http://www.faz.net/-gwz-8d4wb

El Niño, ein Satan

Von JOACHIM MÜLLER-JUNG

06.02.2016 - Es ist eine historische Wetteranomalie in einer ohnehin aufgeheizten Welt, der Planet wird durchgeschüttelt von Dürren und Fluten. Es trifft viele Millionen, nur wenige haben Grund zur Hoffnung. Lesen und sehen Sie, wie unsere Korrespondenten rund um den Globus diese Zeit erleben.

© NASA

Das Schlimmste kommt noch. Das „Christkind“ - El Niño - hat die Welt seit ein paar Monaten im Schwitzkasten, der Höhepunkt des natürlichen Klimaphänomens ist erreicht. Doch im tropischen Pazifik brodelt es weiter, bis zum Sommer mindestens. An die drei Grad wärmer als normal (rot bis weiß in der nebenstehenden Animation) waren die Wassermassen, die sich durch die Ostwinde wie eine Art Klimaschaukel von der asiatischen zur südamerikanischen Küste verlagert haben und gewaltige Energien freisetzen - Wärme, die die Luftströmungen und damit das Wetter rund um den Globus verändern. El Niño 2015/16 gilt längst als eine der größten Anomalien der letzten sechzig Jahre. Es gab schon Überflutungen, zerstörerische Pazifik-Taifune und Trockenheit. Die Folgen freilich bekommen Abermillionen erst noch zu spüren. Historische Dürren kündigen sich in Dutzenden Ländern am Äquator an, in Äthiopien etwa, wo Ernteausfälle 15 Millionen Menschen akut bedrohen oder in Papua Neuguinea, wo fast drei Millionen bereits hungern. Wir halten Sie an dieser Stelle mit täglichen Kurznachrichten von Betroffenen und ihren Bildern rund um den Globus auf dem Laufenden.

Lateinamerika: Höllische Fluten und teuflische Dürren Von MATTHIAS RÜB

São Paulo, 20. Januar. Das „Christkind“ (El Nino) zeigte sich pünktlich zu Weihnachten - mit verheerenden Überschwemmungen. Rund 170000 Menschen mussten im Dreiländereck von Brasilien, Paraguay und Argentinien sowie weiter südlich in Uruguay die Feiertage in Notunterkünften oder bei Verwandten und Freunden verbringen. Es waren die schlimmsten Überflutungen seit Menschengedenken, hervorgerufen durch Niederschläge, die in den Monaten November und Dezember 150 bis 300 Millimeter über dem Durchschnitt lagen. Die Flüsse Paraguay und Paraná, Uruguay und Cuareim traten so weit über ihre Ufer, dass sich ganze Seenlandschaften brauner Wassermassen bildeten. Am schlimmsten betroffen waren der brasilianische Bundesstaat Rio Grande do Sul, der Süden Paraguays sowie die argentinischen Nordprovinzen Chaco, Corrientes und vor allem Entre Ríos.

Am Wasserkraftwerk Itaipú, das die Nachbarländer Brasilien und Paraguay seit 1984 gemeinsam betreiben, mussten die Ingenieure alle verfügbaren Schleusentore öffnen, um das bedrohlich hoch aufgestaute Wasser des Grenzflusses Paraná abzulassen.

Die meisten Klima- und Umweltforscher sind sich einig, dass die katastrophalen Überschwemmungen im Süden Lateinamerikas zur Weihnachtszeit 2015 nicht nur „El Niño“ geschuldet sind, sondern auch der fortgesetzten Abholzung. Zwar dürfte das Wetterphänomen, das alle zwei bis sieben Jahre aufritt, in den Jahren 2015/16 noch heftiger ausfallen als in der bisher extremsten Saison von 1997/98. Doch der Verlust von Waldflächen verschärft die Folgen von starken Niederschlägen. „Wälder sind natürliche Schwämme und Regenschirme. Wenn wir immer mehr Waldflächen verlieren, machen wir uns bei starken Regenfällen anfällig für schwere Überflutungen“, sagt Hernán Giardini von „Greenpeace“ Brasilien.

