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Freitag, 10. Februar 2012
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Artenschutz auf Sumatra Die Vier von der Elefantenpolizei

06.01.2010 ·  Die großen Holzplantagen sind hier durch Elektrozäune geschützt. Aber immer öfter überfallen auf Sumatra Dickhäuter die Felder der Kleinbauern. Patrouillen auf gezähmten Elefanten sollen sie verjagen.

Von Beate Kittl
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Riau, Indonesien. Die Elefanten überraschten ihn im Schlaf. Am 4. März wurde der Bauer Jalinus von Brüllen und Krachen geweckt, als dreißig hungrige Dickhäuter sein Dorf zertrampelten. Als die geflüchteten Bewohner des 60-Seelen-Ortes in der indonesischen Provinz Riau zurückkamen, fanden sie nur noch Teile von Jalinus' Körper. Der 83-Jährige ist eines der jüngsten Opfer des Konflikts zwischen Menschen und Elefanten auf Sumatra.

Sucht man nach den Ursachen, stößt man auf die Landwirtschaft, die immer größere Flächen beansprucht und in den Lebensraum der Tiere vordringt. Seit 1985 verlor Sumatra durch legalen und illegalen Holzschlag Regenwaldflächen von der dreifachen Größe der Schweiz. Statt Meranti- und Ficusbäume finden die Elefanten heute auf ihren traditionellen Wanderrouten schmackhafte junge Ölpalmen und Gummibäume mit saftiger Rinde. Regelmäßig erschießen oder vergiften erboste Dörfler die Tiere, um ihre Ernte zu retten.

Zwischen 2002 und 2007 wurden 42 Menschen von Elefanten tödlich verletzt. Im gleichen Zeitraum töteten Bauern rund hundert Elefanten. Der Bestand der bedrohten Spezies ist seit 1992 von 5000 auf etwa 2800 gefallen. Um die überlebenden Elefanten zu schützen, hat der World Wide Fund for Nature (WWF) im Tesso-Nilo-Nationalpark eine Elefantenpatrouille eingerichtet. Vier Elefanten und ihre Mahouts bewachen die bekannten Wanderrouten, um zu verhindern, dass die Tiere aus dem Park in die angrenzenden Felder einbrechen.

Der Weg führt durch Verwüstungen

Gemächlich schreitet Rahman, ein 27-jähriger Elefantenbulle mit prächtigen Stoßzähnen, mit seinem Mahout Junjung über den Waldboden. „Bul, bul“, ruft Junjung, mühelos legt Rahman mit dem Rüssel einen vier Meter hohen Jungbaum um. „Wir kommen auch an Orte, wo Autos oder Motorräder nicht hinkönnen“, sagt Junjung und sucht den Boden nach Spuren wilder Elefanten ab.

Der Tesso-Nilo-Nationalpark ist eine ehemalige Holzschlagkonzession, aus der die wertvollen Hölzer entfernt wurden. Damit der verbleibende, immer noch atemberaubend artenreiche Wald nicht für Plantagen gerodet wird, steht er seit 2004 unter Schutz. Rund achtzig wilde Elefanten leben - nebst anderen Raritäten wie Sumatra-Tigern, Nebelpardern und Tapiren - auf dem 380 Quadratkilometer großen Areal. Der Weg von Riaus Hauptstadt nach Tesso Nilo führt durch Verwüstungen, die für Sumatra typisch sind: Wo noch vor wenigen Jahren dichter Dschungel gedieh, markieren jetzt meterhohe Staubwolken die breite Schotterpiste der singapurischen Holzfirma April. Mit dünnen Akazienstämmen beladene Lastwagen fahren von der Holzplantage zur Papiermühle. Links und rechts liegt offenes Sumpfland, aus dem verkohlte Reste von Urwaldriesen ragen, hier und da mickrige Ölpalmen von Kleinbauern.

„Früher sind sie vor den Menschen davongerannt“

In der Provinz Riau leben noch zweihundert Elefanten in zerstückelten Waldresten, sie fallen immer öfter in die Pflanzungen ein. Besonders schlimm betroffen war Lubuk Kembang Bunga, das an der Grenze zum Tesso Nilo Nationalpark mitten in einem alten Elefantenkorridor liegt. Seit seiner Kindheit erlebte der Gummibauer Toha, wie die Dickhäuter alle paar Monate die Felder verwüsteten. „Früher sind sie vor den Menschen davongerannt“, sagt der 54-Jährige. „Heute haben manche Tiere keine Angst mehr.“

Dann treten Rahman und seine drei Kollegen in Aktion. Die beiden Bullen voran, treiben die Mahouts ihre Tiere auf die wilden Artgenossen zu und scheuchen sie in unbewohnte Waldgebiete zurück. Selbstgebastelte Karbid-Kanonen aus PVC-Rohr helfen mit ohrenbetäubendem Krach. Der Aktionsradius der Patrouille ist auf die Umgebung von Lubuk Kembang Bunga beschränkt, in Notfällen werden die Elefanten auf Lastwagen in andere bedrohte Dörfer gefahren. Sechs Teams wären nötig, um die Nationalparkgrenzen zu sichern; derzeit werden drei weitere, von Plantagenfirmen finanzierte Einheiten aufgebaut.

