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Samstag, 11. Februar 2012
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Zuckerrohr Für Caipirinha viel zu schade

11.08.2009 ·  Brasiliens Autos fahren mitunter mit Zucker. Denn aus Zuckerrohr lässt sich neben Schnaps oder eben Zucker auch hochwertiger Biosprit gewinnen. Auch für den Abfall der Pflanze findet sich Verwendung - als Kraftfutter und zur Stromproduktion.

Von Richard Friebe, Morro Agudo/Brasilien
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Im Estado de São Paulo gibt es, wie vielerorts in den Tropen und Subtropen, nur zwei Jahreszeiten. Eine, in der die Luft fast Wasser ist, und eine nicht ganz so feuchte. Hier, im küstenfernen Teil des brasilianischen Bundesstaates São Paulo, riecht diese zweite Saison dann nach Rauch; feine Asche legt sich auf Autos, Gemüsebeete und Schleimhäute bis tief in die Lungen: Zwischen Mai und Oktober brennen aber keine Regenwälder - der Amazonas-Dschungel ist 2500 Kilometer entfernt, und hier sind die einstigen Urwälder schon vor Jahrhunderten weitgehend abgeholzt worden -, sondern die Blätter des Zuckerrohrs. Wenn die Flammen sich gelegt haben, überziehen Scharen von Arbeitern die Felder, um die Rohre abzuschlagen.

Das Städtchen Morro Agudo steht ganz im Zeichen des Zuckerrohrs. In der Regenzeit ist es von der Fernstraße kaum zu sehen, weil die übermannshohen Stengel den Blick verwehren. Und in der Trockenzeit herrscht nicht selten Smog, der selbst die außerhalb gelegene, riesige Zuckermühle verbirgt. Das soll allerdings in den kommenden Jahren besser werden - wie so vieles in Brasiliens Biotreibstoffindustrie, die schon heute die effektivste der Welt ist.

Alles auf Zucker

Die Mühle von Morro Agudo steht mit ihren Förderbändern, Rohrzerkleinerern, Kochern, Fermentern, Dekantern, dem riesigen Diffusor und allerlei sonstigen Stahlbehältern, Rohren und Kesseln sozusagen auf der grünen Wiese zwischen Zuckerrohrfeldern und Viehweiden. Die Fabrik mit dem klangvollen Namen Vale de Rosario ist eine der fünf größten des Landes, in dem 1532 die ersten Setzlinge des aus Südostasien stammenden Süßgrases gepflanzt wurden. „Etwa sechs Millionen Tonnen Zuckerrohr verarbeiten wir pro Jahr“, sagt der technische Direktor der Anlage, Joel Michigami. An jedem der etwa 240 Tage in der Zuckerrohrsaison sind das 30.000 Tonnen. Daraus entstehen täglich 40.000 Fünfzig-Kilo-Säcke Zucker und 1,2 Millionen Liter hochkonzentriertes Ethanol. Dieser Alkohol endet nicht etwa im beliebten Caipirinha, sondern durchweg in Kraftstofftanks. Fast alle neu zugelassenen Pkw in Brasilien sind heute sogenannte Flex-Fuel-Cars. Sie können sowohl mit Benzin als auch mit Ethanol fahren - und tun es meist mit Letzterem, weil es billiger ist.

Über den gesamten Bundesstaat verteilt und noch darüber hinaus stehen größere und kleinere solcher Anlagen wie die von Vale de Rosario. Die Verarbeitung zentraler zu organisieren ist praktisch unmöglich, denn Zuckerrohr ist auf seine besondere Weise ein ganz und gar regionales Agrarprodukt: Wenn es einmal von Hand per Machete abgeschlagen oder von der Erntemaschine geschnitten ist, tickt seine biologische Uhr. Transportwege von mehr als dreißig Kilometern sind schon nicht mehr sinnvoll, weil dann biochemische Abbauprozesse die Sucrose im Rohr zu sehr angreifen.

