Home
http://www.faz.net/-gx4-urq7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

300. Geburtstag von Linné Die Sternstunde, in der die Schöpfung ihren Lotsen fand

23.05.2007 ·  Carl von Linné, der Begründer der Taxonomie, wurde von 300 Jahren geboren: Auch an ihm geht die Genrevolution nicht spurlos vorbei. Die Erfassung und Unterscheidung von Arten wird mittlerweile über die DNA vollzogen.

Von Axel Meyer
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Seit Carl von Linné gehört unsere Art „sapiens“ – vernunftbegabt oder weise – zur zoologischen Gattung „Homo“. Es ist dieses System der binominalen Nomenklatur, das der schwedische Biologe als Ordnungsprinzip der belebten Natur eingeführt hat. Bis heute wird jede Art von Lebewesen mit einem meist lateinischen oder latinisierten wissenschaftlichen Artnamen – einem klein geschriebenen Adjektiv – versehen und einer Gattung zugeordnet, die mit einem Substantiv bezeichnet wird.

Linné errichtete neben der Gattung weitere willkürliche Stufen in der Hierarchie der Klassifikation wie Familie, Ordnung, Klasse, Stamm und Reich. So entstand durch ihn ein verschachteltes hierarchisches System, was zur menschlichen Eigenschaft, in Kategorien zu denken, passt. Linné teilte neben der belebten auch die unbelebte Natur in drei „Naturreiche“ ein: Mineralien (Regnum lapideum), Pflanzen (Regnum vegetabile) und Tiere (Regnum animale). Diese heute antiquiert erscheinende Kategorisierung findet sich noch immer in vielen Naturkundemuseen in der administrativen Einteilung ihrer Institute wieder.

Jede Art unzweifelhaft mit nur zwei Wörtern identifizieren

Vieles in Linnés Einteilungen ist überholt. Dazu gehört die Klasse der Vögel, Aves, denn wir wissen schon länger, dass Vögel eigentlich die letzten überlebenden Nachfahren der Dinosaurier sind und damit eigentlich zur Klasse der Reptilien gehören. Vögeln kommt also heute noch ein taxonomischer Rang zu, der ihnen eigentlich genealogisch nicht zusteht. Dass Taxonomie und Systematik, die Einteilung von Organismen in diese Form einer Hierarchie, nicht immer deren evolutionären Beziehungen, der Phylogenie, entsprechen, wird nach Meinung der Mehrheit der Biologen zunehmend als Problem gesehen.

Es sind gerade diese Fragwürdigkeiten, ja Willkürlichkeiten des Linnéschen Systems, die inzwischen dazu geführt haben, dass es zunehmend stärkere Bestrebungen gibt, es abzuschaffen. Trotzdem haben die Vorteile des Linnéschen Systems zu dessen Überleben bis heute beigetragen. Vor allem kann (fast) jede Art unzweifelhaft mit nur zwei Wörtern identifiziert und in allen Sprachen erkannt werden.

Über 8.000 Pflanzen und fast 4.400 Tierarten

Natürlich gab es schon vor Linné Bestrebungen, wie die von Aristoteles und anderen Gelehrten, Pflanzen und Tiere einzuteilen. Aber dies geschah meist nicht unter Gesichtspunkten von deren Gemeinsamkeiten oder gar Abstammung, sondern hauptsächlich nach deren Nützlichkeit für den Menschen. Vor Linné waren Artnamen länger, und es war mühsam und oft höchst undurchsichtig, die vielen örtlich üblichen Bezeichnungen einer Art zuzuordnen.

Linné kannte über 8.000 Pflanzen und fast 4.400 Tierarten, von denen er etwa 2.000 selber beschrieb. Das ist zwar nur ein Bruchteil der heute etwa 1,7 Millionen benannten Arten, aber weit mehr, als die meisten heute noch arbeitenden Biologen kennen. Artenkenntnis ist nicht mehr gefragt oder modern, und die Taxonomen sind selber vom Aussterben bedroht.

99 Prozent aller Arten sind schon ausgestorben

Erstaunlicherweise ist die allergrößte Mehrzahl von Arten – Schätzungen zufolge sind es 10 bis 100 Millionen – noch immer nicht der Wissenschaft bekannt, geschweige denn wissenschaftlich beschrieben. Auch sind sicherlich schon 99 Prozent aller Arten, die je auf diesem Planeten gelebt haben, wieder ausgestorben. Jedes Jahr werden noch etwa 25.000 neue Arten entdeckt, darunter mit großer Regelmäßigkeit sogar Säugetiere und vor allem Amphibien. Allein von den Bakterienarten sind wahrscheinlich bisher nur etwa 0,1 Prozent beschrieben, und gerade im Zeitalter der Genomik und Metagenomik wurden in den letzten Jahren innerhalb von Monaten anhand von DNS-Vergleichen Hinweise auf Hunderttausende neuer Bakterienarten in den Ozeanen und sogar im Bach um die Ecke gefunden.

Nach der Entdeckung der fundamentalen Unterschiede zwischen Organismen mit Zellkern (Eukaryonten) und ohne einen solchen (Prokaryonten) wurde die Domäne als höchster taxonomischer Rang eingeführt – noch über dem Linnéschen Reich.

Molekulare Datensätze als wichtigste Methode

Spätestens seit Carl Woese vor drei Jahrzehnten durch Erbgutvergleiche die Archaebakterien als eine dritte taxonomische Domäne – neben den Eukaryonten und Eubakterien – einführte, haben sich molekulare Datensätze als die vielleicht wichtigste Methode der Systematik etabliert. So konnten sogar schon eine ganze Reihe von ausgestorbenen Arten mit Erbgutanalysen charakterisiert werden.

