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Geschichtsphilosophie : Die Rückkehr der Religion

  • -Aktualisiert am

Der Halbmond leuchtet über dem Minarett der Fatih-Moschee in Essen. Hier wurde vor zehn Jahren eine Erklärung gegen Gewalt, Terror und Diskriminierung unterschrieben. Bild: dpa

Frankreichs Präsident, ein Muslim? Wer dabei an den „Untergang des Abendlandes“ denkt, sollte wissen, was Oswald Spengler wirklich gemeint hat.

          Am Ende, wenn die Kulturen den Schritt in die Zivilisation vollzogen haben, wenn alle Materialismen verbraucht sind, werden alle Menschen wieder fromm. Auf diese Formel kann man eine zentrale Aussage von Oswald Spenglers Buch „Der Untergang des Abendlandes“ bringen. Wenn der französische Autor Michel Houellebecq jetzt anlässlich seines neuen, gerade auf Deutsch erscheinenden Romans „Unterwerfung“ von einer Rückkehr der Religion spricht, ist das mehr als nur eine oberflächliche oder zufällige Übereinstimmung mit Spenglers These.

          Ein Ideenstrom, der mit dem Protestantismus geboren wurde, seinen Höhepunkt in der Aufklärung hatte und zur Revolution führte, liege im Sterben, erklärte Houellebecq in einem Interview und fügte hinzu, dass der Atheismus ebenso wie der Säkularismus - der Religion und Politik so sicher getrennt zu haben glaubte - und die Republik bereits tot seien. Um nun zu zeigen, was das bedeutet, spielt sein Buch in der Zukunft.

          War Oswald Spengler ein Schwarzseher und Reaktionär?

          Doch Houellebecq verteufelt den Gegner der an ihr Ende gekommenen Strömung der abendländischen Aufklärung nicht. Stattdessen enttotalisiert er ihn. Schließlich ist es ein gemäßigter Vertreter des Islam, der in seinem Roman zum französischen Präsidenten gewählt wird, um Marine le Pen, die reaktionäre Kandidatin der rassistischen Rechten, am Sieg zu hindern. Auch darin kann man eine Parallele zu Spengler sehen, dem es in seiner Kulturkreistheorie nie um die Totalisierung der von ihm beschriebenen Tendenzen in den Kulturen geht.

          Das lässt sich schon an seinem Unbehagen am Titel vom „Untergang des Abendlandes“ ablesen. Denn Spengler meinte, dass „Vollendung des Abendlandes“ ein wesentlich treffenderer Ausdruck seiner Gedanken gewesen wäre. Ihm lag 1918, als der erste Band seiner großangelegten Kulturtheorie erschien, nichts an einem allgemeinen Katastrophismus. Er schrieb aus der Position eines preußischen Kulturkonservativismus, dem es um die Kritik eines fast als natürlich behaupteten Fortschrittsmodells ging, nach dem Gesellschaften scheinbar zwangsläufig zu immer höheren Zivilisationsstufen strebten und sie auch erreichten. In Deutschland sahen viele deshalb in ihm einen Schwarzseher und Reaktionär. Ein Los, das Houellebecq heute in Frankreich mit ihm teilt.

          Kulturen gehen unter, neue folgen - ist das so schlimm?

          Spengler war allerdings zu Lebzeiten weit weniger erfolgreich als Houellebecq. Schon der zweite, 1922 erschienene Band des Untergangs des Abendlandes erreichte nicht mehr die Aufmerksamkeit des ersten. Dabei enthielt erst der zweite Band die eigentliche Untergangs- beziehungsweise Vollendungsthese. Im ersten Band hatte Spengler seine weitreichende These vom pflanzenmäßigen Wachstum von Kulturen und Gesellschaften mit Beispielen aus vergangenen Hochkulturen wie der ägyptischen, indischen und aztekischen belegt, die er mit dem europäisch-nordamerikanischen Abendland verglich. Seine kulturmorphologische Methode versuchte dabei, für jede dieser Kulturen bestimmte Stadien zu identifizieren. Kulturen werden demnach wie Pflanzen aus einem Samen geboren, keimen aus, wachsen heran, geraten in ihre Blütezeit und beginnen von da an wieder zu vergehen. Im Übrigen war der Gedanke des Kulturkreises und seiner zyklischen Vergänglichkeit keineswegs neu. Dazu gab es Vorläufer in der griechischen Stoa, und selbst Nietzsches These von der ewigen Wiederkehr des Immergleichen ließ sich in Spenglers Gedankengang mühelos unterbringen.

          Wenn man den ersten Band heute liest, kann man ihn unter Auslassung einiger zeitgenössischer Formulierungen mit heiterer Gelassenheit zur Kenntnis nehmen. Natürlich gehen Kulturen irgendwann zugrunde, aber so schlimm ist das auf die lange, von Spengler entfaltete Sicht nicht unbedingt, weil auf diesen Untergang wie im Pflanzenreich immer wieder eine neue Kultur folgt. Und dass diese nun schlechter sein soll als die alte, ist in keinem Gesellschaftsnaturgesetz ausgemacht.

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