Land und Leute zahlen einen hohen Preis

Die Mühlenbetreiber sind also auf Landbesitzer, Landarbeiter und nicht zuletzt das Land selbst samt den Böden in der direkten Umgebung angewiesen. Umgekehrt gilt das Gleiche: Auf andere Lieferanten oder andere Abnehmer kann keiner ausweichen. Das sollte eigentlich keine schlechte Voraussetzung für ein nachhaltiges Wirtschaften sein. Wer heute nach Brasilien fährt - und die ärmsten Gegenden wie beispielsweise weite Teile des Nordostens meidet -, dem erscheint das Land leicht als von Gott geküsst. Zwar zeigen sich längst die Auswirkungen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. Doch von Minuswachstum spricht hier noch niemand; die Itau-Bank prognostiziert für das zweite Halbjahr 2009 ein Plus des Bruttoinlandsproduktes von vier Prozent. Und anders als Europa, die Vereinigten Staaten oder China ist das Land mit natürlichen Ressourcen derart gesegnet, dass man sich mit Nahrungsmitteln, Energie und vielen Rohstoffen locker selbst versorgen kann. Und anders als in anderen von der Natur reich beschenkten Staaten wie etwa Nigeria funktioniert das hier sogar einigermaßen.

Aber der Preis, den Land und Leute dafür zahlen, ist nicht gerade klein. Die fortschreitende Abholzung von Regenwäldern, die nicht nur die heimische Ökologie und Artenvielfalt bedroht, sondern auch das Weltklima, ist nur eines von vielen Problemen. Die Bedingungen, unter denen mehr als eine Million Brasilianer alljährlich Zuckerrohr ernten müssen, sind ein anderes. Nach einer Studie des World Wide Fund For Nature aus dem Jahr 2005 haben diese Arbeiter im Vergleich mit Beschäftigten in fast allen anderen Bereichen der Landwirtschaft weltweit eine der geringsten Lebenserwartungen. Und ihr Gehalt ist oft zu niedrig, um auch nur den Kalorienverlust ausgleichen zu können, der durch die Schwerstarbeit entsteht.

Alles soll effizienter, sozialer, ökologischer werden

Allerdings ist Zuckerrohr das unumstritten beste, effektivste Ausgangsmaterial für Biosprit. Es liefert derzeit etwa das Achtfache der Energie, die in seine Produktion gesteckt wird. Mais dagegen, aus dessen Stärke die Vereinigten Staaten Ethanol herstellen, schafft es selbst bei idealen Bedingungen gerade mal auf das 1,3-Fache. Und wenn es denn nach Brasiliens Zuckerrohrbauern, den von ihnen belieferten Zuckermühlenbetreibern und brasilianischen Wissenschaftlern geht, soll in Zukunft alles noch effizienter, besser, größer und sogar sozial wie auch ökologisch verträglicher werden.

Morro Agudo ist das beste Beispiel für den Wandel in der brasilianischen Zuckerrohrwirtschaft. Die Grundbesitzer sind per Gesetz verpflichtet, das Abfackeln der Felder zu reduzieren. In sechs Jahren soll im Staat São Paulo kein Feld mehr angezündet werden. Das hält zwar kaum jemand für realistisch, aber immerhin fast jeder für wünschenswert. Was auf den ersten Blick wie eine einfache und sinnvolle Vorgabe für mehr Luftreinheit aussieht, hat zahlreiche, kaum überschaubare Folgen. Nicht nur die bewährte Düngung der Felder durch die Asche fiele dann weg: Ohne das Abflämmen der Blätter lässt sich das Zuckerrohr nicht von Hand schlagen, also müssen Vollerntemaschinen angeschafft werden. Für die Grundbesitzer bedeutet das wiederum Investitionen in vielfacher Höhe der Summe, die sie den Arbeitern bisher als Lohn auszahlten. Letztere verlieren aber selbst diese magere Verdienstmöglichkeit, wenn die Mechanisierung fortschreitet. Eine Studie, vor anderthalb Jahren von der brasilianischen Stiftung für nachhaltige Entwicklung veröffentlicht, warnt vor den sozialen Folgen dieser Intensivierung der Landwirtschaft. Denn sie trifft vor allem schlecht ausgebildete Arbeiter ohne jede Rücklagen und ohne soziales Netz.

