25.12.2006 · Weihnachten ist das Fest der Liebe. Und natürlich der Musik. Am Weihnachtsbaum wird gesungen, geflötet und gegeigt - und manchmal auch schwer gelitten. Wie sehr der Mensch sich dabei quält, zeigen die Experimente von Musikforschern. Mit Hörproben.
Von Magnus HeierSeit Monaten werden die Kleinen nun schon auf diesen Auftritt vorbereitet: Unterm Weihnachtsbaum darf oder muß das Kind mit Geige oder Cello, mit Blockflöte oder Mundharmonika ran. Weihnachtslieder sind Gefühle pur. Und wenn dann die Kirchenorgel zu mitternächtlicher Stunde das hochheilige Paar und den holden Knaben samt lockigem Haar preist, kann sich keiner gegen Rührung und feuchte Augen wehren.
„Musik beeinflußt das limbische System, und das kann der Verstand nicht kontrollieren“, sagt Stefan Kölsch vom Max-Planck-Institut für Kognitionsforschung in Leipzig, weltweit einer der führenden Musikforscher. Um die emotionale Verarbeitung von Musik zu beobachten, hat Kölsch, selbst ausgebildeter Violinist, seinen Versuchspersonen einiges zugemutet. Sie bekamen nicht nur eine Ouvertüre von Johann Sebastian Bach im Original zu hören, sondern auch eine bösartig verfremdete Fassung, in der das Stück gleichzeitig sowohl um einen Ganzton nach oben als auch um einen Tritonus (ein besonders fieses Intervall) nach unten versetzt war. Die manipulierte Bachversion klingt fast unerträglich - mußte aber von den Probanden minutenlang ertragen werden.
Der Versuch fand im Kernspintomographen statt, einer Röhre, in der die Aktivitäten des Gehirns in Echtzeit beobachtet werden können. Und tatsächlich: Das veränderte Bachwerk aktivierte ganz andere Regionen als das ursprüngliche, harmonische Stück. Die Forscher konnten auf dem Monitor erkennen, ob die Versuchsperson in der Röhre gerade ein Musikstück hörte, das sie genoß - oder eines, unter dem sie spürbar litt. Der Effekt hängt nicht davon ab, ob man Bach liebt oder nicht. Noch nicht einmal davon, ob man ihn kennt. Disharmonien wurden eindeutig als solche wahrgenommen.
Weihnachten ist das Fest der Liebe. Und natürlich der Musik. Am Weihnachtsbaum wird gesungen, geflötet und gegeigt - und manchmal auch schwer gelitten. Wie sehr der Mensch sich dabei quält, zeigen die Experimente von Musikforschern. Mit Hörproben.
Gut und böse kulturübergreifend
Interessanterweise scheint diese musikalische Differenzierung in gut und böse sogar kulturübergreifend zu sein: „Einer unserer Doktoranden hat solche Stücke Einheimischen in Kamerun vorgespielt, die unsere westlichen Musikstile gar nicht kannten. Und auch dort gab es eine eindeutige Präferenz für das harmonische Beispiel“, sagt Kölsch.
Andere Probanden wurden verkabelt, um auch Veränderungen der Hirnströme im EEG, dem Elektro-Enzephalogramm, zu messen. Wieder wurden die Versuchspersonen mit Musik beschallt. Wieder wurde die Reaktion gemessen, diesmal ein spezifisches Potential, das etwa zwei Zehntelsekunden nach einem musikalischen Reiz auftritt. Diesmal wurde die Musik nur leicht manipuliert. „Wir haben versucht, die normalen musikalischen Regeln zwar zu verletzen, aber sowenig wie möglich“, sagt Sebastian Jentschke, ebenfalls vom MPI und Leiter dieser Studie.
Es ging dabei um die Frage, wie das Gehirn reagiert, wenn es vom musikalischen Verlauf überrascht wird - etwa, wenn das geigende Kind immer wieder den falschen Ton erwischt. Das Ergebnis war eindeutig: „Wird die Erwartungshaltung verletzt, baut sich über der rechten Stirn ein typisches Potential auf“, sagt Jentschke.