Rio Paraguay, 24. Januar 2014, 12. Januar 2016
© NASA

Den Überschwemmungen im südlichen Teil Lateinamerikas stehen Trockenheit und Dürre im Zentrum und im Norden des Halbkontinents bis zur Karibik gegenüber. Wegen seiner kontinentalen Ausdehnung bekommt Brasilien beide Phänomene von „El Niño“ innerhalb seiner Landesgrenzen zu spüren. Im zentralbrasilianischen Bundesstaat Mato Grosso, Kornkammer und Sojahochburg des Landes, fehlt es an Niederschlag für die Aussaat. Unter einer schweren Dürre leiden gar die Bundesstaaten Maranhão, Tocantins, Piauí und Bahia im Nordosten des Landes. Der Wassermangel wird zu deutlichen Einbußen bei der Weizenernte und zumal bei der Sojaproduktion führen. Bei der Kakaoproduktion wird heuer mit zehn Prozent weniger Ertrag im Vergleich zum Vorjahr gerechnet. Einbußen wird es auch bei der Zuckerrohrernte geben.

In Kolumbien hat Präsident Juan Manuel Santos die Bevölkerung dringend zum äußerst sparsamen Umgang mit Wasser aufgerufen. „El Niño wird bis Juni dauern“, sagte der Präsident am 13. Januar voraus und warnte zugleich, dass sich die Auswirkungen des Wetterphänomens „von jetzt bis März unglücklicherweise noch verschlimmern werden“. Besonders stark betroffen sind die Anden-Region des Landes und die Küstenregion an der Karibik. Es wird bis Mai mit Temperaturen zwischen zwei und fünf Grad über den Durchschnittswerten gerechnet, Spitzenwerte von mehr als 40 Grad werden erwartet. Die Niederschläge sollen dagegen um 40 bis 50 Prozent unter dem Mittelwert liegen. Schon Mitte Januar litten gut 300 der insgesamt tausend Städte und Gemeinden Kolumbiens unter Wassermangel. In manchen Regionen im Andenbergland und an der Karibikküste wurde schon der Notstand ausgerufen. Es gab viele Wald- und Buschbrände.

  • Reuters 20. Dezember 2015, Asuncion. 100.000 Menschen mussten nach wochenlangen schweren Regenfällen ihre Häuser verlassen.
  • © Picture-Alliance 16. Januar, Chosica: Peruanische Arbeiter in der Provinz Lima errichten provisorische Barrieren gegen die in den Fluten erwarteten Trümmerteile.
  • © AFP 29. Dezember, Concordia: Hochwasseropfer in der argentinischen Provinz Rios.
  • © Reuters 14. Januar, am Magdalena-Fluss nahe Honda. Der kolumbianische Fischer Gabriel Barreto muss der anhaltenden Trockenheit Tribut zollen.
  • © AP 12. Januar, Untavi. Der Poopo-See nahe der bolivianischen Stadt ist großteils ausgetrocknet, El Nino beschleunigt den Prozess noch.

In Caracas stellte der venezolanische Wasserminister Ernesto Paiva am 19. Januar einen „außerordentlichen Plan“ zur Bewältigung der Wasserknappheit vor. Der Plan umfasst die Rationierung der Trinkwasserversorgung, Kampagnen zum Wassersparen und ein Programm zur Reparatur leckender Wasserleitungen. Venezuela leidet seit drei Jahren unter einer Dürre, in neun der 24 Bundesstaaten wird die Lage schon seit 2014 als extrem oder kritisch eingestuft. Die Auswirkungen von El Niño werden das Land an der Karibikküste Südamerikas noch weiter austrocknen. Die Pegelstände in den 18 größten Wasserspeichers Venezuelas seien schon jetzt „der roten Linie sehr nah“, sagte der Minister. Für die Hauptstadt Caracas kündigte Paiva die Rationierung der Wasserversorgung an fünf bis sechs Tagen der Woche an: Dann wird nur in den Morgenstunden Wasser aus dem geöffneten Hahn fließen.

Kaum besser sieht es in der Karibik und in Mittelamerika aus – von der Dominikanischen Republik und Haiti auf der Insel Hispaniola über Jamaika bis nach Guatemala und Honduras. Die EU hat 125 Millionen Euro für Soforthilfemaßnahmen in der Region zur Verfügung gestellt. Viel spricht dafür, dass die Schäden weit höher liegen werden. In Brasilien wird El Niño noch einen weiteren gefährlichen Nebeneffekt haben: Nach Angaben der Meteorologen wird es 2016 rund zwanzig Prozent mehr Blitzschläge als im Vorjahr geben.

