Home
http://www.faz.net/-gx5-70utm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Yoga Der Körper hält viel aus

 ·  Yoga sei ein Segen für Körper, Seele und Geist. Sagen seine treuen Anhänger. Fachleute sehen das etwas anders.

Artikel Bildergalerie Lesermeinungen (5)
© Charlotte Wagner Yoga: Neun Übungen mit Risikofaktor

Auch Ulla Meinecke ist jetzt dabei. Mit Ende fünfzig hat die Sängerin das Yoga für sich entdeckt. „Man möchte ja noch mit 75 selbst die Schnürsenkel binden können“, begründete sie den Entschluss in einer Grußbotschaft für das Berliner Yogafestival. Fünftausend Enthusiasten demonstrierten dort am vergangenen Wochenende im Kulturpark Kladow den Sonnengruß für Fortgeschrittene. Oder wie man es beispielsweise schafft, bei gestrecktem Bein mit der Hand gegen die Fußsohle zu klatschen. „Endstation Dehnsucht“ fand, nicht ganz unpassend, die Bild, die noch eins draufsetzte und mit „Yoga-Jordan“ Carver einen Busenstar lancierte, der (abgesehen von Körbchengröße J) die Beherrschung des Lotossitzes im Repertoire hat.

Yoga ist mehrheitsfähig geworden. Geschätzte fünf Millionen Deutsche üben Kerze, Kopfstand oder den „Nach unten schauenden Hund“. Das sind drei von Dutzenden Übungen, die auf gut Sanskrit „Asanas“ heißen. Viel Segensreiches sollen sie bewirken: den Blutdruck senken und Stress abbauen, Beweglichkeit und Gleichgewicht fördern, Muskeln entspannen und aufbauen, die Wirbelsäule richten und Rückenschmerzen vertreiben, die Seele in Einklang mit dem Körper bringen und noch vieles mehr. Eine bestimmte Abfolge von Übungen, „Hormon-Yoga“ genannt, erhöhe die Chancen einer Schwangerschaft und führe später sanft durch die Wechseljahre, berichtete vor einigen Jahren die Frauenzeitschrift Brigitte; „danach sind wir überrannt worden“, erzählt die zuständige Kursleiterin der Frankfurter Volkshochschule.

Viele Stile, viele Laute

Auch sonst ist die Auswahl groß. Der angehende Yogaschüler kann unter anderem wählen zwischen Anusara-, Ashtanga-, Bikram-, Hatha-, Iyengar-, Jivamukti-, Kripalu-, Kundalini-, Sivananda-, Viniyoga- oder Vinyasa-Stil. Es gibt spezielle Kurse für behinderte Kinder, traumatisierte Soldaten, Golfspieler, Prostituierte. Mal geht es energisch, mal meditativ zur Sache, mal wird viel „Om“ gesummt und der Gong geschlagen, mal nicht. Und egal ob auf dem Kirchentag oder dem Kreuzfahrtschiff - eine Yoga-Stunde ist garantiert im Angebot.

Ein Übungsraum im Keller eines Thermalbades im Vordertaunus: Staub rieselt von der Decke, die Anlage wird umgebaut, hin und wieder hört man Presslufthämmer. Trotzdem haben sich ein halbes Dutzend Unermüdlicher eingefunden, die Stunde ist bereits im Eintrittspreis enthalten. „Namaste!“, der Gruß mit zusammengelegten Händen, und dann stellen wir uns hin zur ersten Übung, ausatmen, einatmen, Arme heben, Rumpfbeuge mit durchgedrückten Knien nach vorn und Kopf hängen lassen. Schon scheidet sich die Spreu vom Weizen, wer mit den Händen den Boden berühren kann, zählt zu den Fortgeschrittenen. Und wer umgehend ein Ziehen in den Wadenmuskeln spürt, ist Anfänger. Erkenntnis nach zwanzig Sekunden: Blut steigt in den Kopf. Ist das gesund?