Mit dieser sogenannten „early right anterior negativity“ (ERAN) läßt sich untersuchen, inwieweit die Versuchspersonen Unregelmäßigkeiten der Musik überhaupt bewußt wahrnehmen. Vielen der Probanden waren die Merkwürdigkeiten gar nicht groß aufgefallen. Trotzdem reagierten sie, ohne es zu merken, auf die Störung. Sie waren musikalischer, als sie selbst gedacht hatten.
„Richtige“ und „falsche“ Musik
Von welchem Alter an kann der Mensch „richtige“ und „falsche“ Musik unterscheiden? Ab wann sind solche ERAN-Potentiale, die man vereinfachend auch als Überraschungsreaktion bezeichnen könnte, meßbar? Die Leipziger testeten Kinder im Alter von fünf Jahren. Schon die zeigten eine Reaktion auf musikalische Schrägheiten. „Das beweist, daß auch sie schon Teile der Regeln der Musik unserer Kultur verinnerlicht haben“, sagt Jentschke. Allerdings hat er eine Ausnahme beobachtet: Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen reagieren nicht. Wer die Grammatik der Sprache nur mit Mühe oder gar nicht erlernen konnte, versteht auch die musikalische Syntax, die Grammatik aus Ton- und Akkordfolgen, nicht - ein Indiz für die enge Verwandtschaft sprachlicher und musikalischer Verarbeitung.
Auch mit Worten haben die Leipziger experimentiert und Menschen mit sinnlosen Sätzen konfrontiert: „Sie bestreicht das Brot mit warmen Socken.“ Wer diesen Satz liest oder hört, stolpert am Ende über eine unerwartete, sinnlose semantische Wendung. Und die Reaktion auf diese Sinnlosigkeit läßt sich messen - knapp eine halbe Sekunde nach dem Wort protestiert das Gehirn in ganz ähnlicher Weise wie bei schräger Musik, nur auf der linken Seite. Der sogenannte N400-Wert (ein negatives Potential nach 400 Millisekunden) ist um so höher, je widersinniger die Wahrnehmung ist. Auch wer sich einen Apfel vor die Nase hält und statt dessen den Geruch einer Grapefruit wahrnimmt, zeigt eine solche Irritation.
Kölsch und sein Team haben nun Klänge mit Worten verknüpft. Zunächst bekam eine Versuchsperson Musik zu hören, etwa den Tanz der Salome von Richard Strauss - ein Stück, das nach allgemeiner Auffassung Offenheit und Erhabenheit repräsentiert. Anschließend wurde der Proband mit Begriffen konfrontiert, die entweder zu dem Charakter des Stückes paßten wie etwa „Weite“ oder ihm diametral widersprachen wie „Enge“. Und tatsächlich reagierten die Probanden auf die unpassenden Attribute mit einem starken N400-Potential. Paßten die Begriffe dagegen gut, war die Reaktion nur schwach oder gar nicht meßbar.
„Treppe“, „Nadel“ oder „Gift“
Hierzu wurde eine ganze Liste von Musikstücken benutzt, die tatsächlich nach konkreten Begriffen klingen, wie „Treppe“, „Nadel“ oder „Gift“. Das Erstaunliche war: Auch wenn die Versuchspersonen die Stücke nicht kannten, hatten sie doch ähnliche Assoziationen und wehrten sich unbewußt gegen die unpassenden Zuordnungen. Offensichtlich übermittelt Musik auch eine semantische Grundidee: „Es ist ein Ros' entsprungen“ klingt feierlich und tragend, „Ihr Kinderlein kommet“ hell und leicht, selbst wenn der Text fehlt. Das „Forellenquintett“ von Schubert paßt zu keiner Beerdigung, die deutsche Nationalhymne zu keiner Party.