© eskp.de/CC BY Schematische Darstellung der El Niño-Wetterlage

Südostasien: Moore brennen, die Luft steht schwarz Von CHRISTOPH HEIN

Singapur, 18. Januar. Nie zuvor fielen die Reaktionen auf den Umweltfrevel der Indonesier so harsch aus, wie in den vergangenen Wochen. Plantagenkonzerne und ihre Handlanger brennen immer vor der Regenzeit ihre Felder ab, um Platz für neue Monokulturen zu schaffen. Im Herbst 2015 aber waren die Folgen besonders bitter: Das Wetterphänomen El Niño, das zur Erwärmung des Pazifiks führt, verschärfte die Lage deutlich. Denn die Trockenheit und damit die Brandgefahr sind durch die anhaltende Hitze in der ganzen Region gestiegen. Und El Niño sorgte dafür, dass auch in den späten Monaten des Jahres kein Regen fiel, der die schwelenden Feuer hätte löschen können. Der Klimawandel mit einer Erwärmung könnte das Brennen der Torfböden auch in diesem Jahr zu einer noch größeren Katastrophe werden lassen. Beim ebenfalls extrem starken El Niño 1997/98, in den Jahren der Asienkrise, summierten sich die Schäden auf mehr als 100 Milliarden Dollar. Es kam zu zehntausenden Todesopfern rund um den Pazifik, schätzen Wissenschaftler.

Dabei enthält der Rauchnebel, den das Abbrennen der Wälder, Büsche und Torfflächen für die Palmöl-Industrie ab September hervorbrachte, nach Einschätzung des World Wildlife Fund (WWF) fast doppelt so viel Kohlendioxid, wie ganz Deutschland in einem ganzen Jahr ausstößt. Singapurer Wissenschaftler warnen angesichts des Haze nun vor Klimaflüchtlingen als einer nächsten Welle.

Nach Angaben des WWF haben die Palmöl- und Zellstoffkonzerne und ihre Handlanger in Indonesien „mindestens 1,7 Millionen Hektar Wald seit Juni vernichtet, was etwas mehr als der Fläche Thüringens entspricht“. Allein die Feuer hätten Treibhausgas-Emissionen von rund 1,7 Milliarden Tonnen produziert. Als Folge sei Indonesien nach China, den USA und Indien nun das Land mit den vierthöchsten Kohlendioxid-Emissionen der Erde. Über 40 Millionen Menschen waren dem Rauch allein in Indonesien ausgesetzt, über eine halbe Million erlitten schwere Atemwegserkrankungen, mindestens zehn Menschen starben. Die Haze-Wolke überdeckte Monate lang Singapur und Malaysia und erreichte auch Thailand und selbst die fast drei Flugstunden entfernt liegenden Philippinen.

Die menschen-gemachte Katastrophe brachte die Wissenschaftler Alan Chong und Tamara Nair von der Nanyang Technological University in Singapur dazu, ein Bild des Klimaflüchtlings zu entwerfen. „Wir werden mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit nach in Zukunft Tausende sehen, die aufgrund widrigen Wetters in ihren eigenen Ländern oder über die Grenzen hinweg wandern“, warnen die Wissenschaftler. „Die Brände in Indonesien im vergangenen Jahr könnten ein Vorbote sein.“ Sie fordern: „Wir müssen uns vorbereiten auf solche Formen der Evakuierung, Instandsetzung und Rückintegration auf nationaler und sogar regionaler Ebene.“

Angesichts von Evakuierungsplanungen der indonesischen Regierung warnen die Singapurer Wissenschaftler nun vor möglichen gesellschaftlichen Folgen des Frevels: „Wenn Evakuierungen von Bewohnern von Dörfern und Städten angeordnet werden, steht der Feind meist schon vor den Toren. Man denkt bei solchen Sätzen an Syrien, Afghanistan oder den Nordirak. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür steigt in Südostasien. Die tödliche Gefahr vor dem Tor ist kein Eindringling und kein Terrorist. Es ist die Umweltvergiftung.“

Die indonesische Regierung lässt das augenscheinlich relativ kalt: Während der Präsident das Thema Haze auf die Tagesordnung gesetzt hat, erklärte sein Vize Jusuf Kalla lächelnd, er hoffe, dass die Regierungen darauf einigten, gemeinsam für eine Wiederaufforstung des Regenwaldes zu zahlen, den Indonesien in den vergangenen Jahrzehnten ganz bewusst abgebrannt hat.

