28.08.2005 · Selbst wo die raren Vögel nicht mehr bejagt werden, schrumpfen die Populationen. Um diese Entwicklung umzukehren, haben Göttinger Biologen sogenannte Blühstreifen zwischen den Feldern geschaffen. Die sollen den Tieren ein günstiges Ambiente schaffen.
Von Diemut KlärnerRebhühner sind eigentlich Steppenbewohner. Doch wo der Wald der Landwirtschaft weichen mußte, konnten sie auch hierzulande heimisch werden. Bis vor wenigen Jahrzehnten zählte dieser Hühnervogel zur typischen Fauna der Feldflur. Daß er laut zeternd am Wegrain auffliegt, ist mittlerweile aber ein seltenes Erlebnis.
Wie rapide die Zahl der Rebhühner abgenommen hat, läßt sich auch aus der Jagdstatistik ablesen. In Hessen zum Beispiel erlegten die Jäger in den sechziger Jahren noch Zehntausende pro Saison, Ende der siebziger Jahre nur noch fünftausend. Seit 1982 steht das Rebhuhn bundesweit auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten. Auch wo es nicht mehr bejagt wird, schrumpfen die Populationen, und das nicht nur hierzulande.
Blühstreifen zwischen den Feldern
Um diese Entwicklung umzukehren, muß man die Lebensbedingungen für das Rebhuhn verbessern. Ein entsprechendes Projekt hat dieses Jahr im Landkreis Göttingen begonnen. Gemeinsam mit dem Zentrum für Naturschutz der Universität versucht dort ein Naturschutzverein, die Biologische Schutzgemeinschaft Göttingen, den raren Vögeln wieder auf die Sprünge zu helfen.
Biologen um Eckhard Gottschalk und Werner Beeke greifen dabei auf ein Programm des Amts für Agrarstruktur zurück: Sogenannte Blühstreifen zwischen den Feldern sollen den Tieren ein günstiges Ambiente schaffen.
Nahrungsangebot entscheidet über Schicksal
Daß sich die Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert hat, ist dem Rebhuhn schlecht bekommen. Es mangelt an Hecken und Rainen, die das gesamte Jahr über Nahrung und Unterschlupf bieten. Daß sich auf den Äckern kaum noch Insekten tummeln, macht vor allem den Küken das Leben schwer. In den ersten Lebenswochen ernähren sie sich ausschließlich von solch eiweißreicher Kost. Etwa fünf Stunden täglich stöbern sie nach Käfern, Ameisen, Raupen und anderem kleinen Getier.
Mehr Zeit bleibt ihnen nicht, denn um sich warm zu halten, müssen sie zwischendurch immer wieder bei den Eltern unterkriechen. Heutzutage sind auf den meisten Feldern so wenig kleine Krabbeltiere zu finden, daß die Rebhuhnküken mehr als 24 Stunden dafür benötigten, sich eine Tagesration zusammenzusuchen. Somit entscheidet das Nahrungsangebot für den Nachwuchs über das Schicksal von Rebhuhnpopulationen.
Gelegenheit für ein Sonnenbad
Da kein Weg zurückführt in alte Zeiten, gilt es, auf das Instrumentarium der heutigen Agrarpolitik zurückzugreifen. Das Niedersächsische Agrar- und Umweltprogramm bietet zum Beispiel die Möglichkeit, am Ackerrand bis zu 25 Meter breite Streifen mit einer bunten Pflanzenmischung einzusäen, etwa mit Gelbem Senf, Phacelia, Sonnenblumen und Erbsen. Weil auf diesen Blühstreifen weder Düngemittel noch Pestizide verteilt werden, ist zu erwarten, daß sich dort weitaus mehr Insekten ansiedeln als auf dem angrenzenden Acker.
Damit die Rebhühner auch im Winter noch Schutz und Nahrung finden, sollen die Blühstreifen auf Anregung der Naturschützer erst im Frühjahr umgepflügt werden. Und auch das nicht auf ganzer Fläche. Wo die Pflanzen mehrere Jahre stehenbleiben, können sich die Vögel besser verstecken, und ihr Tisch ist schon früh im Jahr reich gedeckt. Frisch eingesäte Streifen trocknen dagegen auch nach heftigen Regengüssen rasch wieder ab und bieten Gelegenheit für ein Sonnenbad - was vor allem den wärmehungrigen Küken zugute kommt.
