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Narzissmus und der gute Freud : „Kinder wie ich verdienen etwas Besonderes“

Früh übt sich, wer sich richtig spiegelt: Wann beginnt wohl die Nazissmus-Karriere? Bild: Picture-Alliance

Wenn sich schon die Kleinen überschätzen, kann es mit der Elternliebe nicht weit her sein. Das ist die neue These zur Ursache von Narzissmus. Fragen wir doch mal Freud.

          Zunächst etwas Baldrian: Wenn jeder von uns, wie der Menschenkenner Sigmund Freud feststellte, irgendwann im Leben eine narzisstische Phase durchläuft, sollte uns die Hysterie um die Ausbreitung der Selbstliebe nicht weiter beunruhigen. Narzissmus als pathologisches Gesellschaftsphänomen, das neue Burnout also, ist an dieser Stelle zudem schon hinreichend ermittelt worden. Jetzt allerdings sehen wir die Seuche der Selbstbezogenheit auf eine zunächst gefährlich scheinenden schiefen Ebene abzugleiten. Plötzlich verlagert sich nämlich der Hype auf die sensibelsten aller sozialen Arenen: die Familie. 

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Niederländische Forscher haben jetzt die durchaus plausible These überprüft, wonach der Narzissmus, diese unstillbare Ichfixiertheit, gewiss nicht vom Himmel direkt in den Kopf der Leute fallen kann. Irgendwer muss ja wohl daran Schuld sein. Eine Frage, die sich offenkundig niemand bisher ernsthaft gestellt hat, sieht man von den diversen ungeprüften Phrasen über die grassierende Selfie-Manie und neuen, abgedrehten Coaching-Methoden ab, die alle zu dem gleichen Schluss kommen: Am Ende sind die Narzissten doch bloß Opfer. Wobei man den Opferbegriff schon sehr eng fassen muss, um sich das Mitleid für die Narissten zu erhalten. Denn wenn stimmt, was vor kurzem als Korrektiv zu den nun schon üblichen Horrormeldungen über narzisstische Persönlichkeitsstörungen kursierte, dann haben es die Betroffenen  jedenfalls nicht durchgängig schlechte getroffen.  Narzisstisches Verhalten erhöht nämlich offensichtlich die Chancen, bei der Mitwelt als potentieller Anführer gesehen zu werden. So was findet man mit Umfragen heraus.

          Phänomen Selfie.

          Umfragen stehen auch im Fokus der Ursachenforschung, die von den  Amsterdamer Psychologen jetzt in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akdemie der Wissenschaften präsentiert wurde. Bei ihnen ging es aber nicht um Nutzen oder Risiken der egomanischen Massenbewegung, sondern eben um die Ursachen. Zwei Thesen standen zur Auswahl: Erstens die psychoanalatische These Sigmund Freuds, wonach der sich vor allem bei jungen Leuten scheinbar ausbreitende Narzissmus auf einen Mangel an Wärme und Liebe der Eltern zurückzuführen ist. Oder zweite Möglichkeit: Narzissmus wird den Kindern schlicht anerzogen. Was auffällt an dieser These-Antithese-Konstellation: In beiden Fällen sind die Eltern die Dummen.  Erziehung ist ja nun schon länger ein Fetisch nicht nur der Psychologie. Auch die Neuropädagogik ist sich, wie wir inzwischen wissen, ziemlich sicher, dass in die Köpfe der Kinder manches von draußen eingepflanzt wird, was da besser nicht rein sollte. 

          Was die Amsterdamer Studie angeht, ist man in der Ursachensuche allerdings nicht so  tief in die Schädel der Kleinen vorgedrungen. Eddie Brummelmann und seine Erziehungsforscherkollegen haben es bei der soziologischen Analyse belassen: Viermal in Abständen von jeweils sechs Monaten wurden 565 Kinder und ihre Eltern im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren befragt. So war bei dem einen oder der anderen die kindliche Narzissten-Karriere vom zarten Aufkeimen, selbstverliebter Gedanken bis zur manifesten Fixierung schwerst eogozentrischer Wesenszüge zielsicher zu erkennen. Die entscheidende Frage lautete eben: Wer verrät sich zuerst? Wenn also die Kinder ihr Kreuzchen schon früh hinter  so unkomplizierte Behauptungen machten wie „Ich bin allen anderen überlegen“ oder „Kinder wie ich verdienen etwas Besonderes“, dann waren sie schon gleich ertappt. Und wenn dann noch die Eltern auf dem Fragebogen verräterische Spuren hinterließen von der Art „Mein Kind verdient eine bevorzugte Behandlung“ wußten die Kinderpsychologen im Forscherteam selbstverständlich sofort, woher der Wind weht: Die Eltern überbewerten ihr Kind radikal. Und wer ständig eingetrichtert bekommt, dass er der geborene Überflieger ist, glaubt irgendwann selbst dran. So einfach ist das. Und um ganz sicher zu gehen, dass solcherart Erziehung auch tatsächlich die narzisstische Persönlichkeit formt, und die Kinder nicht etwa nur die narzisstische Persönlichkeit der Eltern billig kopieren, hat man eben auch genau hingeschaut: Unter den aktiven Narzissmus-Erziehern waren tatsächlich auch solche, die sich selbst kein bisschen als selbstverliebt einschätzen.

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