Home
http://www.faz.net/-gx4-ut1g
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

100 Millionen Klospülungen pro Jahr Beschissene Ostsee

18.06.2007 ·  Gut, dass sich das nicht jeder Urlauber vergegenwärtigt: In jedem Jahr lassen die Schiffe, die auf der Ostsee verkehren, zusammen 100 Millionen Klospülungen einfach ins Wasser ab. Die Folgen: Die Algen blühen und entziehen der See Sauerstoff.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)

Pro Jahr landen nach Schätzungen der Umweltstiftung WWF rund 100 Millionen Klospülungen aus Schiffen ungeklärt in der Ostsee. Hinzu kommen 1,6 Milliarden Liter Schmutzwasser aus Duschen und Putzeimern. Das hat eine Umfrage des Verbandes unter 50 Reedereien von Kreuzfahrtschiffen und Fähren im Ostseeraum ergeben, teilte der WWF am Montag in Stralsund mitteilte.

Jährlich flössen damit rund 450 Tonnen Nitrate und 150 Tonnen Phosphate aus den Schiffen in das Binnenmeer. Diese Stoffe beförderten die Blüte von oft giftigen Blaualgen. Nicht einmal ein Viertel der Schiffe entsorgt laut der Umfrage seine Abwässer an Land.

Wie ein Dünger

„Die braune Brühe wirkt wie Dünger. Die Pflanzen wachsen verstärkt und entziehen dem Wasser den Sauerstoff“, erläuterte der Leiter des WWF-Ostseebüros, Jochen Lamp, die Folgen der Praxis. Die Nährstoffe trügen in der flachen Ostsee dazu bei, dass das Binnenmeer immer wieder von der Algenpest heimgesucht werde. Mit rund 60.000 Schiffspassagen und 90 Millionen Passagieren gehört die Ostsee zu einem der stark befahrenen Meere der Welt.

Lediglich neun Reedereien erklärten laut WWF in einer freiwilligen Selbstverpflichtung, im Jahr 2007 keine Fäkalien in die Ostsee abzuleiten. Darunter seien mit Hurtigruten und Peter Deilmann auch zwei Anbieter aus Deutschland. Bisher gibt es kein ausdrückliches Entsorgungsverbot von Fäkalien außerhalb der Zwölf-Seemeilenzone in der Ostsee. Eine solche verbindliche Regelung wäre aber erstrebenswert, sagte Lamp. Die Reederei Aida Cruises kündigte laut WWF an, sich vom kommenden Jahr an der Selbstverpflichtung anzuschließen.

„Niemand will auf einer Kloake schippern“

Neben den Reedereien sind laut Lamp auch die Häfen gefragt. Sie müssten künftig die entsprechenden Kapazitäten bereithalten, damit die Schiffe die Abwässer umweltfreundlich entsorgen können. Von jeder Kleinstadt werde erwartet, dass sie ihre Abwässer entsprechend behandelt. Umso mehr könne man dies von den schwimmenden Luxusstädten erwarten. „Kein Reisender hat Interesse, auf einer Kloake zu schippern“, sagte Lamp.

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Das Gespenst Gentechnik geht

Von Joachim Müller-Jung

Während fast überall auf der Welt neue Nutzpflanzen gezüchtet werden, sinkt das Interesse für die grüne Gentechnik in Deutschland und Europa ständig. Auf dem Acker fahren wir im Rückwärtsgang. Die EU-Kommission versucht das zu ändern. Mehr 10 7