Immer noch gilt, was die unvergessene Vorturnerin Kareen Zebroff vor nunmehr vierzig Jahren jeden Freitagnachmittag im ZDF zum Besten gab: Die „Uttanasana“, vulgo „Stehende Vorwärtsbeuge“, soll gut gegen Falten sein, einen rosigen Teint sowie geistige Wachsamkeit fördern. Der Yogalehrer B. K. S. Iyengar, vom Time Magazine unter die hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt eingereiht, behauptet sogar, zwei Minuten Kopfhänger würden jede Depression vertreiben. Aus allgemeinmedizinischer Sicht freilich würde man Menschen mit Bluthochdruck oder erhöhtem Augeninnendruck sowie Migränepatienten davon abraten, den Kopf derart nachdrücklich baumeln zu lassen. Bei Erkältungen ist die Übung gar nicht zu empfehlen. Auch nicht bei akuten Schwierigkeiten im Bereich der Lendenwirbel; ein Hexenschuss wäre programmiert. Wer zu viel Ehrgeiz entwickelt, kann sich in dieser Pose schnell mal eine Muskelfaserzerrung zuziehen, an der er dann wochenlang laboriert.

“Wir achten auf uns selbst, jeder geht nur so weit, wie er möchte“, sagt die Instruktorin. Das sagen sie alle. Aber ein Blick in die Runde zeigt: Die Teilnehmer, allesamt in den Siebzigern und darüber, ziehen die Übung gnadenlos durch. Wer will da kapitulieren? Zumal Yoga ohnehin als Schon-Sport gilt, nicht zu vergleichen mit dem schweißtreibenden Geschehen an Hometrainern und Kraftmaschinen.

Auf dem Weg zur Unsterblichkeit

Uralte indische Weisheit steckt angeblich in den Asanas. Schaut man genauer hin, sind sie so alt auch wieder nicht. Der indische Gelehrte Patanjali habe diese Kunst der Körperbeherrschung im vierten Jahrhundert nach Christus begründet, heißt es. Doch in seinen „Yogasutras“ findet sich neben Sinnsprüchen zur geistigen Erleuchtung nur der Hinweis, dass man beim Meditieren möglichst bequem sitzen soll.

Der älteste erhaltene Text, der dezidiert verschiedene Körperhaltungen beschreibt, ist die „Hatha Yoga Pradipika“ eines gewissen Swatmarama, der um 1400 gelebt haben soll. Aus ihm leitet sich die heute verbreitetste Form des Hatha-Yoga ab, wobei Hatha je nach Sanskrit-Auslegung und Weltanschauung mal mit „Kraft“ beziehungsweise „Zwangsvereinigung“, mal mit „Sonne und Mond“ übersetzt wird. Explizit werden in der historischen Schrift diverse Sexualpraktiken beschrieben, was ganz in der Tradition des indischen Tantraglaubens steht. Umherziehende Yogis waren berüchtigt für ihre erotische Unersättlichkeit, neben artistischen Kunststücken übten sie sich in schwarzer Magie, sagten die Zukunft voraus, ließen sich bei lebendigem Leib begraben, betätigten sich als Hungerkünstler und hatten nicht selten einen beachtlichen Drogenkonsum. Die „Hathapradipika“ versprachen dem Übenden, er könne, den nötigen Fleiß vorausgesetzt, jede Art von Gift neutralisieren, Krankheiten besiegen, das Alter rückgängig machen und am Ende die Unsterblichkeit erringen.

Die Beatles sind schuld

Aus dieser vergleichsweise obskuren Herkunft hat sich das Yoga erst im zwanzigsten Jahrhundert befreit. In den Vereinigten Staaten, aber auch in Hitlerdeutschland fand es vor dem Zweiten Weltkrieg einigen Zuspruch. Richtig populär wurde es im Westen, nachdem die Beatles im Sommer 1967 auf den indischen Guru Maharishi Mahesh Yogi trafen. Selbst wenn ihr anschließendes indisches Gastspiel nur von kurzer Dauer war - zum Duft von Patschuli und den Klängen der Sitar gingen bald Hunderttausende auf die Matte. Von da an entwickelte sich Yoga als Gymnastikdisziplin zum Massensport: Die in Kalifornien ansässige Yoga Health Foundation schätzt, dass heute allein in den Vereinigten Staaten zwanzig Millionen Menschen Yoga praktizieren; weltweit sollen es 150 Millionen sein. Mit Michelle Obama hat Yoga sogar den Einzug ins Weiße Haus geschafft.

