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Bär & Mensch Zum Fressen gern

21.01.2011 ·  Ob als Spielzeug, Werbeträger oder Zooattraktion - der Bär ist dem Menschen seit jeher ein Sympathieträger. Und das zu Unrecht. Denn je weniger sie sich begegnen, desto besser ist es für beide.

Von Jörg Albrecht
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Bären sind dem Wesen nach nur schwer zu ergründen. Man kann es immerhin versuchen, wie der französische Regisseur Jean-Jacques Annaud, der für seinen Film „L'ours“ vier Jahre Dressurtraining ansetzte, anschließend 140 Millionen Francs in die Dreharbeiten steckte und das Ganze mit Musik von den Londoner Symphonikern unterlegen ließ.

Die Handlung geht ungefähr so: Braunbärjunges verliert Mutter, wandert ziellos umher, trifft ausgewachsenen Bären, der dem Kleinen alles beibringt, was er zum Überleben braucht, also Fischen, Jagen und den Umgang mit Weibchen. Brutale Jäger wollen den Altbären umbringen, kleiner Bär gerät in Gefangenschaft, wird wieder freigelassen und von einem Puma verfolgt. Lage irgendwann aussichtslos, ein letzter tapferer Fiepsversuch, und tatsächlich: Der Puma sucht das Weite. Aber nur, weil der Alte sich von hinten angeschlichen und mächtig gedroht hat. Großes gegenseitiges Abschlecken und finales Aufsuchen einer Höhle zum Winterschlaf.

„A little bit grizzly, but in Kodiak-Color“, urteilte der Kritiker Harry Rowohlt zum Filmstart im Oktober 1989. Das Einspielergebnis lag bei 100 Millionen Dollar.

Der Tod Timothy Treadwells

Man kann es auch versuchen wie Timothy Treadwell. Der kalifornische Surfer und erfolglose Schauspieler ließ mit Anfang dreißig die Finger von den Drogen und ging nach Alaska, um dort unter Grizzlys zu leben. 13 Sommer lang pirschte er ihnen im Katmai-Nationalpark nach, fasziniert selbst noch dann, wenn er nur auf einen Haufen Bärenscheiße stieß. „Alles an ihnen ist perfekt“, sagte er.

Treadwell gab den Tieren Namen, streichelte ihren Nachwuchs, kroch wie sie auf allen vieren durch die Gegend. Am 5. Oktober 2003 regnete es. Seine Freundin Amie Huguenard lag im Zelt, während er versuchte, einen ungewöhnlich zudringlichen Bären zu verscheuchen. Sie schaltete die Videokamera ein, ohne die Kappe vom Objektiv zu nehmen.

So kündet nur eine Tonspur von den letzten Momenten der beiden. Treadwell brüllt: „Komm raus, ich werde umgebracht!“ Sie ruft: „Spiel toter Mann!“ Von ihm kommen in der Folge nur noch unartikulierte Laute. Offenbar reißt ihn der Bär in Stücke, während sie voller Verzweiflung mit der Bratpfanne auf den Angreifer einschlägt. Das dauert vier Minuten, dann verstummt Treadwell. Bis das Band endet, sind nur noch die entsetzlichen Schreie von Huguenard zu hören.

„Es ist falsch, Bären zu lieben“

Zwei Tage später traf eine Bergungsmannschaft ein und erschoss zwei Bären, die sich in der Nähe des Zeltes herumtrieben. Im Magen des einen fanden sich menschliche Überreste. Von Timothy Treadwell sammelte man andernorts noch den Kopf ein, etwas Schulter und Unterarme samt Armbanduhr, die einwandfrei funktionierte. Von Amie Huguenard war weniger übrig geblieben.

Der deutsche Regisseur Werner Herzog hat über die Geschehnisse im Katmai-Nationalpark den Dokumentarfilm „Grizzly Man“ gedreht. Dazu hat er Treadwells Videomaterial ausgewertet, außerdem Freunde, Buschpiloten, Ranger und Bärenforscher befragt. Sein Urteil fällt harsch aus: „Es ist falsch, Bären zu lieben.“ Was Treadwell selbstverständlich anders sah. Einer der Piloten berichtet, er habe Bären behandelt, als seien es verkleidete Menschen. In Wahrheit sei der einzige Grund, warum sie ihn so lange in Ruhe gelassen hätten, der, dass die Bären dachten, irgendetwas sei mit ihm nicht in Ordnung, er sei wahnsinnig. Bis einem von ihnen dann doch eingefallen sei: „Könnte trotzdem schmecken.“

Das Verhältnis zwischen Bär und Mensch - es ist ein sonderbares. Auf der einen Seite gibt es kein beliebteres Spielzeugtier als den Teddy. „Pu der Bär“ von Alan Alexander Milne gilt als eines der erfolgreichsten Kinderbücher aller Zeiten. Nicht minder liebenswürdig kommt der Bär Balu in Kiplings „Dschungelbuch“ daher. Auch als Reklamefiguren sind Bären samt und sonders Sympathieträger erster Ordnung. Als der Hustinettenbär noch durch die Werbung trottete, konnte jeder seine Melodie mitbrummen. Auch der Slogan „Nichts geht über Bärenmarke“ gehört zu den Klassikern des Metiers. Die Begeisterungswelle, die dem kleinen Eisbären Knut im Berliner Zoo entgegenschlug, trug deutliche Anzeichen einer Hysterie.

