22.03.2005 · Der Nachwuchs der Geburtshelferkröte hat eine Menge Feinde: Libellen, Käferlarven und Schlangen. Aber die vom Aussterben bedrohte Krötenart weis sich zu helfen, wenn Gefahr droht.
Von Diemut KlärnerBei den Geburtshelferkröten ist es Sache des Männchens, den Nachwuchs in Obhut zu nehmen. Sobald das Weibchen die Eier abgelegt hat, schlingt sich dessen Partner die Laichschnüre wie Perlenketten um die Hinterbeine und trägt sie mit sich herum. Erst wenn die Sprößlinge schlüpfen, werden sie ins Wasser entlassen.
Von nun an müssen die Kaulquappen auf der Hut sein. Neben Libellen und Käferlarven können ihnen mancherorts auch Schlangen gefährlich werden. Aber der Nachwuchs weiß sich zu helfen, wie Wissenschaftler um Robin Moore und Richard Griffiths von der University of Kent in Canterbury kürzlich bei Geburtshelferkröten auf Mallorca beobachteten.
Charakteristisches Zickzackband
Als sich die mallorquinische Variante der Geburtshelferkröte, Alytes muletensis, vor etwa vier Millionen Jahren von der Festlandspopulation absetzte, entwischte sie den gefräßigen Schlangen. Lange blieb sie dann von diesen Freßfeinden verschont. Die in Südwesteuropa weitverbreitete Vipernatter, Natrix maura, scheint erst in der Römerzeit nach Mallorca gelangt zu sein.
Ihren Namen verdankt diese Schlange dem charakteristischen Zickzackband, das auch den Rücken vieler Vipern schmückt. Dabei ist die Vipernatter für den Menschen ebenso harmlos wie die auch in unseren Breiten lebende Ringelnatter. Wie diese Verwandte tummelt sie sich gerne im Wasser, um dort Amphibien nachzustellen.
Kräftigere Schwanzmuskeln
In Tümpeln, die regelmäßig von Schlangen besucht werden, entdeckten die britischen Forscher Kaulquappen mit auffallend kräftigen Schwänzen. Dieser Krötennachwuchs ist vermutlich gut dafür gerüstet, bei Gefahr flink zu fliehen. Daß die Anwesenheit der Räuber tatsächlich den Körperbau der Beutetiere beeinflußt, bestätigen einschlägige Tests: Ein paar Stunden täglich wurden bei dem Nachwuchs der Geburtshelferkröten lebende Vipernattern einquartiert.
Obwohl die Schlangen hinter einer Absperrung aus Nylonnetzen blieben, reagierten die jungen Kaulquappen binnen zwei Wochen, indem sie kräftigere Schwanzmuskeln entwickelten. Das berichten die britischen Wissenschaftler in der Zeitschrift "Oecologia" (Bd.141, S.139).
Eine letztlich unbeantwortete Frage
Anscheinend können die Kaulquappen die Gefahr buchstäblich riechen. Das zeigte sich, als man ihrem Aquarium regelmäßig Wasser zusetzte, in dem Vipernattern gebadet hatten. Auch diese indirekte Begegnung brachte die Kaulquappen dazu, mehr Energie in den Aufbau eines kräftigen Ruderschwanzes zu stecken, als ungestörte Artgenossen das tun.
Ob diese Kaulquappen den Schlangen tatsächlich leichter entkommen, wurde freilich nicht geprüft. Schließlich ist die mallorquinische Geburtshelferkröte vom Aussterben bedroht. Einst auf der gesamten Insel heimisch, hat sie nur in wenigen Schluchten im Nordwesten bis in die heutige Zeit überlebt. Ob die Vipernattern zu Recht im Verdacht stehen, die raren Amphibien so drastisch dezimiert zu haben, bleibt eine letztlich unbeantwortete Frage.