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Willkommen im Anthropozän : An der Schwelle zur Menschheits-Epoche

  • -Aktualisiert am

Ölverschmutzung am Nigerdelta: Eines der schmutzigsten Orte der Welt. Bild: Terry Whalebone

Plastik, Beton, Atomtechnik, Überdüngung, Müllberge, Umweltverschmutzung, Klimawandel – der Mensch hat die Erde und die Natur sichtbar verändert und tief in das Ökosystem eingegriffen. Höchste Zeit also, von einem neuen Erdzeitalter zu sprechen?

          Eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern hält den Einfluss des Menschen auf die Entwicklung der Erde für so gravierend, dass eine neue geologische Epoche namens „Anthropozän“ gerechtfertigt sei. In einem Beitrag, der jetzt in der Zeitschrift „Science“ erschienen ist, schreiben die Forscher um Colin Waters vom British Geological Survey, Menschen seien zur prägenden Kraft der Veränderung des Planeten geworden. Beispielsweise sei bereits genug Beton produziert worden, um auf jedem Quadratmeter Erdoberfläche ein Kilogramm davon zu platzieren.

          Mit dem jährlich produzierten Plastik lasse sich die gesamte Menschheit aufwiegen. In den vergangenen Jahren sei durchschnittlich pro Tag ein neuer großer Staudamm in Betrieb gegangen und habe den Abfluss von Sedimenten blockiert. Andere Faktoren wie der Klimawandel, Eingriffe in die Artenvielfalt, und grundlegend veränderte Ströme etwa von Stickstoff summierten sich zu einer gewaltigen und langfristigen Veränderung der Geologie der Erde. „Die besonderen Merkmale der jüngsten geologischen Erhebungen unterstützen die formale Anerkennung des Anthropozäns als eine stratigraphische Einheit“, schreiben die Forscher.

          Abschied vom Holozän

          Die Veröffentlichung stellt einen wichtigen Zwischenschritt hin zur möglichen offiziellen Anerkennung einer nach dem Menschen benannten geologischen Erdepoche dar. Alle Autoren gehören der „Anthropocene Working Group“ an, einem wissenschaftlichen Gremium, das seit dem Jahr 2009 prüft, ob die aktuelle Erdepoche, das Holozän, durch das Anthropozän abgelöst werden soll. In der „Science“-Publikation listen die Forscher eine Vielzahl von Faktoren auf, die entweder völlig neuartige Phänomene darstellen und erst durch Technik und Konsum in die Welt gekommen sind, oder aber in ihren Dimensionen frühere natürliche Prozesse in den Schatten stellen.

          So schreiben die Wissenschaftler, dass in den vergangenen Jahrzehnten die größte Ausbreitung von neuartigen Mineralien und die stärkste Veränderung im Stickstoffhaushalt der Erde seit 2,4 Milliarden stattgefunden haben. Letztere wurde hauptsächlich durch Düngereinsatz in der Landwirtschaft ausgelöst. Im Jahr 1700 seien noch etwa fünf Prozent der Landoberfläche der Erde intensiv vom Menschen genutzt worden, inzwischen betrage dieser Wert rund 55 Prozent. Dazu zählten neben landwirtschaftlichen Flächen auch Mülldeponien, Städte und Abraumhalden von Bergwerken, die neue geologische Formationen darstellen. Die Menschheit bewege etwa 57 Milliarden Tonnen Material pro Jahr und schaffe Hunderte Millionen neuartigen Materials wie Glas und Keramik. Reines Aluminium sei in der Natur selten, durch industrielle Prozesse seien aber bereits 500 Millionen Tonnen davon künstlich erzeugt worden.

          Die Menschen-Zeit hat längst begonnen

          Die Eingriffe des Menschen erstreckten sich auch auf die Küsten und Ozeane, wenn etwa Neuland gewonnen werde und große Trawler mit ihren Fanggeräten den Meeresboden zerfurchten. Nicht nur an Land, sondern auch in den Ozeanen und in den Polareisgebieten seien synthetische Chemikalien wie zum Beispiel polyzyklische Aromaten zu finden oder auch Blei, das in der Römerzeit oder durch verbleites Benzin in die Umwelt gelangt sei. Als wesentliche Faktoren, die eine neue Erdepoche rechtfertigen, werten die Autoren den Klimawandel und Eingriffe in die biologische Vielfalt der Erde. Der Meeresspiegel und der Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre seien in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen. Zudem drohe eine große Ausrottungswelle von Arten.

          Als treibende Kräfte für das Anthropozän sehen die Wissenschaftler die Vermehrung der Menschheit von rund 2 Millionen Menschen am Ende der letzten Eiszeit auf mehr als 7 Milliarden Menschen heute, die beschleunigte technische Entwicklung und den gestiegenen Konsum von Ressourcen an. Offen ist, wann der offizielle Beginn eines Anthropozäns angesetzt würde. Als Kandidaten gelten dafür derzeit die Frühphase der Landwirtschaft, die Kolonisierung von Nord- und Südamerika, die industrielle Revolution sowie die Mitte des 20. Jahrhunderts. Aus letzterer gibt es besonders langfristige geologische Veränderungen: den Fall-out von den Atombombentests, dessen neuartige Isotopen noch mehr als Hunderttausend Jahre messbar seien. Die „Anthropocene Working Group“ favorisiert ein Startdatum am Ende des Zweiten Weltkriegs, etwa den ersten Atombombentest.

          Mitte 2016 will die Arbeitsgruppe ihre Ergebnisse an ein übergeordnetes Gremium weiterleiten, das die Empfehlungen prüfen wird. Ob und wann es zu einer offiziellen Anerkennung des Anthropozäns kommen würde, ist noch offen. Die Autoren der Science-Studie heben hervor, dass es sich um die erste neue Erdepoche handeln würde, deren Beginn zivilisierte Gesellschaften miterlebt und sogar ausgelöst hätten. Der Begriff Anthropozän geht auf den Chemie-Nobelpreisträger Paul J. Crutzen und den Biologen Eugene Stoermer zurück, die im Jahr 2000 vorschlugen, den Einfluss des Menschen auf die Erde wissenschaftlich als tiefen Einschnitt in der Erdgeschichte zu beschreiben und dafür den Begriff Anthropozän verwandten.

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