Die große Mehrheit der Yogafreunde sucht inzwischen keine Erleuchtung mehr, sondern ganz pragmatisch einen Weg, sich fit zu halten, im Zweifelsfall unterstützt von der Krankenkasse, die in Deutschland einen Teil der Kursgebühren übernimmt. Eher sportlich sah es auch der amerikanische Wissenschaftsjournalist William Broad, als er Anfang der siebziger Jahre mit dem Yoga begann: „Es fühlte sich gut an und schien mich gesünder zu machen.“ Vor sechs Jahren beschloss er, sein Hobby zum Gegenstand professioneller Recherche zu machen. Gab es, außer den Beteuerungen seiner Lehrer, wissenschaftliche Belege für den Nutzen der Asanas?

Broads Neugier wich der Skepsis

Broads Neugier wurde noch erheblich angestachelt, als er ein Jahr später beim unkonzentrierten Versuch, die „Seitliche Winkelhaltung“ einzunehmen, einen schweren Bandscheibenvorfall erlebte. Diese Übung (“Utthita Parsvakonasana“) ist durchaus für Anfänger gedacht; der indische Ayurveda-Lehrer T. Krishnamacharya, als „Vater des modernen Yoga“ verehrt, pries sie als zuverlässiges Mittel gegen Unterleibsbeschwerden, Fieber und andere Gebrechen. Broad machte sich auf die Suche, konnte aber keinen einzigen Fachartikel finden, der derartige Behauptungen gerechtfertigt hätte. Sein im Nachhinein naiver Glaube, Yoga könne ausschließlich heilen und keinen Schaden anrichten, löste sich unter bösen Schmerzen in Nichts auf.

Ein Auszug aus William Broads Buch „The Science of Yoga“ ist Anfang dieses Jahres in der New York Times erschienen. Der Artikel (“How Yoga Can Wreck Your Body“) rief eine Lawine von Leserbriefen hervor und wird bis heute in allen einschlägigen Foren teils mit Schaum vor dem Mund, teils nachdenklich diskutiert. Broad schildert darin, wie er Glenn Black kennenlernt, einen altgedienten Yogalehrer, der sich darauf spezialisiert hat, Yogaverletzungen zu behandeln. Der Mann steckt voller Geschichten. In Indien habe er einen Schüler von Iyengar gesehen, der engagiert in den Wirbelsäulen-Twist (“Ardha Matsyendra Sana“) ging und sich auf der Stelle drei Rippen brach. Er kenne mehrere prominente Yogalehrer, die sich beim „Nach unten schauenden Hund“ die Achillesferse gerissen hätten. Er wisse von etlichen Instruktoren, die sich ihren Rücken derart ruiniert hätten, dass sie nur noch im Liegen unterrichten könnten. „Yoga ist nur etwas für Leute, die gut in Form sind“, sagt Glenn Black, „die meisten, die es praktizieren, sollten es besser ganz aufgeben.“ Was inzwischen auch für Black selbst gilt: Ein Jahr nach dem Interview musste er sich wegen fortgeschrittener Abnutzung der Bandscheiben einer komplizierten Rückenoperation unterziehen, selbst einfache Asanas kann er für den Rest seines Lebens vergessen.

Yoga soll beim Abnehmen helfen

Die kostenlose Schnupperstunde im Übungsraum geht dem Ende zu, vor dem obligaten, hier von Pressluftklängen untermalten Entspannen auf der Matte ist noch das „Krokodil“ dran. Auf den Rücken legen, Arme seitlich ausstrecken, linkes Bein heben, nach rechts überschlagen, Kopf nach links drehen. Das verdrillt die Wirbelsäule und zieht sie in die Länge. Angeblich gut für Leber, Bauchspeicheldrüse, Milz, Rücken und Hüfte. Und außerdem, frei nach Kareen Zebroff, wirksam gegen Fettpolster. Das soll Yoga überhaupt: beim Abnehmen helfen. Und ist wohl einer der Gründe dafür, dass mindestens achtzig Prozent aller Yogatreibenden weiblichen Geschlechts sind.