  • © Reuters 15. September 2015, Sumatra: Die Palmölernte bricht in den kommenden wegen El Nino um mehr als ein Fünftel ein.
  • © Reuters 28. Oktober, Süd-Kalimantan: Die Luft ist von den brennenden Torffeldern außerhalb Banjarmasins mit Smog und Partikeln gefüllt.
  • © DPA 3. Dezember, Zentral-Kalimantan: Von Bränden zerstörte, über Monate ausgedörrte Wälder.
  • © Picture-Alliance 1. Juli, Quingijang in Ostchina: Die Regierung rechnet die 108 Flutopfer in der Jiangxi-Provinz bereits den El-Nino-Wetterextremen zu.

China: Ohne Wind droht der Smogalarm Von PETRA KOLONKO

Peking, 20. Januar. China hat im vergangenen Jahr die höchsten Temperaturen seit 1951 gemessen, dem Jahr in dem die offiziellen Wetteraufzeichnungen begannen. Chinesische Metereologen glauben, dass die EL Nino -Erwärmung für die Zunahme des Smogs in Zentral- und Ostchina, und im südchinesischen Perlfluß- Delta mit verantwortlich ist.

Landesweit gab es in der Volksrepublik China im vergangenen Jahr elf Perioden länger andauernden Smogs. Am schlimmsten waren die nordchinesischen Regionen und die Provinz Hebei mit den Metropolen Peking und Tianjin betroffen. Dort gab es im vergangenen November und Dezember gleich vier längere Perioden gesundheitsgefährdenden Smogs.

Die Feinstaubwerte lagen über Tage „jenseits der Messskala“, die bei 500 Mikrogramm pro Kubikmeter endet. So wurden in der nordchinesischen Industriestadt Shenyang im November Werte von über 1200 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen. Die Weltgesundheitsorganisation hält gerade einmal 25 Mikrogramm pro Kubikmeter für akzeptabel.

Die Pekinger Stadtverwaltung gab im November zum ersten Mal in der Geschichte eine „rote Warnung“ wegen einer andauernden Smoglage aus, im Dezember folgte gleich eine zweite. Bei Warnstufe Rot treten in der Hauptstadt Fahrverbote in Kraft, einige Fabriken werden geschlossen und die Schulen werden angehalten, den Unterricht einzustellen. Aber auch in Südchina hat in diesem Winter der Smog zugenommen. Dort waren die Temperaturen höher als normal und es gab nur wenig Wind.

Zhou Bin vom Staatlichen chinesischen Wetteramt glaubt, dass Klimafaktoren dazu führten, dass sich die Staubpartikel in der Luft nicht verteilen konnten. Der Hauptgrund für den Smog seien zwar immer noch die Emissionen, sagt er der „Beijing News“, aber der Klimawandel habe den Temperaturunterschied zwischen Nord- und Südchina verringert und das führe dazu, dass es weniger Wind gibt. El Nino habe dazu geführt, dass windstille Perioden in den letzten zehn Jahren um 55 Prozent zugenommen.

Das heißt, es gab im Vergleich zu anderen Jahren weniger Wind. Die durchschnittliche Windgeschwindigkeit erreichte im November 2015 nur 1.8 Meter pro Sekunde. Seit November hat es 44 Tage mit einer Windgeschwindigkeit von unter 2 Meter pro Sekunde gegeben. Ohne Wind bleibt der Smog länger über China.

Für dieses Frühjahr rechnen die Meterologen damit, dass es in Südchina mehr Regen geben wird, während die Trockenheit im Norden noch zunehmen wird. Metereologen fordern die südchinesischen Provinzen auf, sich auf mehr Fluten und Erdrutsche einzustellen.

Afrika: Die Ernten verderben, Preise steigen Von THOMAS SCHEEN

Johannesburg, im Januar. Immer mittwochs ist Großkampftag in Senekal. Dann kommt der Tanklastwagen aus der nächsten größeren Stadt. Zu hunderten stehen die Wassereimer aufgereiht an der staubigen Hauptstraße der 8000-Seelen-Gemeinde, argwöhnisch bewacht von ihren Besitzern. Seit zwei Jahren leben die Bewohner von Senekal mit dem Trinkwasser aus dem Lastwagen. Solange ist es her, dass die marode Wasserversorgung ihren Geist aufgegeben hat, weil die Pumpen versagten und die Leitungen durchgerostet waren. Das ist nichts Ungewöhnliches in Südafrika, dem Land des alles umfassenden Schlendrians und der gebrochenen politischen Versprechungen. Doch neuerdings sind die Fahrer der Tanklastwagen knauserig geworden. 50 Liter Wasser geben sie noch pro Haushalt ab, mehr nicht. Damit müssen die Familien eine Woche auskommen. „Damit koche ich, wasche ich und trinken müssen wir ja auch“, sagt Precious Mchunu, die fünf kleine Kinder zu versorgen hat. 50 Liter, mehr nicht.