Das Verfahren wird derzeit auch bei dem Versuch genutzt, einen alle Organismen umfassenden „Baum des Lebens“ (www.tolweb.org/tree/) durch Sequenzvergleiche der Desoxyribonukleinsäure (DNS) zu erstellen. Genetische Information zur Identifizierung von Arten und deren evolutionärer Gruppierung wird schon lange bei Bakterien (meist mit Hilfe des 16S-Ribonukleinsäure-Gens) verwandt. Neueren Datums ist das DNA Barcoding Consortium (www.barcoding.si.edu). Hier werden DNS-Strichcodes – eine Art genetischer Fingerabdruck – von allen mehrzelligen Tieren hergestellt. So sollen sie schneller identifizierbar sein.

Zentrale Registrierung aller Arten im Internet

Niemand kann alle Arten kennen, und so gibt es im Zeitalter des Internets Bemühungen, sowohl alle Arten zu registrieren als auch die Literatur für alle Wissenschaftler weltweit frei zugänglich zu machen. Neueren Datums ist etwa die Internetinitiative des Harvard-Biologen Edward O. Wilson, eine „Encyclopedia of Life“ (www.eol.org) herzustellen, in der für jede Art eine Seite mit allen bekannten Informationen geführt wird. Der „Taxonomy Browser“ der amerikanischen „Genebank“ hält das taxonomische Wissen aktuell. Und um der gelegentlichen Verwirrung bei der Verteilung von Artnamen Herr zu werden, gibt es eine Initiative, die eine zentrale Registrierung aller Arten (www.animalbase.de) zwingend fordert.

Obwohl sich das Linnésche System also durchaus bewährt hat, gibt es ernstzunehmende Kritiker, die den ganzen Ansatz für so falsch halten, dass sie ihn völlig abschaffen möchten. Ein solches Projekt ist „PhyloCode“ (www.phylonames.org), hinter dem die International Society for Phylogenetic Nomenclature steht. Die Idee ist, die Lagerung und den Zugang zu biologischer Information über eine Art unabhängig von deren gerade geltendem taxonomischem Rang sicherzustellen. Ausschlaggebend sollen allein die Verwandtschaftsverhältnisse sein. Dieser Vorstoß hat bisher allerdings keine universelle Zustimmung gefunden.

„Deus creavit, Linnaeus disposuit“

Linnés „Systema Naturae“ wuchs von elf Seiten in der ersten Auflage 1735 zu einem 3.000-seitigen, mehrbändigen Opus in der letzten, 13. Auflage, in dem Tausende von Pflanzen- und Tierarten beschrieben wurden. Wale wurden in der ersten Auflage noch fälschlicherweise den Fischen zugerechnet, in der 10. Auflage von 1758 dann richtigerweise den Säugetieren. Seit dieser Auflage wurde dann auch für die Zoologie die binominale Nomenklatur eingeführt, wie Linné dies 1753 für Pflanzen tat. Den Buchdeckel der „Systema Naturae“ ziert ein Bild, das einen Garten Eden mit vielen Arten zeigt, in dem ein Mensch (Linné?) diese benennt. Linné litt ohnehin nicht unter mangelndem Selbstbewusstsein, wie ein Zitat aus seinem Werk zeigt: „Deus creavit, Linnaeus disposuit“ – Gott schuf, Linné ordnete.

Die Linnésche Klassifikation ist nicht das einzige Vermächtnis des berühmten Schweden. Linné kehrte auch die Temperaturskala von Celsius um: Vor ihm wurde mit 100 Grad gefrierendes Wasser bezeichnet und mit 0 Grad kochendes. Aus seiner Sammlung erwuchs 1788 die Linnean Society of London. Bei einem Treffen dieser Gesellschaft wurden 1858 auch die weltverändernden Ideen von Alfred Russel Wallace und Charles Darwin vorgestellt.

Beschrieb auch unterschiedliche „Homo sapiens“

Weniger ruhmreich, aber dennoch langlebig waren Linnés Ideen zu Homo sapiens. Denn leider wandte Linné seine binominale Nomenklatur auch auf Unterarten oder Varietäten – wie er sie nannte – des Menschen an. So beschrieb er, basierend auf deren geographischem Ursprung und deren Hautfarbe, Homo sapiens americanus neben asiaticus, africanus und europeanus. Auch bestimmte Charaktereigenschaften wurden irrigerweise diesen menschlichen Varietäten zugeschrieben. So wurde Linné auch zum unrühmlichen Begründer von Rassenlehren, die unter anderem zur Legitimierung von Sklaverei dienten.

In seinen 1763 erschienenen „Amoenitates academicae“ ging Linné sogar so weit, menschenähnliche Kreaturen der Mythenwelt zu kategorisieren. „Wolfskinder“ wurden als H. s. ferus bezeichnet. Einen Holotypus und damit einen in einem Museum „hinterlegten“ typischen Vertreter der von Linné beschriebenen Art Homo sapiens gibt es nicht. Der eifrige amerikanische Paläontologe Edward Drinker Cope (1840–1897) wurde zwar schon als nachträglicher Holotyp für Homo sapiens vorgeschlagen, zum Glück aber erfolglos.

Der Autor ist Lehrstuhlinhaber für Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Konstanz.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Das Gespenst Gentechnik geht

Von Joachim Müller-Jung

Während fast überall auf der Welt neue Nutzpflanzen gezüchtet werden, sinkt das Interesse für die grüne Gentechnik in Deutschland und Europa ständig. Auf dem Acker fahren wir im Rückwärtsgang. Die EU-Kommission versucht das zu ändern. Mehr 9 7