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Zukunftsträume : Wir und der Mond

Die Nacht war ein Desaster, eine Enttäuschung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Ich saß ganz nah vor dem Schwarzweißfernseher. Ich sah so gut wie nichts, und erst als ich mich zwei Meter weiter weg aufs Sofa setzte, erkannte ich, mit Mühe, die Konturen der Männer, seltsam unscharfe Bilder; plump sahen Armstrong und Aldrin aus in ihren dicken Raumanzügen, und zugleich ähnelten sie Gespenstern, wie sie äußerst billige special effects entstehen lassen, durchsichtig, verschwommen, nicht ganz echt. Und der Ton war völlig unverständlich. Ich hatte im Winter Jules Vernes „Von der Erde zum Mond“ gelesen, den Roman, in dem, von Baltimore aus, eine bemannte Kanonenkugel zum Mond geschossen wird, und genau so kam mir jetzt die Mondlandung vor: altmodisch, nicht auf der Höhe dessen, was die Zukunft uns versprochen hatte, fast schon dampfgetrieben in all der Langsamkeit und Umständlichkeit.

Zu früh, zu spät? - jedenfalls unpassend

Jener kleine Schritt, den Neil Armstrong als großen Sprung für die Menschheit bezeichnete, jene Landung auf dem Mond, die Wernher von Braun am Tag vor dem Start der Mission in ihrer Bedeutung nur noch vergleichen wollte mit dem fernen, naturgeschichtlichen Moment, da die ersten Tiere das Wasser verließen und sich an Land zurechtzufinden versuchten – das alles kam zu früh und zugleich zu spät; es war, als es wirklich geschah, ein einziger Anachronismus.

Die triviale Science-Fiction-Serie „Perry Rhodan“, die man, einerseits, nicht ganz ernst nehmen durfte und die doch, andererseits, nicht so übel war als Messgerät für die Heftigkeit der allgemeinen Zukunftserwartungen, diese Serie hatte, Anfang der Sechziger, den Termin der ersten Mondlandung aufs Jahr 1971 gelegt; diese Vision war also überholt worden von der Wirklichkeit. Bloß dass danach bei „Perry Rhodan“ alles ziemlich schnell gegangen war: Die Außerirdischen. Die Weltregierung. Der Aufbruch der Menschheit ins All.

Treibstoffe der Zukunft

„Wo sind die Individual-Hubschrauber, die ihr uns einst versprochen habt?“ So hat, einer populären Legende zufolge, William S. Burroughs in den Siebzigern die Frage gestellt; die Antwort war eigentlich seit der Nacht der Mondlandung bekannt. Es würde so bald keine Kolonien auf dem Mars, keine Städte unter Wasser, keine lautlos durch die Lüfte gleitenden Flugautos geben. Es kostete Mühe und vor allem Kerosin genug, zwei Menschen auf den Mond zu schießen.

Dass Kerosin, als Treibstoff für Zukunftsvisionen, längst aufgebraucht war, das hatte sich schon im April abgezeichnet, als die schwarze Softsoul-Gruppe The 5th Dimension endlich den ersten Platz der amerikanischen Charts eroberte, mit „Aquarius“, dem Hit aus dem Musical „Hair“. In diesem Song stand der Mond, unerreichbar für Wernher von Braun, im siebten Haus, da herrschte Frieden unter den Planeten, und Liebe lenkte die Sterne: „This is the dawning of the age of Aquarius, age of Aquarius . . .“ Das blieb die bestverkaufte Single des Jahres – und Ende Juli, wenn der Funkverkehr zwischen dem Mond und Houston gerade mal nichts hergab, spielten alle Radiostationen die neue Nummer eins: „In the Year 2525“, eine kitschig-pathetische Nummer, die von der Frage handelte, ob die Menschheit jenes Jahr überhaupt erleben würde.

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