18.08.2009 · Ohne dass wir es bemerken, übernehmen wir im Alltag ständig Eigenheiten unseres Gegenübers. Verliebte hantieren gern synchron und mögen sich dadurch noch umso mehr. Offenbar funktioniert das auch zwischen Menschen und Affen.
Von Georg RüschemeyerMan hätte ja gern mal gesehen, wie sich seriöse Wissenschaftler zum Affen machen. Wie sie mit den Fingern in den Löchern eines kleinen Plastikballs herumprokeln, nur weil ihnen das ein kleiner Kapuzineraffe im Käfig vormacht. Aber Videos stellte Science leider nicht zur Verfügung, als das Magazin am Freitag eine Studie über die Wirkung des Nachgeäfftwerdens veröffentlichte.
Darin zeigen Annika Paukner und ihre Kollegen vom National Institutes of Health Animal Center im amerikanischen Poolesville, dass Affen Imitationen ihres Verhaltens nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern den Nachmacher offenbar auch freundschaftlich in ihr Herz schließen.
Hohes Maß an Verständnis
Wie misst man so etwas? Zu Beginn des Versuchs saßen die Tiere einzeln im mittleren von drei miteinander verbundenen Käfigen und erhielten die erwähnte Plastikkugel, in die zur Erhöhung des Interesses ein paar Futterstückchen gesteckt wurden. Vor die beiden seitlichen Käfige stellte sich dann je ein mit einem gleichen Ball ausgerüsteter Pfleger. Während der eine von ihnen möglichst genau nachahmte, was der Affe mit dem Ball anstellte, führte der andere ähnliche, aber eben nicht extra abgestimmte Bewegungen mit seinem Ball durch.
Schon in dieser Phase schenkten die Affen dem Nachäffer deutlich mehr Aufmerksamkeit. Sie registrierten also, dass seine Bewegungen ein Spiegelbild ihres eigenen Verhaltens darstellten. „Das allein setzt bereits ein hohes Maß an Verständnis für den Zusammenhang des eigenen Verhaltens mit dem des Gegenübers voraus“, sagt Daniel Haun, Psychologe am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig.
Zwischenmenschliche Beziehungen
Zu einer Science-Veröffentlichung wurde die neue Studie aber erst, weil die Affen nicht nur aufmerksam registrierten, was geschah, sondern so begeistert davon waren, dass sie sich gleich in der Nähe des Imitators häuslich niederließen. Wenn sie außerdem die Gelegenheit erhielten, eine Münze gegen eine Rosine einzutauschen, wählten sie vor allem ihn als Handelspartner.
„Eine wirklich interessante Studie, die zeigt, dass der soziale Effekt von Imitation keine exklusive Erfindung der menschlichen Evolution ist“, kommentiert Rick van Baaren von der Universität im niederländischen Nijmegen. Der Psychologe untersucht seit Jahren, welche Rolle das unbewusste Imitieren des Gegenübers in zwischenmenschlichen Beziehungen spielt.
Die gleichen Grübchen
Ohne dass wir es bemerken, übernehmen wir im Alltag ständig Eigenheiten unseres Gegenübers: Spricht er besonders schnell oder mit Akzent, verändert sich auch unsere Sprachgeschwindigkeit oder -melodie. Besonders Gesichtsausdrücke wirken ansteckend, wie beispielsweise Gähnen oder Lachen zeigen. Und beim Gespräch auf dem Sofa neigen Partner dazu, ihre Sitzpositionen und Gesten bis hin zum Kratzen der Nase oder einer Berührung der Haare zu synchronisieren. Das könnte sogar erklären, warum sich alte Ehepaare äußerlich so sehr angleichen: Der jahrelange Gebrauch der gleichen Gesichstmuskeln erzeugt schließlich die gleichen Grübchen.
Warum schalten sich Menschen derart parallel? „Wenn wir die Bewegungen eines anderen betrachten, werden im Gehirn auch motorische Areale aktiv. Offenbar gehört das innere Simulieren des Beobachteten zum Wahrnehmungsprozess dazu. Diese Aktivierung bahnt wiederum den Weg, die Handlung des Gegenübers unbewusst selbst durchzuführen“, meint van Baaren.
Das Chamäleon in uns
Diese neuronale Bahnung wäre aber nur die physiologische Basis für den sogenannten Chamäleon-Effekt, der beim Menschen anscheinend eine wichtige Funktion als sozialer Klebstoff übernommen hat. Denn die Verhaltensmimikry hat einerseits Einfluss auf die Beziehung zwischen Imitierer und Imitiertem. Gleichzeitig entscheidet der Charakter dieser Beziehung aber auch darüber, ob und wie stark sich zwei Menschen in einer sozialen Situation nachahmen. Bei Verliebten kann man das besonders gut beobachten, wenn sie zum Beispiel im Gleichtakt die Gläser heben und auf Außenstehende beinahe schon wie miteinander verschmolzen wirken.