Das meiste wird verbrannt

Die Fabrik Vale de Rosario hat sich bereits dem Prozess angepasst und besitzt gleich vier Eingangstore: zwei, durch die handgeerntetes Rohr geliefert wird, und zwei, die das maschinell geschnittene in Empfang nehmen können. Die Biomasse, die sonst als Asche auf dem Feld blieb, lässt sich auch anders verwenden. Ohnehin besteht ein Großteil von Saccharum officinarum, so der botanische Name des mächtigen Grases, nicht allein aus Zucker, sondern eben auch aus Rohr, also harten Zellulosefasern. Als die Mühle in Morro Agudo Mitte der sechziger Jahre in Betrieb genommen wurde, wusste man nicht, wohin mit diesem „Bagasse“ genannten organischen Abfall. Heute wird er zu 100 Prozent verwertet.

Das meiste wird verbrannt. Über Dampfturbinen liefert das Süßgras viermal so viel Energie, wie die Fabrik selbst braucht - nach Angaben von Joel Michigami etwa den Energiebedarf einer Stadt mit mehr als 200.000 Einwohnern. Andernorts wird Bagasse in Brennern, in denen Orangensaftkonzentrat hergestellt wird, verheizt. Und die Asche kommt als Dünger wieder auf die Felder. In Morro Agudo wird ein Teil der Bagasse in einer weiteren Fabrik auf besondere Weise verarbeitet: Unter hohem Druck hydrolysiert, mit Hefen, die beim Gärprozess anfallen, Mineralsalzen und etwas Soja gemischt, kommt als Endprodukt ein richtiges Kraftfutter heraus. Die Landbesitzer, die sonst die Mühle beliefern, können es gut gebrauchen, um in der Trockenzeit ihre mehr als 30.000 Rinder damit zu füttern.

Die Zuckermühle verwandelt sich in ein Kraftwerk

Das Kraftfutter bleibt jedoch nur ein Nebengeschäft, die Zukunft gilt vor allem der Produktion von elektrischem Strom - ihr wird ein riesiges Potential zugeschrieben. Joel Michigami glaubt, mit optimierter Technik, einer Verbrennung unter Druck von etwa 60 oder 80 Atmosphären statt der gegenwärtigen 20, „könnten wir das Zwanzigfache der heutigen Stromproduktion schaffen“. Sollte das tatsächlich Realität werden, verwandelt sich die Zuckermühle von einst, die heute ihre Einnahmen aus Zucker und Ethanol gleichermaßen erwirtschaftet, in ein Kraftwerk. Mit Strom könnte man dann hier das meiste Geld verdienen, gerade in der Trockenzeit, wenn die Wasserkraftwerke weniger Strom liefern können als zur Regenzeit, in der wiederum die Zuckermühlen stillstehen.

Der kühnste Traum allerdings, den nicht allein die Brasilianer träumen, ist der, nicht nur den Zuckersaft zu Alkohol zu fermentieren, sondern ebenso die Zellulose von Zuckerrohr, Mais oder anderen Pflanzen, und zwar mit Hilfe spezieller Mikroorganismen. Was aber im Labor schon recht gut funktioniert, klappt bisher nicht im industriellen Maßstab. „Schon vor fünfzig Jahren haben die Experten zehn Jahre später das Zeitalter der Zellullosefermentierung vorausgesagt. Seitdem haben sich diese zehn Jahre immer wieder verschoben, bis in die Gegenwart“, sagt Enrique Amorim, einer der erfahrensten Wissenschaftler der brasilianischen Zuckerrohrindustrie. Einst lehrte er Biochemie, jetzt verdient der emeritierte Professor in der Privatwirtschaft sein Geld. Seine Firma Fermentec selektiert Hefen für die Vergärung des Zuckers zu Alkohol und beliefert damit halb Brasilien. Erst im April konnte die Forschungsabteilung außerdem ein neues Gärverfahren vorstellen, mit dem sich deutlich höhere Alkoholkonzentrationen erreichen lassen.