Problembär zum Abschuss freigegeben

Andererseits reicht, wie das Beispiel des im Mai 2006 aus Italien zugewanderten Braunbären JJ1 alias „Bruno“ zeigt, ein einziges ungezähmtes Exemplar aus, um einen ganzen Freistaat in Alarmbereitschaft zu versetzen. Der von Edmund Stoiber persönlich zum Problembären erklärte Freigänger wurde auf Anordnung der bayerischen Staatsregierung zum Abschuss freigegeben und am Morgen des 26. Juni 2006 gegen fünf Uhr auf der 1500 Meter hoch gelegenen Kümpflalm von einem Jäger aus Bayrischzell erlegt. Trotz Besitzansprüchen seitens der italienischen Regierung auf den Kadaver wurde Bruno kunstvoll präpariert und wird seither in einem Tableau des Münchner Museums Mensch und Natur in der Haltung eines ertappten Honigdiebs vorgeführt.

Acht Arten umfasst die Familie der Ursidae. In Abgrenzung zu den Procyonidae, den Kleinbären, werden sie auch als Echte Bären beziehungsweise Großbären bezeichnet. Die Tatsache, dass sie aufrecht auf ihren Hinterbeinen stehen können, die Beobachtung, dass sie geschickt mit den Tatzen sind, dass sie nicht seitlich, sondern wie der Mensch geradewegs nach vorne schauen, dass sie Honig mögen und Fische fangen und dabei zwangsläufig dem Menschen in die Quere kommen - das alles mag in der Vergangenheit dazu beigetragen haben, den Bären menschliche und dem Menschen bärige Züge zuzuschreiben.

Als „Meister Petz“ taucht der Bär in diversen Fabeln auf, als kraftstrotzender, aber etwas tumber Charakter; im Jägerlatein gilt er dagegen eher als listig und verschlagen. Dem Menschen verwandt seien „seine Fangkunst, seine Leckerei und seines Fußes Spur“, schrieb der Schweizer Prediger und Schulmeister Peter Scheitlin in seinem 1840 erschienenen „Versuch einer vollständigen Thierseelenkunde“. Weniger freundlich urteilte sein Zeitgenosse Alfred Brehm: Der Bär sei ein „tölpelhafter und geistloser Gesell, der die Achtung, welche er genießt, nicht verdient“.

Wahre Massaker für den Fellexport

Die war und ist ihm zweifellos entgegengebracht worden. Verschiedene Völker verehrten ihn als „Großvater“ oder „Onkel“, „Cousin“ oder „alten Mann“. Von Siward, dem ersten Earl of Northumbria, berichtet die Sage, er habe sogar in direkter Linie von einem Bären abgestammt: Sein Vater Beorn (oder Beresune), ein berühmter Krieger, sei aus der Verbindung einer dänischen Adligen mit einem Eisbären hervorgegangen; als Zeichen seiner Herkunft habe Siward noch die charakteristischen wolligen Ohren besessen.

So kam der Bär unter die Menschen. Und mutierte zum Bruder im Geiste. Wahr daran ist nur, dass Mensch und Bär echte Nahrungskonkurrenten sind. Das war schon lange vor der jüngsten Eiszeit so, als in Europa noch Höhlenbären lebten. Die bis zu vier Meter großen Riesen hatten wahrscheinlich ähnliche Ansprüche wie der Cro-Magnon, Begegnungen werden beiderseits nicht friedlich abgelaufen sein. Ob es dann die Pfeilspitzen der Jäger waren oder am Ende doch das Klima - der Höhlenbär hat nicht überlebt.

Seinen Nachfolgern ist der Mensch dank verbesserter Waffentechnik noch viel energischer auf den Pelz gerückt. Auf den Britischen Inseln wurde der Braunbär vermutlich schon um das Jahr 1000 herum ausgerottet. In Westfalen soll das letzte Exemplar 1446 zur Strecke gebracht worden sein, am Harzer Brockenmassiv im Jahre 1705 und in Bayern 1835. Reiche Beute machten da bloß noch die Bärenjäger in Sibirien oder in Nordamerika. Aus dem kanadischen Quebec wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts jährlich bis zu 40.000 Felle exportiert, auf dem gesamten Kontinent wurden wahre Massaker veranstaltet.

