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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Viehzucht Manche Kühe machen Mühe

13.02.2011 ·  Das moderne Rindvieh hat nicht mehr viel mit seinen Vorfahren gemein. Nur noch eine Handvoll Rassen hat es ins 21. Jahrhundert geschafft. Um den Rest kämpfen Freunde traditioneller Nutztiere.

Von Richard Friebe
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Am 15. Dezember 2009 fährt auf einem Bauernhof in Bargfeld in Schleswig-Holstein ein Viehtransportwagen vor. Ein einzelnes Bullenkalb, gerade 15 Tage alt, wird aufgeladen. Kein Einzelschicksal: Jede Woche verlassen Hunderte Bullenkälber aus deutschen Melkbetrieben ihren Geburtsstall, weil sie dort zu nichts nutze sind. 70 Euro bringt das namenlose Kalb dem Bauern. Am Morgen des nächsten Tages steht es bereits in einem Stall des VanDrie-Konzerns in den Niederlanden, dem Weltmarktführer in der Kalbfleischproduktion. Der kleine Bulle mit der Ohrmarke DE 01 170 94355 bekommt erst einmal Milchaustauscher vorgesetzt, dann ist ein paar Monate lang die übliche Mast mit Rauhfutter vorgesehen, schließlich der Weg zum Schlachthof und in die Kühltheke.

Vier Wochen später sitzen in Everode am Harz ein paar Landwirte zusammen, und ihnen fällt ein, dass gerade dieses Kalb doch besser in Deutschland geblieben wäre.

In der Bundesrepublik werden derzeit mehr als zwölf Millionen Rinder gehalten. Die allermeisten gehören gerade mal vier Rassen an: 60 Prozent sind Schwarzbunte (auch Holstein-Friesian genannt), 25 Prozent sind Fleckvieh und jeweils knapp sechs Prozent Braunvieh und Rotbunte. Züchtungen mit so klangvollen Namen wie Murnau-Werdenfelser, Pinzgauer, Vorderwälder, Welsh Black und Dutzende andere Rinderrassen kommen zusammen nicht einmal auf vier Prozent.

Der „Fürst“ unter den Zuchtbullen

Der Minibulle, der nach Holland reisen musste, war ein „Angler Rind alter Zuchtrichtung“. Der Anteil dieser Rasse am deutschen Rindviehbestand liegt bei 0,002 Prozent. Das sind um die 220 Zuchtkühe sowie ein knappes Dutzend Bullen. Der Vater des exportierten Kalbes war einer von ihnen gewesen. Seine Gene wollten die paar Idealisten und Liebhaber fettreicher Milch, die sich 2009 unter dem Projekttitel „Maßnahmen zur Erhaltung und Zucht des Angler Rindes alter Zuchtrichtung“ zusammengeschlosen hatten. Der in die Jahre gekommene Zuchtbulle namens „Fürst“, der den vorweihnachtlichen 70-Euro-Export in Bargfeld noch auf natürliche Weise gezeugt hatte, sollte Anfang 2010 auf dem Hof von Wilhelm Bertram in Everode abgesamt werden.

Das so gewonnenen Sperma wäre dann portionsweise in Tiefkühltruhen verpackt worden und hätte für künftige Besamungen zur Verfügung gestanden. Doch Fürst konnte nicht mehr. Fürst konnte, so schien es jedenfalls, nie mehr. „Als sich die Mitglieder des Projektes im Januar 2010 das erste Mal in Everode trafen, wurde klar, dass diese männliche Zuchtlinie damit erloschen war“, sagt Michael Krause, der den Hof in Bargfeld leitet. Der Genpool der Alten Angler war damit noch kleiner geworden. Solche genetischen Flaschenhälse haben aufgrund von Inzuchteffekten schon mancher Rasse den Rest gegeben.

Verweilen im Status quo

Einen Monat zuvor hatte Krause die Verkaufspapiere des kleinen Bullen unterschrieben. Jetzt setzt er sich in den Kopf, das Tier, das noch irgendwo in Holland leben muss, wiederzufinden. Doch hinter der Grenze verlieren sich die behördlich nachvollziehbaren Spuren. Das Kalb ist trotz seiner exklusiven Herkunft zu einem namen- und abstammungslosen Mastbullen unter Tausenden geworden.