William Broad ist der Frage ausgiebig nachgegangen, ob Asanas dazu beitragen können, Gewicht zu reduzieren. Ergebnis: eher im Gegenteil. Wenn es denn einen nachgewiesenen physiologischen Effekt beim Yoga gibt, dann den, dass regelmäßiges Training die Stoffwechselrate herabsetzt. Bei Männern im Durchschnitt um acht Prozent, bei Frauen sogar um achtzehn, wie eine in Indien durchgeführte Studie ergab (www.biomedcentral.com/1472-6882/6/28).

Kein nennenswerter Kalorienverbrauch

Man verbrennt in einer gewöhnlichen Yogastunde weniger Kalorien, als wenn man im gleichen Zeitraum spazierenginge. Trotzdem schwören eingefleischte Yogafans Stein und Bein, dass die Methode bei ihnen wirkt. William Broad kann nur spekulieren: Bessere Körperdisziplin, andere Lebenseinstellung, weniger Stress und damit weniger Frustfraß - vielleicht liegt es daran, dass manche es schaffen, auf dem Umweg über Yoga rank und schlank zu bleiben. An den Asanas selbst liegt es jedenfalls nicht.

Was lässt sich sonst noch an wissenschaftlichen Beweisen für die Heilkraft des Yoga anführen? PubMed, die Datenbank der amerikanischen National Library of Medicine, listet zu diesem Thema knapp zweitausend Veröffentlichungen auf. Legt man Maßstäbe an, wie sie für jede wirksame Therapie gefordert werden, schrumpft die Zahl der aussagekräftigen Studien beträchtlich. Kontrolliert und dem Zufallsprinzip unterworfen sind nur wenige davon, meist sind schon die Teilnehmerzahlen viel zu gering. Halbwegs seriös wurden unter anderem folgende Beschwerden und Befindlichkeiten untersucht:

ADHS. Achtzehn australische Jugendliche im Pubertätsalter, die unter dem sogenannten Zappelphilipp-Syndrom litten, wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine absolvierte zwanzig Yogastunden, die andere führte in dieser Zeit Gesellschaftsspiele durch. Die Yogagruppe schnitt bei verschiedenen psychologischen Tests etwas besser ab (Journal of Attention Disorder, 2004, 205 ff.).

Arthrose. Zehn Patienten mit Kniegelenksarthrose wurden an der University of Pennsylvania School of Medicine acht Wochen lang in einen Yogakurs geschickt. Bei allen zeigten sich signifikante Fortschritte (Journal of Alternative and Complementary Medicine, 2005, 689 ff.).

Asthma. Sechzig Patienten des Griffin Hospital in Derby, Connecticut, nahmen über vier Wochen hinweg entweder an einem Yogakurs oder an einem Stretching-Programm teil. Eine messbare Erleichterung beim Atmen konnte in beiden Fällen nicht festgestellt werden (Annals of Allergy, Asthma and Immunology, 2005, 543ff.). Eine ähnliche Studie an der Northern Colorado Allergy Asthma Clinic in Fort Collins förderte zwar ebenfalls keine objektive Verbesserung der Lungenfunktion zutage, doch die Yogaübenden fühlten sich subjektiv besser (Allergy and Asthma Proceedings, 1998, 3 ff.).

Beweglichkeit. Eine sorgfältig durchgeführte Studie an der University of Wisconsin konnte zeigen, dass 24 Yogastunden, verteilt auf einen Zeitraum von acht Wochen, die Beweglichkeit, den Gleichgewichtssinn und die Beanspruchbarkeit des Muskelapparates um bis zu ein Drittel steigern kann (Journal of Cardiopulmonary Rehabilitation & Prevention, 2005, 290 ff.).

Depressionen. Eine Pilotstudie an knapp vierzig kanadischen Patientinnen, die einen Brustkrebs überlebt hatten, fand heraus, dass sieben Wochen Yoga ausreichten, den psychischen Zustand zu verbessern und depressive Anwandlungen zu vertreiben (Psychooncology, 2006, 891 ff.).

Fitness. Bei untrainierten Menschen können normale Yogaübungen Muskelleistung, Ausdauer und Leistungsfähigkeit von Herz und Lunge steigern, zeigte eine Studie mit zehn Teilnehmern an der University of California in Davis. Sportlichere können eventuell von bestimmten Formen des „Power-Yoga“ profitieren (Preventive Cardiology, 2001, 165 ff.).