Auch in anderen Nationalparks auf Sumatra patrouillieren Elefantenteams. Sie lösen mehrere Probleme auf einen Schlag: Sie helfen dabei, wilde Elefanten zu verjagen, bringen Forstpolizisten auf der Suche nach illegalen Holzfällern oder Wilderern in unzugängliche Gebiete und werben bei den Einheimischen um Wohlwollen. Und nicht zuletzt beschäftigen sie vernachlässigte Elefanten in Gefangenschaft, von denen es in Sumatra an die dreihundert gibt. Diese leben in „Elefanten Camps“ genannten Auffanglagern für Problemtiere.

Wohin mit den ausgedienten Elefanten?

Bis zum Fangverbot 1999 waren auf Sumatra rund 750 Elefanten gefangen worden, die ihre Waldheimat verloren hatten und in Plantagen eingebrochen waren. Die Tiere wurden anfangs für die Holzwirtschaft trainiert, doch die Firmen verwendeten stattdessen lieber Maschinen. So vegetieren die Tiere heute in insgesamt sechs Lagern dahin, häufig ohne ausreichend Futter, medizinische Versorgung oder eine sinnvolle Aufgabe.

Eines dieser Camps liegt in Way Kambas im Süden von Sumatra. Auf einem großen Platz ohne Bäume oder Unterstand stehen fünf Dutzend Elefanten einzeln angekettet, viele schaukeln gelangweilt mit den Köpfen, die Baracken für die Wärter sind baufällig. Rini, eine 22-jährige Elefantendame, packt mit dem Rüssel einen Malerpinsel, taucht ihn auf Befehl des Mahouts in einen Farbeimer und bekleckst einen Stoffetzen. Mit solchen Zirkuskunststückchen verdienen sich die Elefanten ihr Brot, denn an Feiertagen geht es hier zu wie auf dem Rummel: Einheimische Touristen posieren auf oder neben den Tieren, in einer Arena spielen Elefanten Fußball oder tanzen zur Harmonika. Der deutsche Tierarzt Christopher Stremme von der Sumatra Veterinary Society besucht dieses und andere Lager regelmäßig. „Der Zustand der Tiere hier ist okay, wenn auch nicht perfekt“, sagt er. „Fußballspielen oder Elefantenreiten sind besser, als den ganzen Tag angekettet herumzustehen.“ In anderen Lagern ist es schlimmer. „Die Regierung hat keine Ideen, um das Los dieser Elefanten zu verbessern“, sagt Stremme. „Es ist gut, sie für Patrouillen aus den Lagern zu nehmen.“

Aktionsradius zu klein, Kosten zu hoch

Alleine werden die berittenen Ranger die Elefanten Sumatras nicht retten können. Dazu ist ihr Aktionsradius zu klein und die Kosten zu hoch - 30.000 Dollar pro Jahr kostet ein einziges Team den WWF. Außerdem ist die Wirkung der Patrouillen umstritten: „Wir haben bisher kaum gesicherte Hinweise dafür, dass sie die Elefantenkonflikte wirklich reduzieren“, sagt Simon Hedges von der World Conservation Society. Der WWF berichtet, dass die von Elefanten verursachten Verluste in Lubuk Kembang Bunga seit 2004 auf ein Zehntel zurückgingen. Ob die Elefanten dafür an anderen Orten öfter einbrachen, ist unbekannt.

Das Problem ist, dass die Alternativen in vielen Fällen nicht viel besser sind: Große Plantagenfirmen schirmen ihre Felder mit drei Meter hohen Elektrozäunen ab, doch Regierung und Kleinbauern fehlt das Geld dazu. Tiefe Gräben haben sich als wirksame Barriere erwiesen, doch wenn sie schlecht konzipiert und unterhalten sind, können sie tödliche Fallen für wilde Elefanten darstellen. Am effektivsten sind da noch die Wachtürme, von denen aus die Bauern, mit Knallfröschen bewaffnet, nachts ihre Pflanzungen bewachen.

Kein Interesse am Artenschutz

Die Zukunft von Sumatras Elefanten steht und fällt mit dem politischen Willen, die letzten Wälder zu schützen. Doch besonders in Riau sind die Aussichten dafür düster. Die Wälder werden im Rekordtempo abgesägt, Regierungsbeamten erteilen weiter illegale Holzschlaggenehmigungen. „Die Provinzregierung hat kein Interesse am Artenschutz“, sagt Stremme. Die beste Lösung wäre die Umsiedlung der Elefanten: In Lampung im Süden und in Aceh im Norden der Insel bleibt noch genug Wald, um einen stabilen Bestand zu beherbergen. Eine schwierige Aufgabe: Etwa 85 Prozent der bisher umquartierten Elefanten starben beim Umzug, warnt der WWF.

Stattdessen findet in Tesso Nilo derzeit eine Umsiedlung anderer Art statt. Seit die Patrouille die wilden Elefanten in Schach hält, gilt die Umgebung des Nationalparks - der demnächst auf die dreifache Fläche erweitert werden soll - als begehrenswerte Wohnlage. In der Folge legen immer mehr illegale Siedler den Wald in Schutt und Asche, bauen Holzhäuschen mit bunten Gardinen an den Fenstern - und erobern somit endgültig das angestammte Reich der Elefanten.

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