Outdoor-Tourismus hat mit Öko und Natur nichts zu tun

Knapp eine Million Schwarzbären und etwa 60.000 Grizzlys haben dennoch im Norden der Vereinigten Staaten und in Teilen Kanadas überlebt; ihre Bestände gelten nicht mehr als unmittelbar bedroht. Anders sieht das mit dem Eisbären aus, dessen weiteres Schicksal von der Klimaentwicklung abhängt.

Der Blick in die gemeinsame Zukunft von Bär und Mensch kann leider kein optimistischer sein. Symbolisch ist der eine dem anderen nur umso enger ans Herz gerückt, je weniger der ihn zu Gesicht bekommen hat. In Form von Gummibärchen hat man selbst das grimmigste Raubtier zum Fressen gern. Echte Zusammentreffen sind und bleiben problematisch. Yogi Bear und seine Freunde im Yellowstone Park haben längst gelernt, wie lecker Picknickkörbe sind. Drollig ist es freilich nicht, wenn sie dann ganz real auf dem Zeltplatz auftauchen oder die Mülltonne im Vorgarten inspizieren.

Der kanadische Verhaltensbiologe Steve Herrero, Autor des Standardwerkes „Bear Attacks: Their Causes and Avoidance“, hat alle Fälle zusammengetragen, in denen das nicht gut ausging. Zwischen Anfang und Ende des zwanzigsten Jahrhunderts kamen in Nordamerika rund 80 Personen bei Bärenattacken ums Leben. Seit der Jahrtausendwende sind es bereits mehr als 30 gewesen. Herrero führt das auf den immer beliebter werdenden Outdoor-Tourismus seiner Landsleute zurück. Mit Öko oder Natur hat das herzlich wenig zu tun. Fernsehsender wie der Outdoor Channel sind eher eine Show für Durchgeknallte.

Besser ein Glöckchen um den Hals tragen

Bis an den Kragen mit Hochleistungsarmbrüsten und Zielfernrohren Bewaffnete ziehen raus in die Prärie und Wälder, heizen mit Allradantrieb durch die Botanik, entfachen gewaltige Lagerfeuer. Noch die aberwitzigsten Blödheiten werden als Heldentat gefeiert, in Sendungen wie „Bloodhunter plus“ oder „Gettin' close with Lee & Tiffany“. Konfrontiert mit Scharen euphorisierter Dosenbiertrinker in Tarnjacke wird der Bär naturgemäß erst einmal versuchen, das Weite zu gewinnen. Doch beim Bären weiß man eben nie: Ist es ein Normalbär, ein Schadbär oder ein Problembär?

Steve Herrero rät, auf freier Wildbahn im Bärenland keine Lebensmittel wegzuschmeißen, stets ein Glöckchen um den Hals zu tragen und sich, wenn es doch zu einer Begegnung der unverhofften Art kommen sollte, auf den Boden zu werfen und möglichst still zu verhalten. Sich einen tobenden Grizzly zur Brust zu nehmen, empfiehlt er jedenfalls nicht.

Genauso vergeblich wäre es, auf sein Mitgefühl zu hoffen. Der Sachbuchautor Bernd Brunner hat zum Thema „Bär und Mensch“ einiges aus der Kultur- und Naturgeschichte zusammengetragen. Seine Schlussfolgerung lautet ebenso simpel wie prägnant: „Menschen und Bären sollten sich besser aus dem Wege gehen.“

Keine Seelenverwandschaft, nur die Gleichgültigkeit der Natur

Es bleibt die Geschichte eines einzigen Missverständnisses. Hinter die Stirn eines Bären kann man nun mal nicht blicken, seine mimischen Ausdrucksmittel sind noch begrenzter als die von Wölfen, Elefanten oder Löwen, weshalb er auch nur begrenzt als Zirkusnummer taugt. Die selbstverständlich weiter aufgeführt wird, zum einseitigen Vergnügen des Menschen. „Bären sind an uns sehr viel weniger interessiert als umgekehrt“, schreibt Bernd Brunner.

Zum Glück, muss man sagen. Werner Herzog hat die Szenen, die der Bärenfreund Timothy Treadwell gedreht hat, eingehend studiert. Zum Schluss sitzt da ein Bär am Bach, vielleicht fünfzig Meter entfernt. Er schaut mit kleinen, ausdruckslosen Augen in die Kamera. Treadwell wollte darin nichts weniger als einen göttlichen Funken erkannt haben. „Ich sehe keine Seelenverwandtschaft“, widerspricht Herzog, „kein Verständnis, keine Gnade. Nur die Gleichgültigkeit der Natur.“

Die Ranger konnten den bewussten Bären nachträglich identifizieren. Sie hatten ihm die Nummer 141 gegeben. Treadwells letzte Bilder zeigen den, der ihn gefressen hat.

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Jahrgang 1954, verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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