Der Grund für diese Beschränkung erklärt sich mit leeren Staudämmen im ganzen Land und einem Blick auf die benachbarten Felder. Dort bauen Großbauern Mais an und Weizen. Es sind riesige Felder, die bis an den Horizont reichen und um diese Jahreszeit, am Ende des südafrikanischen Winters, grün und feucht schillern müssten. Stattdessen ist die bestimmende Farbe ein dunkles Rostbraun und immer, wenn sich ein Lüftchen rührt, steigt vom Acker eine mächtige Staubfahne in den Himmel.

Südafrika erlebt zurzeit die härteste Dürre seit Mitte der neunziger Jahre. Manche sagen sogar, die gegenwärtige Trockenheit sei schlimmer als im Jahr 1983, die bislang alle Rekorde hielt. Verantwortlich dafür soll das Wetterphänomen El Niño sein, das für heftige Niederschläge an der afrikanischen Ostküste sorgt, die dann an Westküste fehlen. In Südafrika hat es beispielsweise seit Anfang November nicht mehr geregnet, während die Temperaturen auf 40 Grad und mehr kletterten. Die Konsequenzen für die Landwirtschaft und damit für die Ernährungssicherheit der Menschen sind verheerend. Beispiel Mais. Was anderswo als Viehfutter Verwendungen findet, wenn es nicht direkt in einer Biogasanlage endet, ist im südlichen Afrika Grundnahrungsmittel. Aus ihm wird Pap angerührt, ein nahrhafter Maisbrei, der täglich auf afrikanischen Tellern landet. Nahezu die Hälfte des in Südafrika angebauten Mais ist so genannter weißer Mais, der für den Verzehr vorgesehen ist. Der Rest ist gelber Mais für Tierfutter. Üblicherweise liegen die Erntebeträge für beide Maissorten zusammen bei elf Millionen Tonnen im Jahr. In diesem Jahr aber rechnet der südafrikanische Bauernverband AgriSA mit einer Ernte von bestenfalls 4,7 Millionen Tonnen. Hinzu kommt, dass die anhaltende Trockenheit das Säen neuer Maispflanzen bislang verhindert hat. Laut AgrSA sind gegenwärtig bestenfalls 1,3 Millionen Hektar bepflanzt worden. Üblich sind 2,6 Millionen Hektar. In ihrer Verzweiflung säen viele Bauern angesichts der kleinen Regenschauer in den vergangenen sechs Tagen inzwischen schnellwachsende Sonnenblumen, um im kommenden Dezember irgendetwas ernten und verkaufen zu können. Das löst aber nicht das sich abzeichnende Ernährungsproblem, zumal die Viehzüchter ebenso unter der Trockenheit leiden wie die Getreidefarmer. In den besonders von der Trockenheit betroffenen Provinzen KwaZulu-Natal und Limpopo sind inzwischen 40.000 Stück Vieh verdurstet.

Vier Regionen in Südafrika wurden inzwischen von der Regierung zu Notstandsgebieten erklärt, die Lebensmittelieferungen, Trinkwasser und auch Viehfutter benötigen. Will die Regierung einen massenhaften Bankrott von Farmen und damit eine dauerhafte Lebensmittelkrise verhindern, wird sie nach Angaben von AgriSA bis zu 20 Milliarden Rand (1,2 Milliarden Euro) Soforthilfe leisten müssen. Das klingt nicht nach zu viel, muss aber vor dem Hintergrund der dringend nötigen Investitionen in die Wasserinfrastruktur gesehen werden. 700 Milliarden Rand (38,8 Milliarden Euro) sind nach Schätzungen verschiedener Ministerien erforderlich, um solche Zustände wie in Senekal abzustellen. Denn auch ohne El Niño sitzt Südafrika auf dem Trockenen. Sechs Megastaudämme, von denen der Katse-Staudamm im Nachbarland Lesotho der wichtigste ist, sichern die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser. Dieses System wurde einst für eine Einwohnerzahl von 38 Millionen Menschen entworfen. Inzwischen aber beherbergt Südafrika 52 Millionen Menschen. In Lesotho sollen zwei zusätzliche Stauseen errichtet werden, im Limpopo soll ein weiterer Mega-Damm gebaut werden. Hinzu kommen hohe Investitionen in die maroden Leitungen. Alleine in der Provinz Gauteng wird der Verlust durch verrostete und leckende Leitungen auf 30 Prozent des gesamten Wasserbedarfs geschätzt. Bis zur Fertigstellung aller Bauvorhaben wird der jährliche Wasserfehlbedarf auf 17 Prozent geschätzt, was Bevölkerung aber nicht daran hindert, Wasser zu verschwenden, als gebe es kein Morgen. Da werden bei Bullenhitze die Swimmingpools neu befüllt, der Rasen gesprengt und das Auto angesichts des allgegenwärtigen Staubs täglich gewaschen. In öffentlichen Einrichtungen, an Tankstellen und in Restaurants sprudelnde Wasserhähne vorzufinden, ist völlig normal. Dieser sorglose Umgang hat in Verbindung mit den durch El Niño verursachten hohen Temperaturen dafür gesorgt, dass die Stauseen heute leer sind. Vor einer Erhöhung der Wasserpreise aber schreckt die südafrikanische Regierung aber angesichts der zu erwartenden Proteste bislang zurück, zumal die schlechten Ernten in diesem Jahr ohnehin schwer auf das Portemonnaie drücken werden.