Herz und Kreislauf. Eine Metaanalyse von rund zwanzig kontrollierten Studien ergab, dass regelmäßiges Hatha-Yoga sowie ein genereller „Yoga Lifestyle“ inklusive entsprechender Ernährung prinzipiell geeignet sind, Herz-Kreislauf-Risiken zu senken (Journal of Alternative and Complementary Medicine, 797 ff.).

Karpaltunnel-Syndrom. Nervenschmerzen im Bereich der Handwurzel, von denen Frauen dreimal häufiger als Männer betroffen sind, können durch Yoga kurzfristig besser gelindert werden als durch Tragen einer Schiene oder Bandage. Zu diesem Schluss kommt eine Literaturanalyse der Cochrane Library (Cochrane Database of Systematic Reviews, 2003 (1) CD003219).

Rückenschmerzen. Hundert erwachsene Patienten mit chronischen Beschwerden im unteren Bereich der Wirbelsäule erhielten im Rahmen einer Studie an der University of Washington entweder ein Buch mit Anleitungen zur Selbsthilfe oder nahmen zwölf Stunden Yoga beziehungsweise konventionelles Rückentraing. Am wenigsten half das Buch, die positiven Effekte des Trainings hielten bei den Yogaschülern am längsten an (Annals of Internal Medicine, 2005, 849 ff.).

Extreme Einzelfälle

So weit die wichtigsten belastbaren Studien. Fairerweise muss man sagen, dass alle Untersuchungen, die den möglichen Gefahren des Yoga nachgehen, auf einer noch viel schmaleren Datenlage fußen. Meist sind es Einzelfallschilderungen. William Broad zählt einige davon auf. Da war der Student, der stundenlang im „Diamantsitz“ kniete und für den Weltfrieden betete. Nach einem Jahr konnte er kaum noch laufen, der Ischiasnerv war abgestorben. Da war der Fall einer 28-jährigen Yoga-Enthusiastin, die im „Aufwärtsbogen“ (“Urdhva Dhanurasana“) plötzlich rasende Kopfschmerzen bekam. Im Krankenhaus stellte man fest, dass sie ein Horner-Syndrom entwickelt hatte, eine Nervenschädigung im Gehirn, hervorgerufen durch Verengung der Halsarterie. Da waren mehrere Berichte, die den Schluss nahelegten, dass vor allem der berühmte yogische Kopfstand zu Schlaganfällen führen könnte.

Wie häufig so etwas vorkommt, konnte auch William Broad nicht herausfinden. Anhaltspunkte liefert hier nur eine Umfrage der Columbia University, die vor drei Jahren mehr als tausend Yogalehrer und Ärzte in aller Welt fragte, welche Verletzungen sie in der Praxis bereits gesehen hatten. Schäden im unteren Rückenbereich waren am häufigsten (231 Fälle), gefolgt von Verletzungen der Schulter (219), der Knie (174) und des Nackens (110). Auch von vier Schlaganfällen wurde berichtet.

Soll man angesichts solcher Risiken überhaupt noch Yoga treiben? Oder Finger und Glieder davon lassen? William Broad kommt nach eingehender Betrachtung zu dem Schluss, korrekt ausgeführt sei Yoga immer noch mehr Segen als Fluch. Es sei eine Frage des Egos, sagt der Yogalehrer Glenn Black. Statt Ehrgeiz zu entwickeln, gehe es beim Yoga in Wahrheit darum, das Ich zu überwinden. Möglichst bequem sitzen und meditieren wäre demnach der Königsweg.

Im Internet: Fishman et al.: „Understanding and Preventing Yoga Injuries

Geschätzte fünf Millionen Deutsche üben Kerze, Kobra, Kopfstand. Kaum noch jemand sucht Erleuchtung, die meisten nehmen es sportlich. Zum Thema Yoga gibt es an die zweitausend Studien. Nur wenige davon sind seriös. Rücken, Schultern Knie und Nacken sind am häufigsten betroffen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1954, verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Die Bändigung des Klons

Von Joachim Müller-Jung

Das Klonen von Embryonen muss gezügelt werden. In der Praxis dürfte sich der biotechnische Fortschritt ohnehin als unbrauchbar erweisen. Die Alternativen sind vielversprechend. Mehr 21 58