Kostenloses Saatgut
Eine Kombination von 26 verschiedenartigen Wild- und Kulturpflanzen soll garantieren, daß die Pflanzen weder zu dicht noch zu gleichförmig wachsen. Dabei sollen Wildkräuter wie Margerite, Johanniskraut und Wegwarte auch im zweiten Sommer noch für eine bunte Blütenpracht sorgen, die vielerlei Insekten anlockt. Sämtliche Details wurden mit der zuständigen Naturschutzbehörde ebenso abgestimmt wie mit dem Amt für Agrarstruktur.
Wer so ein Naturschutzprogramm in Gang bringen will, muß zunächst einmal mit den Landwirten ins Gespräch kommen, wie es in Göttingen geschehen ist. Letztlich ließen sich 22 Landwirte überzeugen. In diesem Frühjahr legten sie rund 70 Kilometer Blühstreifen an, was einer Fläche von etwa 200 Fußballfeldern entspricht. Da derzeit jeder Hektar mit 600 Euro vergütet wird, macht sich dieser Beitrag zum Naturschutz durchaus bezahlt. Darüber hinaus wird das Saatgut kostenlos geliefert - die Niedersächsische Lottostiftung und die Manfred Hermsen-Stiftung in Bremen übernehmen die Finanzierung.
Guter Kontakt zur Jägerschaft
Bei einschlägigen Stiftungen haben sich die Biologen auch um Mittel für zusätzliche Rebhuhn-Biotope bemüht. Sogenannte konjunkturelle Stillegungsflächen zum Beispiel kann man ohne viel Aufwand so bewirtschaften, daß sich die raren Vögel dort wohl fühlen. Alles in allem sind rund 240 Hektar für das Rebhuhn zusammengekommen. Zur Zeit beherbergt der Landkreis Göttingen rund zwanzig Brutpaare. Langfristig ist das zuwenig für eine hoffnungsvolle Prognose. Denn je kleiner die Population, desto größer die Gefahr, daß ihr ein harter Winter zum Verhängnis wird.
Auch früher wurden die Rebhühner mitunter durch widriges Wetter drastisch dezimiert. Doch in guten Jahren nahm ihre Zahl rasch wieder zu. Schließlich brütet ein Weibchen oft mehr als ein Dutzend Eier aus. Die Blühstreifen im Landkreis Göttingen geben den Rebhühnern nun die Chance, neues Terrain zu erobern. Wie sich die Population daraufhin entwickelt, wird in einer begleitenden Studie am Zentrum für Naturschutz der Universität Göttingen erforscht. Dabei zählt Eckhard Gottschalk auch auf die lokalen Jagdpächter, die ihm ihre Beobachtungen melden. Ein guter Kontakt zur Jägerschaft ist aber nicht nur deshalb wichtig. Damit sich der Erfolg des Rebhuhn-Projekts realistisch beurteilen läßt, sollten die Jäger in den kommenden Jahren möglichst auch keine Tiere aus Zuchtgehegen in ihren Revieren aussetzen.
Bald vielerort blühende Landschaften?
Das Göttinger Projekt ist großflächiger angelegt als alle bisherigen. Die beteiligten Wissenschaftler haben sich vorgenommen, die Entwicklung sorgfältig zu verfolgen. Neben den Rebhühnern würden sie gerne auch andere Tiere im Auge behalten. Vom Feldhasen bis zum Schwalbenschwanz könnten viele von den Blühstreifen profitieren. Daß dort weder gedüngt noch gespritzt wird, könnte außerdem seltenen Ackerkräutern zugute kommen. Bislang wird das Rebhuhn-Projekt größtenteils von ehrenamtlichem Engagement getragen. Umfangreiche wissenschaftliche Studien sind auf diese Weise kaum zu bewältigen.
Ein optimales Management setzt jedoch auch bei Naturschutzprojekten ein entsprechendes Monitoring voraus. Das scheint um so wichtiger, als nach den Plänen der Europäischen Union künftig ein zunehmender Teil der Agrarsubventionen in solche Programme fließen könnte. Was die landwirtschaftliche Produktion zügeln soll, läßt sich mitunter zum Nutzen der heimischen Tier- und Pflanzenwelt ausgestalten. Vielleicht können so vielerorts blühende Landschaften entstehen.