  • © AP 26. Januar 2016, Ernteausfall: Hamed Dawud, Agrarinspektor der Megenta-Region im Norden Äthiopiens, begutachtet die Felder.
  • © AFP Äthiopiens Hungerkatastrophe: 50-90 Prozent der Ernten sind akut bedroht, zwei Millionen Bauern benötigen laut FAO dringend Hilfe.
  • © Reuters 21. Januar, Mavingo in Simbabwe: Die FAO fürchtet, dass bis zu 14 Millionen Menschen in Südafrika weiter hungern müssen.
  • © Reuters 28. Januar, historische Dürre in Mafikeng, Südafrika: Der Kadaver einer Kuh am Dorfrand von Disaneng.
  • © Reuters 20. Januar, am Rande von Harare. Allein in Simbabwe können 1,5 Millionen Menschen nicht ausreichend ernährt werden.

Gegenwärtig lagern in den Silos der südafrikanischen Genossenschaften rund eine Million Tonnen weißer Mais und rund 380.000 Tonnen gelber Mais aus der Vorjahresernte. Monatlich werden rund 360.000 Tonnen weißer Mais als Lebensmittel konsumiert, womit die Reserven in drei Monaten aufgebraucht sein werden. Rechnet man die diesjährige Ernte hinzu, ist in acht Monaten Schluss. Beim gelben Mais, dem Tierfutter, ist die Situation noch dramatischer. Davon werden rund 500.000 Tonnen monatlich verbraucht. Das heißt, die Viehzüchter müssten spätestens im Juni anfangen, Mais zu importieren.

Dabei hat sich der Preis für weißen Mais an der Johannesburger Warenterminbörse zwischen Januar 2015 und Januar 2016 bereits verdoppelt. Der für gelben Mais zog um 63 Prozent an. Mittlerweile ist von einer erneuten Preissteigerung von bis zu 30 Prozent bis Jahresmitte die Rede. Das wird die Inflation beschleunigen und die Landeswährung Rand, die ohnehin auf einem historischen Tiefpunkt gefallen ist, zusätzlich unter Druck setzen. Die Folge werden drastische Preissteigerungen nicht nur für das Grundnahrungsmittel Mais, sondern auch für Fleisch und Geflügel sein. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nation (WFP) geht davon aus, dass diese Preissteigerungen derart dramatisch ausfallen werden, dass zehn Prozent der 277 Millionen Einwohner der 15 Nationen des südlichen Afrika nicht mehr in der Lage sein werden, sich selbst zu ernähren und deshalb Lebensmittelhilfe angewiesen sein werden.

Das Gros dieser Bedürftigen wird allerdings nicht in Südafrika, sondern in Zimbabwe zu finden sein. Früher einmal wurde Zimbabwe die „Kornkammer Afrikas“ genannt, bis Präsident Robert Mugabe im Jahr 2000 anfing, weiße Farmer zu enteignen und damit der eigenen Wirtschaft das Rückgrat brach. Heute liegt die Leistung der zimbabwischen Landwirtschaft bei etwa zehn Prozent früherer Ernten und die Trockenheit hat auch diese noch zunichte gemacht. 700.000 Tonnen Mais muss Zimbabwe nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in diesem Jahr importieren. Südafrika wird aufgrund der eigenen Engpässe nicht liefern können. Deshalb will sich Harare an Sambia wenden, wo der Preis für weißen Mais gerade um 17 Prozent angehoben wurde und die gesamte Ernte eigentlich schon nach Kongo und nach Tansania verkauft wurde. Die zimbabwischen Getreidemühlen haben an die Regierung appelliert, ihnen den Kauf von Mais in Brasilien und Argentinien zu gestatten. Das wurde abgelehnt, weil dem Staat die Devisen fehlen. Zimbabwe, so scheint es, steht wieder einmal vor einer Hungersnot.

