05.10.2004 · Nirgendwo liegen Nächstenliebe und Konkurrenz so nah wie im Ameisenhaufen. Das macht ihn zum idealen Studienobjekt der Soziobiologie.
Von Georg RüschemeyerAmeisen im Kühlschrank, noch dazu in der Tupperware - für Jürgen Heinze ist das ganz normal. Wo sonst sollte der Regensburger Zoologieprofessor mitten im Sommer winterliche Temperaturen erzeugen, um seinen Studienobjekten den Wechsel der Jahreszeiten vorzugaukeln? Wer in Heinzes Ameisenlabor allerdings riesige Nester mit Millionen von Tieren erwartet, wird erst einmal enttäuscht, denn seine Völker leben in kleinen Plastiknäpfen. Etliche dieser staatstragenden Behälter passen in ein einzelnes Fach in Heinzes Klimaschrank.
Heinze arbeitet bewußt mit Arten, die auch in der Natur mit äußerst wenig Platz auskommen. Die Königin einer brasilianischen Art etwa bewohnt mit ihrem guten Dutzend Arbeiterinnen bevorzugt hohle Kakaoschoten. "Für unsere soziobiologischen Fragestellungen sind diese kleinen Völker einfach übersichtlicher. Stellen Sie sich vor, Sie wollten allen Tieren eines Waldameisenhügels eine Farbmarkierung auf dem Rücken verpassen und sie zeitgleich beobachten", sagt Heinze, "das geht gar nicht."
Lebende Bomben, opferbereite Torwächter
Die leichte Handhabung ist einer der Gründe, warum Soziobiologen wie Heinze ein besonderes Faible für die Sechsbeiner entwickelt haben. Dies und die Tatsache, daß kaum ein Tier ein derart perfektes Sozialwesen entwickelt hat wie die Ameise. Vom Alten Testament bis zu den Fabeln Äsops reichen die Darstellungen ihrer fleißigen und selbstlosen Natur. Dank ihrer sozialen Lebensweise haben es die Ameisen weit gebracht. Ihre weltweite Biomasse übersteigt die aller Landwirbeltiere, zu denen auch der Mensch gehört, bei weitem. Mit knapp zehntausend bekannten Arten haben sie sich fast sämtliche Lebensräume zu Lande erschlossen, von der nördlichen Tundra über den tropischen Regenwald bis zur Sahara.
Zoff im Amazonenstaat
Soziale Lebensformen, vom Fischschwarm bis zum Wolfsrudel, kommen zwar auch sonst häufig unter Tieren vor. Doch selten geht die Nächstenliebe so weit wie bei den Ameisen. Zugunsten ihrer Königin verzichten die Arbeiterinnen auf eigenen Nachwuchs und geben ihr Leben für die Verteidigung des Nests. Das kann so weit gehen, daß hochspezialisierte "lebende Bomben" im Kampf ihren mit klebrigen Abwehrsekreten prall gefüllten Hinterleib zum Platzen bringen und so Nesteindringlinge stoppen. Vorsorgenden Opfermut zeigen die Arbeiterinnen einer südamerikanischen Art, die abends von außen den Nesteingang verschließen. Britische Wissenschaftler fanden kürzlich heraus, daß diese Draußengebliebenen die folgende Nacht so gut wie nie überleben.
Begabte Pilz-Züchter
Arbeitsteilung in Perfektion zeigen die Blattschneiderameisen Südamerikas. Innerhalb von Stunden können die mehrere Millionen Erntearbeiterinnen eines großen Nests einen Urwaldbaum komplett entlauben. Die Tiere fressen die kaum verdaulichen Blätter nicht, sondern zerkauen sie zu einem Brei, auf dem sie einen speziellen Pilz züchten, von dem die ganze Kolonie lebt. Denn der Pilz hat, was den Insekten fehlt: das Enzym Zellulase, das den Pflanzenbaustoff Zellulose in bekömmlichen Zucker verwandelt. Hochspezialisierte Kasten von Arbeiterinnen verrichten die unterschiedlichen Aufgaben in dem Agrarstaat der Blattschneider: Für die Sicherheit des Nests sorgen mehrere Zentimeter große Wachsoldatinnen, während die kleinsten Pilzgärtnerinnen kaum die Größe eines Buchstabens in diesem Text erreichen. Dazwischen gibt es mehrere Größenklassen von Arbeiterinnen, die ihrer jeweiligen Aufgabe wie der Ernte und der schrittweisen Zerkleinerung der Laubblätter optimal angepaßt sind. Zentrum des großen Krabbelns ist die Königin. Sie bildet den Eierstock im Superorganismus des Blattschneidervolks.