Wie viele Rinderrassen es weltweit überhaupt gibt, weiß niemand. Was als echte Tierrasse gelten darf, ist Definitionssache. Manchmal gehen Rassen in anderen auf, manchmal müssten Populationen in verschiedenen Gegenden und mit unterschiedlichen Namen bei genauem Hinschauen eigentlich doch zu ein und derselben Rasse gezählt werden, worüber sich im Einzelfall dann auch wieder trefflich streiten lässt. Der emeritierte Weihenstephaner Nutztier- und Verhaltensforscher Hans Hinrich Sambraus schätzt in seinem Buch „Gefährdete Nutztierrassen“ (Ulmer, 2010), dass es etwa 500 sind. Ungezählte weitere existieren schon nicht mehr, starben entweder aus oder wurden deutlich umgezüchtet.

Wer sich heute für die Erhaltung alter Rassen engagiert, begibt sich in eine Lage, die den Anschein des Absurden besitzt. Tierzucht ist definitionsgemäß auf Veränderung angelegt, beispielsweise auf Verbesserung von Milchleistung. Der noch recht junge Begriff der „Erhaltungszucht“ ist eigentlich ein Oxymoron – nicht Zuchtfortschritt ist gewollt, sondern Verweilen im Status quo.

„Diese Rassen sind Kulturdenkmäler“

Warum brauchen wir überhaupt alte Rassen? Kai Frölich hört die Frage so oft, dass man sie ihm gar nicht mehr stellen muss. Er stellt sie selbst und liefert die Antwort gleich mit: „Der Auerochse ist ausgerottet, Wisente gibt es praktisch auch keine mehr, aber die ökologische Nische dieser großen Pflanzenfresser Europas, die gibt es noch. Praktisch können sie nur die an die jeweiligen regionalen Umweltbedingungen angepassten Rinder einnehmen.“ Frölich ist seit vier Jahren Chef des „Tierparks Arche Warder“ bei Kiel, eines Zoos für seltene Rinder, Schweine, Schafe, Pferde und Geflügel.

Für ihn ist der Einsatz von traditionellen Rindern als „ökologische Weidetiere“ im Grenzbereich zwischen Natur- und Kulturlandschaft aber nur eines von vielen Argumenten: „Diese Rassen sind Kulturdenkmäler“, sagt der Mann mit dem zweifachen Doktortitel in Veterinärmedizin und Biologie. Bei einem einzigartigen Bauwerk etwa gebe es keine Diskussion, ob es erhaltenswert sei oder nicht. „Genauso müsste es bei diesen alten Rassen auch sein.“ Das vielleicht wichtigste Argument ist aber nicht ihr ideeller, sondern ihr potentieller ökonomischer Wert, auch für die zukünftige Züchtung. Denn viele bewahren in ihren Genen Eigenschaften, die dem Hochleistungsvieh längst verloren gegangen sind.

Ein Rind in Quarantäne

Auch deshalb sitzen Michael Krause und Katharina Rettner Ende Januar vergangenen Jahres sehr viel am Telefon. Zu den ererbten Besonderheiten des Angler Rindes gehört seine schon erwähnte fettreiche Milch und ein spezielles Protein, das für einen speziellen Käse sorgt. Die beiden, die in ihrem Hauptberuf als Sozialpädagogen die geistig behinderten Mitarbeiter des Bargfelder Hofes betreuen, fragen bei der Tierspedition nach, wo der kleine Bulle hingekommen ist, telefonieren sich bis in die Chefetage des Rindermastkonzerns durch. Ein Mann namens Tom Gerritsen am anderen Ende der Leitung schüttelt fast hörbar mit dem Kopf und macht den Anrufern wenig Hoffnung. Dann kramt er sich aber doch durch die Bücher, ruft bei einem VanDrie-Vertragshof, der „Kalvemestereij E. Limburg“ in Uddel, an, und Bauer Limburg macht sich persönlich auf die Suche nach der Ohrmarke DE 01 170 94355. Er findet das unscheinbare, aber einzigartige Tier, und am selben Tag geht die Nachricht über die Telefonkette zurück nach Bargfeld.

