Ein Meter lang, weicher wirbelloser Körper, Schwimmlappen, scheibenförmiges Maul, zwei Greifer und zwei große gestielte Facettenaugen für eine Sicht von fast 360 Grad: das ist der Steckbrief von Anomalocaris, dem wohl gefährlichsten Räuber des Kambriums. Vor rund 500 Millionen Jahren, als sich das Leben nur im Wasser abspielte und das Erscheinen des Tyrannosaurus Rex noch 400 Millionen Jahre entfernt war, stand dieses Tier am Ende der Nahrungskette. Sein Trivialname "Ungewöhnliche Garnele" gibt keinen Eindruck davon, welche Stellung dieser Jäger tatsächlich innehatte.
Seine Position verdankte er offensichtlich seiner ausgezeichneten Sehkraft. Das legt der Fund von zwei fossilen Facettenaugen in den Schieferformationen der südaustralischen Emu-Bucht nahe. Wie John R. Paterson von der University of New England in Armidale und seine Kollegen in der Fachzeitschrift "Nature" zeigen konnten, bestanden die Facettenaugen von Anomalocaris aus 16 700 sechseckigen Linsen (Bd. 480, S. 237). Sie gehören damit zu den größten und schärfsten Facettenaugen, die es je gegeben hat. Nur wenige Lebewesen haben später Varianten mit höherer Sehkraft entwickelt, etwa einige räuberische Libellen mit 28 000 Einzelaugen.
Ungewöhnliche Sehkraft
Paterson und seine Kollegen sind der Ansicht, dass der fossile Fund allein wegen seiner Größe - die Augen messen zwei bis drei Zentimeter - keinem anderen Lebewesen zugeordnet werden könne als dem für die Zeit des Kambriums sehr großen Anomalocaris. Die Wissenschaftler äußern zudem die Vermutung, dass die ungewöhnliche Sehkraft dieses Jägers einen beträchtlichen Einfluss auf das gesamte Ökosystem des Urmeeres gehabt haben muss. Sie gehen davon aus, dass sie am Anfang eines evolutionären Wettrüstens zwischen Jäger und Beute stehen, das dann zu beträchtlichen Anpassungen bei den Gejagten geführt hat.
Der fossile Fund hilft zudem dabei, die Stellung des Anomalocaris im Stammbaum der Tiere zu klären. Die Facettenaugen reihen ihn in eine Seitenlinie der Gliederfüßer ein, zu denen auch die Insekten und Krebse gehören, die ebenfalls Facettenaugen haben. Weil sein Körperbau so ungewöhnlich war, hatte man die ersten, im neunzehnten Jahrhundert gefundenen Fossilien zunächst drei verschiedenen Lebewesen zugeordnet. Sein mit Hornplatten ausgerüstetes Maul legte eine Verwandtschaft mit den Quallen nahe, seine Greifer sprachen für eine Verwandtschaft mit den Gliederfüßern, und sein weicher Körper rückte ihn in die Nähe der Schwämme. Erst sehr viel später wurde klar, dass die Fossilien zu einem einzigen Tier gehören. Der Fund der fossilen Facettenaugen zeigt des weiteren, dass komplexe Augen sehr viel früher entstanden sind als bisher angenommen und dass sie vor dem typischen Außenskelett der Gliederfüßer entwickelt wurden.