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Arzneimittel-Rückstände : Schmerzhafte Lücken in puncto Wasserqualität

Das Umweltbundesamt fordert die Wiedereinführung eines einheitlichen Rückholsystems für Alt-Arzneien in Apotheken. Bild: dpa

Europas Umweltbehörden wollen nicht mehr zusehen, wie Tonnen von Alt-Arzneien unsachgemäß entsorgt werden. Das Umweltbundesamt legt Maßnahmenkatalog vor.

          Die Europäische Kommission hatte vor ein paar Tagen vorgelegt: Europas Gewässer sollen noch gezielter auf Chemikalien, darunter einige Arzneiwirkstoffe, überprüft werden. Für 15 weitere, potentiell umweltschädliche Chemikalien - zu den 33 bereits gelisteten Substanzen - sollen die Mitgliedstaaten Messnetze einrichten. In der geänderten Richtlinie mit der "Liste prioritärer Substanzen" wird, sofern das Europäische Parlament und der Ministerrat zustimmen, neben hormonell wirkenden Verbindungen, etwa Östrogenen aus Antibabypillen oder für die Tiermast verwendete Kunsthormone, auch das rezeptfrei vielfach verkaufte Schmerzmittel Diclofenac vorkommen.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Genau dieses weitverbreitete Schmerzmedikament steht auch ganz oben auf einer neuen Liste von 24 Arzneimitteln, die das Umweltbundesamt in Dessau jetzt unter insgesamt 156 in der Umwelt nachgewiesenen Wirkstoffen als dringend überwachungsbedürftig identifiziert hat. Substanzen wie ebenjenes Diclofenac, das schon in Mengen, wie sie stellenweise in Klärwerken vorkommen, bei Fischen zu Leber- und Nierenschäden führen kann. Bei den zwei Dutzend Stoffen handelt es sich um die mengenmäßig und ökotoxikologisch fragwürdigsten Arzneiwirkstoffe. Grundlage für die Liste ist eine neue Literaturstudie des Umweltbundesamtes. Dabei geht es nicht um Gesundheitsgefahren für die Menschen, die können angeblich auch bei den bisher erfassten Konzentrationen ausgeschlossen werden. "Es sind Stoffe mit hoher Priorität, die das Potential haben, Umweltorganismen zu schädigen", heißt es in einem dieser Zeitung vorliegenden Papier, in dem eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen wird. "Aktuelle Daten aus Forschungsprojekten und der Gewässerüberwachung zeigten, so das Umweltbundesamt, dass Arzneimittelrückstände immer häufiger in Gewässern und Böden nachgewiesen werden."

          Faulturm eines Klärwerks: In der  Abwasserreinigung fehlt nach wie vor fast immer eine vierte Stufe zur Filterung spezieller Chemikalien.
          Faulturm eines Klärwerks: In der Abwasserreinigung fehlt nach wie vor fast immer eine vierte Stufe zur Filterung spezieller Chemikalien. : Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

          Schätzungsweise mehrere hundert Tonnen Arzneimittel gelangen Jahr für Jahr ins Abwasser. Zum Teil werden sie ausgeschieden, doch das weitaus meiste davon gelangt durch unsachgemäße Entsorgung von Medikamenten durch die Toilette oder Spüle in den Wasserkreislauf. Wie viel es allerdings genau ist, wie stark und wie schnell die einzelnen Wirkstoffe abgebaut werden, wo sie sich anreichern und wo die Belastungsschwerpunkte sind in Deutschland, all das wird derzeit erst systematisch untersucht. Das Umweltbundesamt sieht gerade deshalb dringend Handlungsbedarf - aus Vorsorgegründen.

          Die Behörde ist in die Zulassung von Arzneimitteln seit Ende der neunziger Jahre fest eingebunden. Sie prüft jeweils für jedes neue Medikament die möglichen Umweltauswirkungen. Ihre Macht ist allerdings begrenzt: So gibt es seit Dezember 2006 zur Umweltrisikobewertung zwar einen Leitfaden der Europäischen Arzneimittelagentur, der entscheidenden Zulassungsbehörde. Doch selbst bei positiv festgestelltem Umweltrisiko kann die Zulassung eines Medikamentes ausdrücklich nicht versagt werden.

          Es fehlen den Behörden aber nicht nur Befugnisse, sondern auch schon grundlegendes Wissen: Ein systematisches Monitoring für Medikamente gibt es bisher nicht, die möglichen Effekte auf die Umwelt werden im Grunde ohne ausreichende Datengrundlage hochgerechnet. Und die Unsicherheit wächst: Die erwarteten Mengen in der Umwelt sollen schon wegen der Alterung der Gesellschaft und des steigenden Medikamentenverbrauchs zunehmen. Nur um wie viel? In einem online im "Bundesgesundheitsblatt" (Bd. 55, S. 143) veröffentlichten Beitrag mit Empfehlungen aus dem Umweltbundesamt hieß es kürzlich: Das Vorkommen von Arzneimittelrückständen allein aus der Humanmedizin könnte sich bis zum Jahr 2040 um zwanzig Prozent zunehmen.

          Gesichert sind solche Prognosen nicht. Aber allein die längst aktenkundige Häufung des Schmerzmittelgebrauchs gegen chronische Krankheiten bei vielfach kranken alten Menschen spricht für ein wachsendes ökologisch-demographisches Problem. "Das macht uns große Sorgen", sagt der Präsident des Amtes, Jochen Flasbarth. "Letztendlich muss über die Zulassungsverfahren dafür gesorgt werden, dass Medikamente umweltverträglich gestaltet werden, da sie auch bei sachgemäßem Gebrauch unweigerlich in die Umwelt gelangen, egal ob als Tierarzneimittel oder als Medikamente für uns Menschen", fordert Flasbarth.

          Zu den ersten Schritten sollte es ihm zufolge gehören, stärker belastete Kläranlagen zu identifizieren, diese mit einer vierten Reinigungsstufe zur gezielten Filterung von Medikamentenrückständen auszurüsten und zusätzlich ein bundeseinheitliches und verbraucherfreundliches Rücknahmesystem für Altmedikamente bei den Apothekern einzurichten. Dieses war bis vor drei Jahren auf freiwilliger Basis einegrichtet worden. Dieses kostenloses Abholsystem ist mit der Änderung der Verpackungsverodnung im Jahr 2009 allerdings vielerorts weggefallen. Inzwischen haben einige Kommunen eigene Lösungen entwickelt wie Schadstofftonnen oder die Berliner "Meditonne" . Rechtlich dürfen Arzneimittel in haushaltsüblichen Mengen mit der Restmülltonne entsorgen. Das lehnt die Umweltbehörde jedoch ab.

          Quelle: F.A.Z.

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