Hilfe, wir stecken in der Kreativitätskrise. Als die amerikanische Zeitschrift „Newsweek“ vor zweieinhalb Jahren diesen Aufschrei zusammen mit den Ergebnissen eines Torrance-Kreativitätstests an 300 000 Kindern und Jugendlichen publizierte, klang das wie die Ansage für ein Ende des amerikanischen Traums. Zum ersten Mal habe der Nachwuchs des Landes in dem Anderthalbstunden-Test weniger Punkte erzielt. Bis in die neunziger Jahre war der CQ - der Kreativitätswert als Analogon zum Intelligenzquotienten IQ - stetig gestiegen. Nun also der Knick, der Pisa-Schock für die Innovationsweltmeister. Eine Adhoc-These war schnell gefunden: Die Jugendlichen hängen immer länger tatenlos und denkfaul vor den neuen Medien.
Empirisch fundiert war dieser Erklärungsversuch damals nicht. Die Indizien wurden jetzt nachgeliefert. David Strayer von der University of Utah in Salt Lake City und seine Kollegen haben in der Zeitschrift „PlosOne“ eine Studie mit dreißig jungen medienaffinen Männern und 26 ebensolchen Frauen veröffentlicht. Etwa die Hälfte von ihnen wurde zu einer Vier-Tage-Rucksacktour in die Berge geschickt, die anderen ließ man weiter am Computer sitzen. Vor und nach der Tour wurden Kreativitästests absolviert. Das Ergebnis: „Der Ausflug in die Natur inspiriert, die Auszeit am Computer steigert die Kreativität um durchschnittlich 50 Prozent.“ So war es in der Mitteilung zum Aufsatz zu lesen.
Liest man die Studie genauer, wird schnell klar: Hier wird eine Alltagserfahrung in statistisch fragwürdige und wissenschaftlich kaum haltbare Zusammenhänge gestellt. Die Studie sagt weniger etwas über die Ursachen von Kreativität aus als vielmehr über die Konzeptlosigkeit einer Forschungsrichtung, die sich gerade als das neue Lieblingsspielzeug der Hirnforschung etabliert. Kreativität ist drauf und dran, zur neuen Intelligenz zu werden. In der Forschung wie im Alltag.
In der Pädagogik und Sozialpsychologie wird wie in der Wirtschaft längst üblich nach Kreativitätspotentialen gefahndet. Die Psychiatrie forscht daran, und nun versuchen sich insbesondere auch die Neurowissenschaften mit den unterschiedlichsten bildgebenden und analytischen Instrumenten zu den Quellen kreativen Denkens vorzuarbeiten.
Wie es zum „schöpferischen Denken“ kommt, darüber konnte Sir Francis Galton Ende des neunzehnten Jahrhunderts nur spekulieren und schwärmen. Konzepte zu dessen Erforschung gab es nicht. Der amerikanische Psychologe Joy Guilford immerhin löste 1950 mit einem wegweisenden Vortrag über „divergentes Denken“ eine Forschungswelle aus. Im Unterschied zur Intelligenz, die für ihn vor allem eingleisig schlussfolgerndes Denken zur Lösung erfordert, bedarf es seinen Vorstellungen zufolge für Kreativität einem mehrgleisigen Denkens. Damit war im Prinzip eine bis heute gültige Definition von Kreativität geschaffen. Mehrere, vor allem originelle und neuartige Lösungen für ein Problem zu finden, lautet die Aufgabe. Divergentes Denken ist allerdings nur eines von mehreren Konzepten. Die Zahl der Kreativitätstests ist mit den Konzepten gewachsen. Doch je mehr Disziplinen das Thema für sich entdecken, desto schwerer wird es naturgemäß, die unterschiedlichen Experimente, Tests und Schlussfolgerungen zu vergleichen.
Im Grund sind es dieselben Schwierigkeiten und Konflikte, die die Intelligenzforschung jahrzehntelang beschäftigt haben. Was genau wird gemessen, wenn man misst. Besonders spannend wird es, wenn die Hirnforschung wie in den vergangenen Jahren immer stärker die Kausalfrage angeht. Der Ansatz ist klar: Wenn Menschen so unterschiedlich kreativ sind, wie wir es nun mal jeden Tag erleben, ob bei der Arbeit als Autor, Künstler oder Wissenschaftler, dann sollte man dahinter auch unterschiedlich funktionierende Gehirne vermuten.