Die Anbaufläche muss wachsen

In unsichere Projekte, wie es die Zellulosefermentierung derzeit ist, will Amorim nicht investieren. Eine kürzlich im Fachmagazin Science veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern der University of California in Merced gibt ihm recht, wenn auch aus anderen Gründen: Die Biomasse zu verbrennen und mit der dabei gewonnenen Elektrizität etwa Akkus von Elektroautos aufzuladen ist demnach sinnvoller, ökonomischer und ökologischer, als daraus Ethanol zu gewinnen. Das wären gleich noch mehr Gründe, warum Zuckermühlen irgendwann vor allem Kraftwerke sein könnten.

Wenn Brasilien seine Biotreibstoff- und Stromproduktion weiter ausdehnen will, muss neben der Effizienz auch die Anbaufläche wachsen. Umweltschutzorganisationen warnen seit langem davor, mehr Zuckerrohranbau könnte die Rodung von noch mehr Regenwald bedeuten. Allerdings wächst in den geeigneten Regionen nirgends Regenwald, dort beherrscht hauptsächlich Cerrado-Savanne die Landschaft. Und wäre es nicht sogar wünschenswert, diese für die Energiewirtschaft zu nutzen, urbar zu machen und somit wiederum neue Arbeitsplätze zu schaffen?

Brasiliens Zukunft heißt Biowirtschaft

In Wahrheit sind die Dinge, wie immer wenn es um Ökologie oder Klimawandel geht, komplexer. Denn niemand kann in der Tat ausschließen, dass der Zuckerrohranbau langfristig andere Zweige der Landwirtschaft wie den Soja-Anbau oder die schon heute ein Vielfaches an Fläche verbrauchende Viehzucht weiter nach Norden und damit in Richtung Amazonas und Regenwald drängen könnte.

Nach Berechnungen eines Teams der University of Minnesota dauert es 17 Jahre, bis die Ethanolproduktion mit Zuckerrohrfeldern auf Cerrado-Boden im Sinne des Klimaschutzes eine positive Bilanz zeigt. Im Vergleich zu anderen Spritpflanzen ist das nicht einmal schlecht: Bei Ölpalmen etwa, die auf Regenwaldböden gepflanzt werden, wären es 423 Jahre.

So kann sich Cicero Junqueira Franco in seinem großzügigen Büro auf dem Fabrikgelände gelassen im Ledersessel zurücklehnen. „Es ist klar, dass der Bedarf an Biotreibstoff und an Elektrizität aus Biomasse weiter wachsen wird. Da können wir trotz Krise sehr optimistisch in die Zukunft blicken“, sagt der fast 80 Jahre alte Landbesitzer und Zuckerrohrfarmer, der die Mühle in Morro Agudo 1964 mitbegründet hat. Für die Landarbeiter scheint die Zukunft weniger sicher. Zu diesem Fazit kommt eine Studie der Universitäten von Utrecht und Campinas. Die Wissenschaftler um Arnaldo Walter und Edward Smeets konnten aber zeigen, dass in Brasilien eine sowohl ökologische als auch sozial nachhaltige Bioenergiewirtschaft machbar ist. Sie sehen Grundbesitzer und Fabrikanten in der Pflicht, den Arbeitern und ihren Familien durch Qualifikationsangebote und neue Jobs, etwa in den Biomasse-Kraftwerken, eine Zukunft zu geben.

Ob diese Hoffnung realistisch ist, wird sich zeigen, wenn in ein paar Jahren vielleicht zum letzten Mal ein Feuer auf einem Zuckerrohrfeld im Bundesstaat São Paulo brennt.

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