Doch ganz so reibungslos geht es nicht immer zu. Bei der winzigen Art Cardiocondyla obscurior etwa hat Jürgen Heinze zusammen mit seiner ehemaligen Doktorandin Sylvia Cremer zwei Typen von männlichen Geschlechtstieren entdeckt. Typ eins entspricht dem Ameiserich aus dem Lehrbuch: ein geflügelter Samenspender, dessen einzige Lebensaufgabe darin besteht, sich mit einer Jungkönigin zu paaren. Aggressionen kennen diese Männechen nicht, da ihr Erfolg auf dem Hochzeitsflug mehr vom Glück als von Konkurrenten bestimmt wird. In den Labornestern fanden Heinze und Cremer aber auch den krassen Gegenentwurf zu den fliegenden Pazifisten: aggressive Beißer, die sich gegenseitig den Garaus machen. Ihre Flügel haben sie gegen enorme Kieferzangen getauscht, denn der Gewinner des Gemetzels bleibt im Nest und begattet dort so viele der schlüpfenden Jungköniginnen wie möglich. Ob eine solche Kolonie Weicheier oder Machos hervorbringt, bestimmt die Umwelt: In fetten Zeiten schlüpfen nur aggressive Nesthocker. Verschlechtern sich die Bedingungen, so tragen zahme Flugmännchen die Gene des Volks zu neuen, besseren Gestaden.
Intelligent nur in der Masse
Konkurrenz herrscht aber auch zwischen den Frauen, die bei den Ameisen stets die staatstragende Rolle spielen. Vor allem bei evolutionär urtümlicheren Arten sind ausgeprägte Hierarchiesysteme keine Seltenheit. In den Nestern der indischen Ameisenart Harpegnathos saltator etwa setzen befruchtete Arbeiterinnen früher oder später die Königin ab. In komplexen und hochritualisierten Rangkämpfen wird fortan ausgefochten, welche Arbeiterin wie viele Nachkommen zeugen darf. Am unteren Ende der Rangordnung steht die Kaste der weiterhin unbefruchteten Arbeiterinnen, die sich um die Brut der Emporkömmlinge kümmern.
Nicht nur das Bild des konfliktfreien Ameisenstaates, sondern auch jenes vom intelligenten Superorganismus stimmt also nur bedingt. Denn die scheinbare Intelligenz täuscht darüber hinweg, daß die einzelne Ameise nicht besonders helle ist. Ihr Verhaltensrepertoire wird durch wenige Schlüsselreize meist chemischer Natur gesteuert. Das gilt auch für die Erkennung von Nestgenossinnen: Der richtige Kohlenwasserstoff und ein passendes Trällern mit den Antennen, und die Schwester darf passieren. Diese sensorische Einfältigkeit nutzt eine große Zahl von Sozialparasiten, um es sich in Ameisennestern gemütlich zu machen. Mit dem korrekten Duft und Begrüßungsritual erhalten zum Beispiel Käfer aus der Gattung Atemeles Asyl unter Waldameisen. Erst einmal im Nest, ernährt sich die Käferbrut von den Gaben der Ameisen oder gleich von deren Larven. Häufig sind es auch andere Ameisenarten, die den Einlaßcode ihrer Wirte geknackt haben. Manche können nur so ein Nest gründen: Sie schleichen sich in einen fremden Bau ein, töten die ansässige Regentin und lassen dann ihre eigene Brut von den fremden Arbeiterinnen aufziehen, bis die Behausung komplett die Besitzer gewechselt hat.
Endameise hat ihre Arbeiter abgeschafft
Gewissermaßen am Ende ihrer parasitären Laufbahn angekommen ist die in Hochlagen der Schweiz und Frankreich lebende, äußerst seltene und auf deutsch auch tatsächlich "Endameise" genannte Teleutomyrmex scheideri. Ihre befruchteten Königinnen dringen in die Nester einer kleinen Rasenameisenart ein und klammern sich auf dem Rücken der angestammten Königin fest. Dort lassen sich die völlig passiven Tiere durchfüttern und mogeln ihre Eier zwischen jene der Gastgeberin. Degeneriert nennen Forscher die Endameise, denn sie hat nicht nur ihr selbständiges Leben aufgegeben. Aus den Kuckuckseiern schlüpft direkt die nächste königliche Generation, ihre Arbeiterkaste hat die Endameise abgeschafft.