Ob der Jungbulle dorthin zurückkehren darf, ist zu diesem Zeitpunkt keineswegs sicher – auch, weil in der Agrarlandschaft Europas Tiertransporte von Deutschland nach Holland alltäglich sind, in die umgekehrte Richtung aber kaum vorkommen. „Das Veterinäramt in Rendsburg musste erst die für so einen seltenen Fall geltenden Regelungen heraussuchen“, erinnert sich Katharina Rettner. Bald steht fest, dass das Tier in Quarantäne muss, unter anderem, um auszuschließen, dass es das hochinfektiöse IBR-Virus (Infectious Bovine Rhinotracheitis) nach Deutschland einschleppt.

Anfällige Hochleistungskühe

Dabei haben die alten Rassen dem Turbovieh gesundheitlich manches voraus. Zum Beispiel fällt Landwirten immer wieder auf, dass deren Kühe fast nie Euterentzündungen bekommen; bei Hochleistungsmilchkühen kommen solche Infektionen häufig vor. Sie schmerzen nicht nur die Kuh, sondern auch den Bauern, denn der darf die Milch dann nicht mehr verkaufen und muss Antibiotika einsetzen. Die unterschiedliche Fähigkeit, mit Erregern fertig zu werden, wird zur Zeit am Wissenschaftszentrum Weihenstephan untersucht. Dabei werden Euter-Epithelzellen zweier alter Rassen (Highland und Englische Parkrinder aus Warder) mit denen von Braunbunten und Rotbunten aus der Intensivhaltung verglichen. „Wir glauben, dass die Zucht auf hohe Milchleistung auch eine genetische Anfälligkeit für Mastitis mit sich bringt“, sagt die Veterinärmedizinerin Heike Kliem. Sie erwartet in den nächsten Wochen erste Ergebnisse aus ihren mit Staphylokokken und Colibakterien infizierten Zellkulturen.

Der emeritierte Gießener Veterinärmediziner Hartwig Bostedt hat einen anderen Unterschied gefunden: Zusammen mit seinen Mitarbeitern hat er die Produktion von Abwehrstoffen bei tragenden Kühen untersucht. Es stellte sich heraus, dass Hochleistungskühe direkt nach der Geburt fast keine solchen Immunglobuline mehr im Blut haben, weil sie über die erste Milch alles an das Kalb weitergeben. Die Parkrinder aus Warder, eine der ältesten Rassen überhaupt, zeigten dagegen keinen solchen Rückgang der Abwehrstoffe. Auch Bostedt glaubt, dass die Zucht auf hohe Milchleistung diesen schwächenden Effekt mit sich gebracht hat. „Hochleistungskühe sind in den ersten ein, zwei Wochen nach der Geburt sehr anfällig.“

Das Fehlen der Darwinschen Selektion

Was den Rindern und anderen Nutztieren in ihren Ställen mit optimierter Kraftfutterernährung und Veterinärbetreuung rund um die Uhr ganz offensichtlich fehlt, ist die Darwinsche Selektion. Über Jahrtausende hinweg hatte sie die züchterische Auswahl begleitet. Die Tiere waren den Elementen ausgesetzt, den Umweltbedingungen an ihrem Standort, Infektionskrankheiten, tiefen oder steinigen Böden, sie ernährten sich von derben oder zarten Gräser und die Kälber blieben länger bei der Mutterkuh. „Da wurde viel auf ganz natürlichem Wege aussortiert“, sagt Bostedt. Er hält die modernen 9000-Liter-Kühe zwar für unverzichtbar. Doch die alten Rassen hätten Eigenschaften, „die man hoffentlich irgendwann wieder gezielt in die wirtschaftlich bedeutsamen Rinder einkreuzen kann.“

Seine wirtschaftlich bedeutsameren holländischen Stallnachbarn verlässt der junge Angler Bulle Ende April, allerdings nicht in Richtung Deutschland. Auf dem Hof von Harmen Endendijk in Ermelo verbringt er seine Quarantäne. In Schleswig-Holstein hilft das Veterinäramt in Rendsburg dem Bauern Krause derweil mit einer einen Tag lang gültigen Zulassung als Tiertransportunternehmer. Aus Holland kommt das O. K. des dortigen Veterinäramtes. Und am 28. Mai 2010 reist ein einzelner Jungbulle aus den Niederlanden aus, zurück in seinen Geburtsstall. Rückkauf, Pension im Stall von Ermelo, Tierarzt- und Amtsgebühren sowie Transport kosten unter dem Strich gut 2000 Euro – ein stolzer Preis, verglichen mit den 70 Euro, die das Kalb eingebracht hatte.