Nordamerika: Zwischen Hoffnung und Schlammlawinen Von HORST RADEMACHER

San Francisco, 18. Januar. Auf den Fotos, die Wettersatelliten am Wochenende von der amerikanischen Westküste aufnahmen, ist etwas ganz besonderes zu sehen: Von der kanadischen Grenze im Norden bis nach Mexiko hinein ist es ohne Unterbrechung bedeckt. Zwischen dem Puget Sound im Bundesstaat Washington und der San Diego Bay im äußersten Süden Kaliforniens gibt es derzeit an Wetter nichts anderes als Wolken, Regen und in den Bergen Schnee. Was anderswo vor allem im Winter nur ein müdes Lächeln hervorruft, nämlich eine über eine Entfernung von 2000 Kilometer geschlossene Wolkendecke, hat hier eine anregende, ja geradezu befreiende Wirkung. Ist endlich das Ende der seit fünf Jahre anhaltenden Dürre in Kalifornien in Sicht?

Nehmen wir zum Beispiel die Familie Twisselmann. Seit Generationen bewirtschaftet sie eine Farm gut 60 Kilometer östlich von Paso Robles in Zentralkalifornien. Was vor Jahrzehnten noch ein beschauliches Dorf war, konkurriert jetzt mit dem Napa Valley um die Gunst wohlhabender Weinliebhaber. In Paso Robles gibt es viele teure Restaurants, sündhaft elegante Boutique-Hotels und die üblichen Weintouren, in denen die vergorenen Traubenprodukte der eigens für Paso Robles geschaffenen Appelation verköstigt werden.

Mit diesem ganzen Rummel haben die Twisselmanns aber nichts zu tun. Ihre Farm liegt auf den Höhen der Diablo Range, einem Gebirgszug, der das kalifornische Küstengebirge mit seinen Weinfeldern vom riesigen Zentraltal trennt. In diese Gegend verirrt sich kaum ein Kalifornier und Touristen kommen hier schon garnicht hin. Wer hier oben auf 600 Metern Höhe Landwirtschaft betreiben will, muss hart im Nehmen sein. Im Gegensatz zu den Bauern im Zentraltal, verfügt nämlich kein Landwirt auf den Höhen der Diablo Range über eine Bewässerung. Dry Farming heißt das hier und das Getreide gedeiht nur, wenn es im Winter und Frühjahr ordentlich regnet.

Ray Twisselmann, der Patriarch der Familie, strahlt, als wir ihn besuchen. Vier Jahre verdorrte jeweils schon im Frühjahr die junge Wintergerste auf seinen Feldern, weil es viel zu wenig Regen gab. Aber jetzt sind die Felder grün und das Getreide wächst wie seit Jahren nicht mehr. Endlich, so hofft Twisselmann, werde er in diesem Frühsommer seine als organisch eingestufte Gerste an Rinderfarmen in Nordkalifornien verkaufen können. El Niño sei Dank, sagt er und hofft, dass die verfluchte, seit fünf Jahren anhaltende Dürre endlich ein Ende hat.

  • AP 6. Januar 2016, San Luis Obispo: Ein schwerer Sturm hat dieses mobile Haus schwer beschädigt, die Inhaber blieben unverletzt.
  • AFP 12. Januar, Mondos Beach. An der kalifornischen Küste gab es schon zahlreiche schwere Stürme zum Jahresbeginn.
  • Reuters 6. Januar, Los Angeleles: Nach jahrelanger Trockenheit fällt inzwischen reichlich Niederschlag in Mittel- und Nordkalifornien.
  • Reuters 19. Januar. Sturmopfer in Index im nordwestlichen Bundesstaat Washington.
  • AFP 26. Januar. Pacifica. Die gewaltigen Wassermassen und Stürme erodieren die kalifornische Küste.
  • AP 7. Januar, Catalina: In der Stadt im Wüstenstaat Arizona gab es einen der seltenen Schneestürme.