Personen, die allgemein mehr auf ihre Mitmenschen achten, imitieren stärker und häufiger als selbstbezogene Menschen. „Entscheidend ist aber, wie wir dem anderen gegenüber eingestellt sind. Mögen wir ihn, so machen wir ihn eher nach. Finden wir ihn unsympathisch oder hegen wir negative Vorurteile, bleibt das Chamäleon in uns stumm“, sagt van Baaren.
Unserer Einzigartigkeit
Der Gegenseite geht es ähnlich: Findet der Nachgeahmte den Nachahmer sympathisch, honoriert er die für beide unbewusste Mimikry mit einem weiteren Sympathiebonus. Das könnte wiederum erklären, warum Menschen, die sich sozial ausgegrenzt fühlen, dies unwillkürlich durch verstärkte Imitation des Gegenübers zu kompensieren suchen. Auf diese ultimative Strategie zum Einschmeicheln setzen inzwischen zahlreiche Psychoratgeber aus der Rubrik „So bringen Sie jeden dazu, Sie zu mögen“. Doch das könnte genauso gut nach hinten losgehen, warnt van Baaren. Denn einen Mitmenschen nachzuahmen, der einen nicht ausstehen kann, verstärkt dessen Ablehnung sogar noch. Das zeigt eine noch unveröffentlichte Studie der Psychologin Katja Likowski von der Universität Würzburg, in der Westdeutsche mit Ostdeutschen oder Fachhochschul- mit Universitätsstudenten interagierten.
Noch schlimmer ist es, wenn die Imitation nicht subtil genug ausfällt. Im Gegensatz zur Mimikry, die beiden Seiten nicht bewusst wird, finden wir es nämlich ausgesprochen nervtötend, wenn uns jemand plump nachäfft. Van Baaren sieht zwei sich widersprechende Tendenzen des Menschen am Werk: „Einerseits wollen wir uns unserer sozialen Umgebung möglichst exakt anpassen, andererseits wollen wir uns aber auch unserer Einzigartigkeit vergewissern.“ Dabei dominiert der Drang zur Anpassung eher im Unbewussten, der zur Abgrenzung eher im Bewussten.
Spaß und Ärger
Nichthumane Primaten scheinen diesen Drang zur Individualisierung nicht zu spüren. Die Kapuzineraffen von Annika Paukner jedenfalls wussten genau, dass sie imitiert wurden. Sie reagierten trotzdem mit Zuneigung. Das überrascht umso mehr, als sich Affen normalerweise entgegen dem landläufigen Sprachgebrauch kaum gegenseitig nachäffen; der Ausdruck ist nur ein Relikt aus alten Zeiten, als alles, was als dumm galt, mit dem Begriff „äffisch“ belegt wurde. „Außer ein paar Hinweisen, etwa dem, dass auch Schimpansen es ansteckend finden, wenn das Gegenüber gähnt, scheint das kein Teil ihres natürlichen Verhaltens zu sein“ sagt der Max-Planck-Forscher Daniel Haun. Allerdings ist bekannt, dass Schimpansen sich durchaus abschauen, wie Werkzeuge verwendet werden.
Umso erstaunlicher, dass Affen so genau hinsehen, wenn man sie nur mutwillig nachahmt. Daniel Haun hat das im Gegensatz zu seinen amerikanischen Kollegen sogar gefilmt. Bei seinen Experimenten mit Menschenaffen stellten die Tiere alle möglichen Verrenkungen an, um zu überprüfen, ob Haun sie auch wirklich meinte. „Ob sie mich anschließend lieber mochten, haben wir damals nicht überprüft. Aber die Tiere scheinen ihren Spaß gehabt zu haben.“ Ärger gab es nur, wenn Haun ihre Drohgebärden nachmachte.
Anders als Affen goutieren Menschen nur die unbewusste Nachahmung durch andere. Offensichtlich nachgeäfft zu werden, kann einen dagegen regelrecht um den Verstand bringen. An selbigem zu zweifeln beginnt der Lenker des Operettenstaates Freedonia, Rufus T. Firefly alias Groucho Marx, in der berühmten Spiegelszene des Films „Duck Soup” („Die Marx Brothers im Krieg“) von 1933.
Erkenntnisse der Verhaltensforschung
Paul Wilkens (Paul.Wilkens)
- 18.08.2009, 11:56 Uhr