09.06.2007 · In den Randbereichen eines Nationalparks in Zimbabwe haben Forscher das Schicksal der Löwenmännchen studiert. Die Langmähnigen unter ihnen leben besonders gefährlich. Ihr Abschuss hat Auswirkung auf die gesamte Löwenpopulation.
Von Diemut KlärnerIn den Steppengebieten des heutigen Pakistan und Iran waren Löwen einst ebenso heimisch wie im östlichen Mittelmeergebiet und in Nordafrika. Abgesehen von einer winzigen Population auf der indischen Halbinsel Kathiawar findet man diese Tiere nun nur noch südlich der Sahara in freier Natur. Die meisten Löwen tummeln sich dort in Schutzgebieten. Wenn sie diese verlassen, wird es gefährlich für sie. Grenzgänger enden häufig als Jagdtrophäe, wie Wissenschaftler um Andrew Loveridge von der Universität Oxford bei Untersuchungen in Zimbabwe dokumentiert haben.
Von den ausgewachsenen Löwenmännchen, die sie im nördlichen Teil des Hwange-Nationalparks markiert hatten, wurden etwa drei Viertel bei Jagdsafaris erlegt. Innerhalb des Schutzgebiets sind die Löwen zwar sicher. Aber mit Ködern, etwa einer toten Ziege, lassen sie sich leicht auf benachbartes Terrain locken. Die meisten der erlegten Löwen hatten sich weniger als einen Kilometer über die Grenzen des Nationalparks hinausgewagt.
Sog am Rand des Nationalparks
Um einzelnen Löwen langfristig auf der Spur bleiben zu können, haben die Forscher seit 1999 mehr als sechzig Tiere mit einem Halsband ausgestattet, in das ein Sender eingebaut war, sowie mit einer Ohrmarke. Informationen von Mitarbeitern der Nationalparkverwaltung und Veranstaltern von Fotosafaris lieferten den Wissenschaftlern eine willkommene Ergänzung zu eigenen Beobachtungen. So konnten sie Veränderungen in der Löwenpopulation detailliert dokumentieren.
Da es die Jäger vor allem auf männliche Löwen abgesehen hatten, sank deren Bevölkerungsanteil mit der Folge, dass etliche Reviere verwaisten. Für eines der vakant gewordenen Reviere fand sich mehr als ein Jahr lang kein neuer Besitzer, was auf einen akuten Mangel an Bewerbern hinweist („Biological Conservation“, Bd. 134, S. 548). Gewöhnlich dauert es nicht so lange, bis sich Nachfolger einstellen. Doch in den Randbereichen des Hwange-Nationalparks teilten die neuen Revierbesitzer meist binnen kurzem das Schicksal ihrer Vorgänger. Innerhalb von sechs Jahren wurden bis zu fünf Löwenmännchen nacheinander erlegt. Weil die Reviere am Rand auf diese Weise immer wieder frei wurden, entstand ein Sog, der auch den Kernbereich des Nationalparks erfasste.
Wie die Auslese eines Züchters
Als die Löwenmännchen rar wurden, brachten die Weibchen im Durchschnitt mehr männliche Nachkommen zur Welt als zuvor. Durch diese Strategie der Natur wird einem allzu großen Überschuss des weiblichen Geschlechts entgegengewirkt. Jedesmal, wenn ein Revier seinen Besitzer wechselt, beginnt für die Löwenkinder dort eine gefährliche Zeit. Löwenmännchen sind als mörderische Stiefväter bekannt. Dass sie die Sprösslinge ihrer Vorgänger oft kurzerhand töten, hat einen einleuchtenden Grund. Nur wenn die Weibchen keine Jungen mehr betreuen, haben die Männchen eine Chance, eigene Nachkommen zu zeugen.
Mehrmals mussten die Wissenschaftler mit ansehen, wie Löwenkinder den neuen Revierbesitzern zum Opfer fielen. Ob die Löwenpopulation des Hwange-Nationalparks dadurch langfristig schrumpft, war in dem Beobachtungszeitraum zwar nicht zu klären. Aber selbst wenn die Zahl der Tiere stabil bleibt, kann gezielter Abschuss wie die Auslese eines Züchters wirken.
Preise bis zu 130.000 Dollar
Entsprechende genetische Veränderungen wurden zum Beispiel bei Elefanten beobachtet. Wo Wilderer eifrig hinter den Stoßzähnen her waren, hatten Dickhäuter, die gar keine Stoßzähne ausbildeten, die besten Überlebenschance. Somit wurde diese einst rare Variante zunehmend häufiger. Wenn männliche Löwen derart dezimiert werden wie in der Umgebung des Hwange-Nationalparks, sind ähnliche Effekte zu befürchten. Womöglich führt die emsig betriebene Trophäenjagd dazu, dass mit der Zeit Löwenmännchen mit weniger attraktiver Mähne dominieren.
Die Jagd auf Großwild muss zwar nicht immer im Widerspruch zu Zielen des Artensschutzes stehen. Schließlich ist manch ein Schutzgebiet einst aus dem Wunsch nach einem reichhaltigen Jagdgebiet entstanden. Dass Löwen mit Ködern aus einem Nationalpark herausgelockt werden, ist nach Ansicht der Wissenschaftler aber grundsätzlich abzulehnen. Prinzipiell scheint es dagegen akzeptabel, einen gewissen Prozentsatz der ausgewachsenen Löwenmännchen zum Abschuss freizugeben. Zumal dann, wenn es sich vornehmlich um Kandidaten handelt, die ihre besten Tage hinter sich haben. Männliche Löwen stehen bei dem Kundenkreis von Jagdsafaris nach wie vor ganz oben auf der Wunschliste. Dass für eine Löwenjagd bis zu 130.000 Dollar gezahlt werden, macht es nicht leichter, strikte Regeln durchzusetzen.