Ganz anders denkt Sandi Cates über den El Niño. Sie lebt nicht weit von Fresno im Dorf Squaw Valley im Vorgebirge der Sierra Nevada. In ihrer Freizeit engagiert sie sich mit anderen Freiwilligen bei der örtlichen Feuerwehr. Sie hilft beim Spendensammeln und berät Hausbesitzer, wie sie sich am besten gegen die Waldbrände schützen können, welche die bewaldeten Teile Kaliforniens in jedem Sommer heimsuchen. Als im vergangenen August und September das Rough Fire, einer der größten Waldbrände in der Geschichte Kaliforniens, im Landkreis Fresno wütete, half Sandi Cates die zeitweise mehr als 2500 Feuerwehrleute zu versorgen, die auf dem Rodeogelände im Dorf campierten.

Nun steht Frau Cates wieder in einer kleinen Hütte auf dem Gelände. Heute verteilt sie aber kein Essen und keine Zelte. Vielmehr händigt sie schwere Plastiksäcke aus, die die Bewohner der Gegend mit Sand füllen. Diese Sandsäcke sind der Schutz gegen Hangrutschungen, die es nach den heftigen Regenfällen der letzten Tage überall in der Gegend gab. Der Waldbrand hat den Pflanzenbewuchs, der sonst bei Niederschlag das Erdreich an den Berghängen zusammenhält, völlig vernichtet. Weil der Boden nun keinen Halt mehr findet, kommt er ins Rutschen, wenn er einmal mit Wasser gesättigt ist. El Niño, so sagt Sandi Cates, sei Teufelswerk, denn nun müssten alle von den Waldbrände ohnehin gebeutelten Gemeinde mit weiteren Unbilden der Natur rechnen und sich gegen Hangrutsche und Schlammlawinen wappnen. Wasser fällt in diesen Tagen in Kalifornien tatsächlich genug vom Himmel. Allein in Fresno, einer der im Durchschnitt trockensten Großstädte in diesem Bundesstaat, hat es in den ersten zwei Wochen des neuen Jahres fast soviel geregnet wie sonst in einem ganzen Jahr. Und endlich wird auch die Sierra Nevada wieder ihrem Namen gerecht, der im Spanischen „verschneite Bergkette“ bedeutet. In diesem Winter sind nämlich nicht nur die Gipfel, sondern auch die Täler in dem mächtigen granitischen Gebirge wieder einmal weiß von Schnee.

El Niño führt zu Überflutungen am Mississippi (Bild rechts: Januar 2016)
© NASA

Australien: Giftige Seeschlangen treibt es an die Strände Von TILL FÄHNDERS

Sydney, im Januar. Kaum ein Kontinent kennt Temperaturextreme so gut wie Australien, trotzdem fällt die Hitze, die sich in den Sommermonaten aufgebaut hat, schon jetzt aus dem Rahmen.

Der Fünfte Kontinent erlebte dank El Niño das heißeste Jahresende seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Zwischen Oktober und Dezember stieg das Thermometer um 0,36 Grad höher als die bisher höchste Durchschnittstemperatur für diesen Zeitraum. Das Gesamtjahr 2015 war 0,83 Grad heißer als ein Durchschnittsjahr und damit das fünftheißeste Jahr überhaupt. Die Folgen waren Dürre, schlechte Ernte und verheerende Buschfeuer. Das Wetterphänomen wird auch dafür verantwortlich gemacht, dass plötzlich giftige Seeschlangen an Stränden auftauchten, an denen sie sonst wegen des eher kühlen Wassers nicht üblich sind.

Trotz zunehmend extremer Wetterbedingungen gehört Australien beim Klimaschutz aber nicht zu den Vorreitern, sondern zu den Bremsern. Nachdem die Regierung eine Kohlendioxidsteuer abgeschafft hat, steigen die Emissionen wieder. Das Kernproblem: Die Wirtschaft „down under“ ist in hohem Maße von Bodenschätzen abhängig. Australien ist der größte Kohleexporteur der Welt. Davon abgesehen bemühen sich die Behörden, die Gefahr weiterer Busch- und Waldbrände zu verhindern. Verschiedene Bundesstaaten haben auch schon das Feuermachen unter freiem Himmel verboten.

Korallenbleiche im Südpazifik, Dezember 2014, Februar 2016
© AP

Wetterbedingungen in Echtzeit Hier können Sie die aktuellen Windströmungen auf dem Globus verfolgen:

Verfolgen Sie die Entwicklung El Ninos in unserem Live-Blog

Inhalte werden geladen.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 06.02.2016 12:26 Uhr