05.01.2004 · Ein Farmerssohn aus Vermont wollte ganz genau wissen, wieviele verschiedene Schneekristalle es gibt und photographierte mehr als 5.000 Stück.
Von Jörg AlbrechtDie Wettervorhersage für Jericho, Vermont sieht dieses Jahr über Silvester durchwachsen aus. Temperaturen um den Gefrierpunkt, Himmel bedeckt, windig, hin und wieder Schneeschauer. Wilson Alwyn Bentley hätte das bestimmt gefallen. Wenn einer regelrecht vernarrt in Schnee war, dann war es "Snowflake" Bentley. Es hat allerdings gedauert, bis er unter diesem Namen berühmt wurde.
Als Bentley am 9. Februar 1865 auf einer kleinen Farm sechs Meilen außerhalb von Jericho zur Welt kommt, steht der amerikanische Bürgerkrieg kurz vor seinem Ende. Hier oben in der Provinz interessiert die Menschen eher, wie sie ihre paar Kühe über den Winter bekommen. Bentley ist 14 Jahre alt, als er zum ersten Mal eine Schule von innen sieht. Seine Mutter, eine ehemalige Lehrerin, hat ihm das Nötigste schon beigebracht. Vor allem besitzt sie ein Mikroskop, was nur wenige Bürger des Staates Vermont von sich behaupten können. Statt sich am üblichen Unfug der Dorfjugend zu beteiligen, hockt Wilson monatelang in einem ungeheizten Schuppen und studiert Schneeflocken. Er versucht sie zu zeichnen, stellt aber fest, daß er nur einen schwachen Abglanz ihrer wahren Schönheit aufs Papier bringt. Er und seine Mutter überreden den Vater zum Kauf einer Balgenkamera samt Mikroobjektiv. Damit ist der Rest seines Lebens vorgezeichnet.
Erste Aufnahme 1885
Am 15. Januar 1885 gelingt Wilson Bentley die erste mikroskopische Aufnahme eines Schneekristalls. "Ich war versucht, neben dem Apparat in die Knie zu sinken", erinnert er sich später. Seine Nachbarn halten ihn für nicht ganz dicht im Kopf, sehen ihm seinen Spleen aber nach, weil er niemandem schadet und außerdem als Klarinettist in der örtlichen Blaskapelle benötigt wird. Monat für Monat und Jahr für Jahr perfektioniert Bentley seine Aufnahmetechnik. "Es ist eigentlich nicht besonders schwer", schreibt er, "allerdings braucht man eine gewisse Geduld." Sobald ein Schneeschauer naht, stellt er sich mit einem schwarzen Holztablett nach draußen, fängt eine Handvoll Flocken ein, studiert sie mit bloßem Auge, wischt die uninteressanteren mit einer Feder zur Seite und schafft die Beute in den Schuppen. Von da an muß alles schnell gehen - eine einzelne Schneeflocke hat eine Lebensdauer von wenigen Minuten, dann verdunstet sie, auch bei Minusgraden. Die Fotoplatten, die Bentley verwendet, haben andererseits eine Belichtungsdauer zwischen acht und hundert Sekunden. Anfangs schafft Bentley gerade ein Dutzend Aufnahmen pro Jahr, er wird die Ausbeute in den kommenden vier Jahrzehnten steigern - bis zum Rekord von 67 pro Tag, aufgestellt am 10. Februar 1928.
Mit dem Aufnehmen ist es allerdings nicht getan; um seine Schneeflocken weiß vor schwarzem Hintergrund zu präsentieren, ist Bentley gezwungen, jedes einzelne Negativ nachzubehandeln. Mit der Hingabe des geborenen Tüftlers kratzt er die Filmemulsion mit einem scharfen Messer längs der diffizilen Konturen des Kristalls fort, was, wie er schreibt, eine ziemlich ruhige Hand erfordert.
Veröffentlichung 1898
Der erste, der außerhalb von Jericho auf ihn aufmerksam wird, ist George Perkins von der University of Vermont. Er sorgt 1898 für eine Veröffentlichung im Popular Scientific Monthly. Fünf Dutzend weitere, darunter im National Geographic Magazine, werden folgen und machen Snowflake Bentley über Amerika hinaus bekannt. 1931 erscheint sein Lebenswerk "Snow Crystals" - mit zweitausendfünfhundert Abbildungen, die den Mikrokosmos der Schneekristalle zum ersten Mal in seiner ganzen Vielfalt erschließen. "Zierlichst genaue kleine Kostbarkeiten" schrieb beispielsweise Thomas Mann im "Zauberberg", "wie der getreueste Juwelier sie nicht minuziöser hätte darstellen können. Eine endlose Erfindungslust in der Abwandlung und allerfeinsten Ausgestaltung eines und immer desselben Grundschemas.“
Dem ist Wilson Bentley bis zum Schluß treu geblieben. Tag für Tag notiert er die Wetterbedingungen in Jericho, immer den Blick zum Himmel gerichtet. Die letzte Flocke mit der fortlaufenden Nummer 5381 fotografiert er im März, der letzte Eintrag in seinem Tagebuch stammt vom 7. Dezember 1931: "Nachmittags kalter Nordwind, Schneetreiben."
Jörg Albrecht Jahrgang 1954, verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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