Der Blick ins Gehirn zeigt, daß es dort nicht nur ein Musikzentrum gibt. Dazu ist Musik, wie auch Sprache, zu komplex und hat zu viele Bedeutungsebenen. Kölsch unterscheidet unter anderem zwischen Semantik und Syntax, zwischen Intervall und emotionaler Bedeutung eines Musikstücks. „Für jeden dieser Sinnzusammenhänge existiert ein spezifisches Areal im Gehirn“, sagt er. Während die Verarbeitung von Musik vor allem (aber nicht ausschließlich) in der rechten Hirnhälfte geschieht, findet die Sprachverarbeitung bei Rechtshändern vor allem links statt (bei Linkshändern kann, aber muß es nicht anders sein). Verblüffend ist: Den Zentren, die in der linken Hirnhälfte die Sprache verarbeiten, stehen im rechten Gehirn fast an der entsprechenden Position andere Zentren gegenüber, die Musik verarbeiten. Anatomisch gesehen ist die Musik demnach der Spiegel der Sprache.
Oder ist es in Wahrheit umgekehrt? „Sprache ist eher ein Sonderfall der Musik“, sagt Kölsch und spielt ein Tonband vor, auf dem ein Sprecher immer wieder denselben Satz wiederholt. Und tatsächlich: Nach fünf bis zehn Wiederholungen achtet man nicht mehr auf die einzelnen Worte, sondern nimmt eher die Melodie und den Rhythmus des Satzes wahr. „Musik war zuerst da, unsere erste Sprache war Musik“, glaubt Kölsch. Und deswegen kann es sinnvoll sein, Musikerziehung auch zur Unterstützung der sprachlichen Entwicklung einzusetzen. Oder gar zur Förderung der Intelligenz, obwohl gerade dieser als „Mozart-Effekt“ populär gewordene Zusammenhang nach wie vor umstritten ist. Ob es tatsächlich eine „Umwegrentabilität“ von der Musikerziehung zur Intelligenz gibt, ist nicht bewiesen.
Erinnerungen und verschüttete Fähigkeiten
„Musik ist ganz nutzlos, das macht sie so wertvoll“, soll Oscar Wilde gesagt haben. Aus Sicht der Medizin ist das eindeutig falsch. Denn mit Musik lassen sich besonders gut Erinnerungen und verschüttete Fähigkeiten wecken. Patienten, die nach einem Schlaganfall oder auf Grund von Alzheimerkrankheit ihre Sprache komplett verloren haben, können teilweise noch ganze Lieder singen, und zwar mit Worten, die sie ohne die Musik nicht mehr aussprechen könnten. Autistische Kinder lassen sich auf musikalischem Wege ansprechen, selbst wenn verbal keinerlei Kommunikation möglich ist. Die Möglichkeiten der Musik in der Heilkunst sind noch lange nicht ausgeschöpft.
Aber auch der gesunde Körper reagiert positiv. Wer unter dem Weihnachtsbaum „Oh, du fröhliche“ singt, belohnt sich durch eine innere Ausschüttung von Opioiden selbst. Vorausgesetzt allerdings, er mag das Lied. Eckhart Altenmüller vom Institut für Musikphysiologie der Universität Hannover spricht vom Chill-Gefühl - einem wohligen Schauder, der bei vertrauter Musik den Rücken herunterrinnt. „Rund 80 Prozent aller Menschen kennen dieses Gefühl - diejenigen, die es nicht kennen, sind auffällig häufig Naturwissenschaftler vom Typ Homo faber“, sagt Altenmüller.
Mit dem musikalischen Schauer verändern sich zugleich auch körperliche Funktionen wie Puls und Atemfrequenz, die Aktivität der Gesichtsmuskeln und die Hauttemperatur. Sogar das Hormon- und das Immunsystem werden beeinflußt. „Der Mensch reagiert dabei vor allem auf hohe Töne, auf altbekannte Lieder, auf menschliche Stimmen“, sagt Altenmüller.
Musik wirkt, das steht fest. Und die klassischste aller klassischen Situationen, um den Chill-Faktor zu erleben, ist nun mal Heiligabend unterm Weihnachtsbaum. Hohe Kinderstimmen singen uralte Weihnachtslieder, da bleibt kein Auge trocken. Auch wenn es ab und zu in der rechten Hirnhälfte zucken mag.