Die finanzielle Bilanz ist nicht immer so desaströs für die, die sich dem Erhalt gefährdeter Rinderrassen widmen. Die Slow-Food-Bewegung verschafft marketingbegabten Landwirten hie und da sogar ordentliche Preise, etwa für das fettreichere, den Saft in der Pfanne haltende Fleisch eines Angler-Rindes. Doch wenn es bloß um Ökonomie ginge, wären die meisten alten Rassen längst erloschen.

Persönliches Engagement gefragt

Der Tierpark Arche Warder mit seinen Gehegen, großen Weiden, dem Streichelzoo und 26 Satellitenstationen außerhalb des eigentlichen Tierparkgeländes finanziert sich über Eintrittsgelder, Gebühren für Bildungsangebote, Spenden und Tier-Patenschaften. Der Trend zur Beinahe-Monokultur in der deutschen Rinderhaltung lässt sich so aber nicht aufhalten. Öffentliche Fördermittel fließen spärlich. „Fakt ist, dass die alten Rassen weiter zurückgehen“, sagt Zoodirektor Frölich. Am kostengünstigsten ist ihre Konservierung noch in Form befruchteter Eizellen oder Spermaröhrchen in der Tiefkühltruhe – was „auch nicht gerade der Königsweg“ sei. Nur eine Kombination von professioneller Erhaltungszucht, Ausbildung von Netzwerken und Kryokonservierung verspreche dauerhaft Erfolg.

Die „Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen“ in Witzenhausen bei Kassel ist seit dreißig Jahren unter anderem dafür da, solche Netzwerke zu bilden und zusammenzuhalten. Mit 1,7 Planstellen versucht der Verein, Züchter zu koordinieren und zu beraten, Informationen zu sammeln und bereitzustellen, den bundesweit über 70 „Arche“-Höfen zu helfen, die Öffentlichkeit auf die Problematik aufmerksam zu machen, politische Lobbyarbeit zu leisten und Fördergelder einzuwerben. „Derzeit hängt sehr viel an persönlichem Engagement“, sagt Antje Feldmann, die Geschäftsführerin, „entsprechend haben wir es mit Individualisten zu tun.“ Am ehesten fühlten sich Leute mit den Rassen aus der eigenen Region verbunden, die sie vielleicht noch als Kinder vor Großvaters Pflug gehen sahen oder deren Milch sie direkt aus der Kanne eingeschenkt bekamen. „Wir müssen die Rassen aber als Nutztiere sehen, denn als museale Tiere haben sie wenig Chancen.“ Deshalb sieht sie auch die Zucht weiter als „dynamischen Prozess“ mit dem Ziel leistungsfähiger, an ihre Umwelt gut angepasster und so auch konkurrenzfähiger Tiere.

Rare Gene weitergeben

An die Norddeutsche Tiefebene angepasst ist der mittlerweile 14 Monate alte Angler Jungbulle wahrscheinlich recht gut. Er gehört zu einer Rasse, die ihren Ursprung nur ein paar Dutzend Kilometer nördlich von Bargfeld hatte. Derzeit wiegt er etwa 450 Kilo und hat einen Appetit, dem auch das Aufnahmegerät des Reporters nur knapp entgeht. Mittlerweile ist er gekört, also zur Zucht zugelassen. In ein paar Monaten soll der Bulle damit beginnen, seine raren Gene weiterzugeben. Einen Namen hat er inzwischen auch bekommen – einen, der wie der seines Vaters „Fürst“ mit F anfängt. Der verlorene Bullensohn heißt „Friedrich“.

Am Donnerstag vergangener Woche telefoniert Katharina Rettner mit dem Hof in Everode, auf dem Friedrichs Vater Fürst einst erfolglos um eine Samenspende gebeten worden war. Sie erfährt, dass sich dort, nachdem der ausgemusterte Bulle schon geschlachtet worden war, überraschend herausstellte, dass vier Kühe von ihm auf natürlichem Wege trächtig geworden waren. Drei davon bekamen Bullenkälber. Die Angler-F-Linie, beinahe schon erloschen, steht plötzlich wieder ganz gut im Stall. Soviel zum Thema naturnahe Landwirtschaft.

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