Die Suche nach dem kognitiven Mechanismus menschlicher Kreativität ist dabei allerdings noch meilenweit von der Intelligenzforschung entfernt: Der Zahl von 19 300 neurowissenschaftlichen Veröffentlichungen über den Zusammenhang von Gehirn und Intelligenz stehen 550 Publikationen zur Kreativität gegenüber. Letztere allerdings, und das fällt auf, fallen überwiegend in die jüngere Vergangenheit. Auch Andreas Fink und Mathias Benedek von der Universität Graz, die diesen Vergleich anstellten, frönen der Kreativitätsmode. In einem ihrer neuen Artikel in der Zeitschrift „Neuroscience and Behavioral Reviews“ (doi: 10.1016/j.neubiorev.2012.12.002) beschreiben sie den ihrer Überzeugung nach „bislang konsistentesten Befund aus der Hirnforschung“ zum divergenten Denken: Kreative Menschen zeigen, wenn man ihre elektrischen Hirnströme mit einem Elektroenzephalographen (EEG) am Kopf ableitet, ausgeprägte Alpha-Wellen während der kreativen Tätigkeit. Das sind oszillierende Hirnströme im Frequenzbereich von 8 bis 13 Hertz - jener Bereich des Wellenspektrums, der zwischen den für Schläfrigkeit typischen Theta-Wellen und den im REM-Schlaf und bei konstanten Muskelspannungen auftretenden Beta-Wellen liegt. Alpha-Aktivität wird mit „entspannter Wachheit“ in Verbindung gebracht.
„Alpha-Power“ im Gehirn
In den siebziger Jahren hat schon der amerikanische Psychologe Colin Martindale festgestellt, dass die Alpha-Aktivität von inspririerten Probanden schon beim Ausdenken origineller Texte stärker ausgeprägt waren. Doch ebenso wie er können auch Fink und Benedek nur spekulieren, was diese „Alpha-Power“ bedeutet. Möglicherweise handele es sich um Hirnaktivitäten, die eine Art Neukombination von verschiedenen Bereichen des Gedächtnisses bewirke, etwa zwischen bisher unverbundenen semantischen Inhalten.
Welche Regionen das genau sein sollen, bleibt unklar. Das herauszufinden ist das Ziel von mittlerweile einer Vielzahl von Hirnspezialisten. Mit Kernspintomographen (MRT), Positronen-Emissions-Tomographen (PET), mit Magnetenzephalographen, Gleichstrom-Stimulation und Tierexperimenten versuchen die Forscher, den Quellen der Kreativität auf die Spur zu kommen.
Ein mehr oder weniger erfolgloses Unterfangen, wie der amerikanische Kreativitätsforscher Keith Sawyer von der Washington University in St. Louis in einer kritischen Betrachtung vor einiger Zeit im „Creativity Research Journal“ (doi: 10.1080/10400419.2011.571191) zugeben musste. Von den mehr als zwanzig bislang näher untersuchten Hirnarealen sei keines als klarer Favorit hervorgetreten. Vielmehr tauchen immer wieder Einzelbefunde auf, die das Ganze nur noch unübersichtlicher machen. Etienne Koechlin und Anne Collins vom französischen Inserm-Forschungsinstitut in Paris etwa wollen gezeigt haben, dass man in Zahlenkombinationsexperimenten mit hundert Probanden einen Zusammenhang zwischen der Aktivität des Vorderhirns und dem Einfallsreichtum der Teilnehmer feststellen konnte (“Plos Biology“, doi: 10.1371/journalpbio.1001293). Der amerikanische Neurochirurg Rex Jung von der University of New Mexico School of Medicine will hingegen in hirnanatomischen Untersuchungen festgestellt haben, dass die schmale Großhirnrinde kreativer Menschen im Bereich des rechten Gyrus angularis, also im Schläfen- und Hinterhauptslappen, mächtiger ausgeprägt ist (“Human Brain Mapping“, doi: 10.1002/ hbm.20874). Kreativität sitzt allerdings keineswegs in der rechten Hirnhälfte, wie das lange behauptet wurde, stellten kurz darauf Lisa Aziz-Zadeh und ihre Kollegen vom Kreativinstitut der University of California klar. Ihre Kernspinaufnahmen hätten vielmehr gezeigt: Um aus einem Kreis, einem großen C und einer Acht möglichst originelle Figuren zu kreieren, bedarf es neben der rechten auch der linken Hirnhälfte, in der gemeinhin eher die logischen Hirnfunktionen lokalisiert werden. Das gilt zumindest für die Architekturstudenten, die das Experiment im Kernspintomographen absolvierten.
