Gewicht der Kolonien als Maß für die Entwicklung. Wie sie berichten, hatte sich das Pestizid nachteilig ausgewirkt. Die geringere Dosis ging mit einer Gewichtsminderung um acht Prozent, die höhere mit einer von zwölf Prozent einher. Der größte Einfluss zeigte sich aber bei der Zahl der Königinnen. Die unbehandelten Kolonien hatten durchschnittlich 13 Königinnen hervorgebracht, die mit dem Pestizid belasteten hingegen nur maximal zwei. Die Zeitschrift „Science“ zitiert dazu einen Ökotoxikologen von Bayer CropScience in Research Triangle Park (North Carolina), der die verwendeten Konzentrationen für höher hält, als sie für Nutzpflanzen anzunehmen seien.

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