Alles in allem spiegeln diese neueren Befunde die meist diffusen und großteils noch kaum reproduzierten Befunde aus der Kreativitätsforschung. Immer neue Hinweise sammeln auch Mediziner, deren Patienten mit regelrechten Kreativitätsexplosionen für Aufsehen sorgen. Rivka Inzelberg von der Tel Aviv University hat „das Erwachen künstlerischer Kreativität und Parkinson“ bei zahlreichen ihrer Patienten dokumentiert. In der Zeitschrift „Behavioral Neuroscience“ (doi: 10.1037/a0031052) liefert die Psychiaterin dazu eine Theorie: Immer, wenn durch Medikamente die Menge des Dopamins im Gehirn künstlich gesteigert wird, kommt es zu Kreativitätsschüben - Menschen, die nie Texte verfasst haben, schreiben plötzlich Gedichte und andere, die zuvor nie einen Pinsel in der Hand hatten, brachten ungewöhnlich schöpferische Bilder auf die Leinwand. Sobald die Wirkung des Dopamins nachließe, so Inzelberg, würden die „verborgenen Talente“ wieder in der Versenkung verschwinden.
Sind Psychopathen kreativer?
Auch Simon Kyaga vom Karolinska-Institut in Schweden glaubt, dass man durch das Studium von Psychiatriepatienten dem Phänomen Kreativität auf die Spur kommen müsste. Im „Journal of Psychiatric Research“ (doi: 10.1016/j.jpsychires.2012.09.010) berichtete er mit seinen schwedischen Kollegen unlängst, was die Auswertung von 1,2 Millionen Patientendaten ergeben hat: Psychiatrische Leiden, insbesondere Bipolare Störung und Schizophrenie, kommen bei erfolgreichen Tänzern, Wissenschaftlern, Fotografen und Autoren häufiger vor. Auch darin erinnert der Kreativitätshype an die Intelligenzforschung mit den sogenannten Inselbegabten, jenen Menschen - oft Autisten - mit ihren erstaunlichen Sonderbegabungen, die von der Hirnforschung nicht zuletzt als wichtige Informationsquelle für große Intelligenzleistungen erforscht werden. Das Ziel nicht weniger Forscher: einen physiologischen Hebel zur künstlichen Intelligenzsteigerung zu finden.
Die Chancen hierfür stehen im Hinblick auf die Kreativität allerdings eher noch schlechter. Die beiden Grazer Psychologen Fink und Benedek stellen jedenfalls ernüchtert fest: Kreativität sei ganz offensichtlich keine Sache von Aktivierung oder Deaktivierung spezieller Hirnzellen oder -areale. Vielmehr handele es sich offenkundig um „ein funktionales Zusammenspiel verschiedener Hirnareale in komplexen neuronalen Netzwerken“. Schemenhafter lassen sich die Kenntnisse über das Geheimnis kreativer Menschen kaum beschreiben.
Intelligenz und Kreativität: Ein Gedanke hierzu ...
Gerold Keefer (solaris21)
- 04.02.2013, 09:59 Uhr
Laterales Denken
Horst Ziegler (pacificatore)
- 04.02.2013, 09:39 Uhr
Was ist der Zusammenhang zwischen Kreativität, Intelligent und Genialität/Durchbrüchen?
Bryan Hayes (bhayes)
- 03.02.2013, 21:12 Uhr
Ich verstehe die Trennung von Intelligenz und Kreativität nicht,
gehört das nicht zusammen?
Nadine Hoffmann (Raffz)
- 02.02.2013, 17:44 Uhr
Zusammenhang zw. beiden Forschungsfeldern?
Robert Francke (Omnius)
- 02.02.2013, 02:07 Uhr
