07.09.2010 · Nicht nur für Frauen, auch für Männer tickt die biologische Uhr: Schon ab 30 nimmt die Gefahr für Erbschäden zu und die Zeugungskraft lässt nach. Doch die späte Elternschaft ist keine Ausnahme.
Von Sonja KastilanWer behauptet, ein Mann könne im hohen Alter nicht von alten Gewohnheiten lassen, der irrt. Anthony Quinn zum Beispiel, der gern mal den Vormittag verschlief und auf diese Weise lange Abendveranstaltungen kompensierte, verwandelte sich in einen ausgesprochenen Frühaufsteher: stand regelmäßig um sechs Uhr auf, fuhr Tochter Antonia zur Schule und erledigte dann sein Tagewerk, um nachmittags mit den Kindern zu spielen. Ein großartiger Vater, lobte ihn Ehefrau No. 3 im Late-Night-Talk mit Larry King. Das war im April 2000, kurz vor dem 85. Geburtstag des Schauspielers, der in der Fernsehshow munter über Filme und seine Kinder plauderte: 13 insgesamt, er liebe sie alle, aber dieses Mal sei er ein besserer Vater.
Mustergültiger Wandel hin, neuerwachtes Interesse her: Dass es auf Dauer nicht damit getan ist, Kindern eine riesige Bibliothek zur Verfügung zu stellen und sie früh zum Lesen zu animieren, wusste auch Anthony Quinn. Es gebe durchaus Probleme, hatte er Larry King schon wenige Monate nach der Geburt von Sohn Ryan im Jahr 1996 gestanden - ebenfalls in Kings Late-Night-Show. Er werde kaum erleben, wie sein Jüngster das College abschließt, sagte Quinn. Aber es sei die glücklichste Zeit seines Lebens, und niemand, auch nicht ein Vater, sei schließlich ewig anwesend - er selbst hätte seinen im Alter von acht Jahren verloren.
Jedes 20. Kind hat bei Geburt einen Vater über 50
Die Kommentare in Hochglanzmagazinen schwanken dementsprechend zwischen Entrüstung und Bewunderung, wenn sie über die stolzen Daddys berichten und Bilder der Ergrauten nebst junger Mutter und gesundem Wonneproppen drucken; Schwierigkeiten, mit denen ältere Männer zu kämpfen haben, weil ein Kind viel länger auf sich warten lässt und möglicherweise genetische Defekte besitzen kann oder ihren Partnerinnen eher Fehlgeburten drohen, fallen meist unter den Tisch.
Und Quinn ist keineswegs die Ausnahme. Franz Beckenbauer, Flavio Briatore und Michael Douglas sind ebenso für ihre späte Elternschaft bekannt, und es handelt sich nicht um ein Phänomen, das sich auf die Prominenz beschränkt. Jedes 20. Kind hat bei Geburt einen Vater über 50, zitierte die ZDF-Sendung Mona Lisa in diesem April eine Statistik und lässt sich von zwei 63-Jährigen exemplarisch ihre späte (und wiederholte) Elternschaft samt Bedenken und Zukunftsängsten schildern. Daneben sitzt das Töchterchen mit Papier und Buntstiften, seinen Papa malt es eben mit grauem Haar.
Selbstbewusst, erfahren, gelassen, so zeigt der Dokumentarfilm die beiden Männer. Diese Attribute weiß natürlich auch der Lifestyleratgeber Men's Health zu schätzen, wo Vaterrollen ebenso diskutiert werden wie die Frage nach dem richtigen Alter, und listet sie als Vorteile neben ein paar Risiken auf, wie etwa dem der sinkenden Fruchtbarkeit. Für die Gruppe der Vierziger wohl bemerkt, denen das Magazin noch nahelegt, sich fit zu halten. Während sich die finanziell stabilen Fünfziger eher mit Vorurteilen gegenüber „Opa-Dads“ auseinandersetzen müssen. Ernst wird es jenseits der sechzig: Auf die steigende Gefahr, ein behindertes Kind zu bekommen, wird hingewiesen, und man rät nun zur nüchternen Analyse.
Doch ein solches Risiko besteht keineswegs erst kurz vor dem Ruhestand des potentiellen Vaters - es beginnt erstaunlich früh und wächst mit jedem Jahr. Etwa die Gefahr für Achondroplasie, einer Form von Zwergwuchs. Oder für das sogenannte Apert-Syndrom, das der französische Arzt Eugene Apert erstmals 1894 beschrieben hatte: Kinder werden mit verwachsenen Fingern und Zehen geboren, ihre Gliedmaßen sind oft verkürzt und der Schädel deformiert. Es ist ein seltenes Erbleiden, von einer Million Neugeborenen sind nur rund 13 betroffen. Die Wahrscheinlichkeit für gesunde Eltern beziffern Wissenschaftler mit weniger als ein Prozent. Trotzdem gilt das Syndrom als ein wichtiges Beispiel für den Einfluss des Alters, den „paternal age effect“, sagt Andrew Wilkie von der Universität in Oxford. Die Eltern sind nicht betroffen, ihre Nachkommen erben in der Regel eine neue Mutation vom Vater. „Der Effekt ist klein, wirkt sich aber schon in den Dreißigern aus, wenn die meisten Männer Kinder zeugen werden.“ Die Väter von Apert-Kindern sind etwa zwei bis sechs Jahre älter als der normale Durchschnitt in der Bevölkerung.
Ältere Mütter besaßen einen positiven Effekt
Waren es bisher vor allem Frauen über 30, die sich mit dem Fortschreiten ihrer biologischen Uhr auf allerlei Risiken für Empfängnis, Schwangerschaft und Baby einstimmen mussten, können heute genauso Männer das Ticken vernehmen. Nur klingt es anders und etwas leiser, einige überhören das Alarmsignal nach wie vor geflissentlich. Dabei fanden mehrere Studien einen Zusammenhang zwischen dem Alter des Vaters und neurologischen Erkrankungen wie Autismus und Schizophrenie beim Kind. Auch dessen Risiko für bipolare Störungen erhöht sich - auf das 1,37-fache, wenn der Vater älter als 55 ist, im Vergleich zu Sprösslingen der 20- bis 24-Jährigen. Das berechneten Forscher des Karolinska-Instituts in Stockholm im Jahr 2008 auf Basis der Daten von 13.428 Patienten. Sie vermuten genetische Einflüsse als Ursache.
Ähnliches nehmen australische Forscher an, die im vergangenen Jahr für Aufsehen sorgten, als sie in PLoS Medicine kognitive Fähigkeiten von Kindern auf den Prüfstand stellten. John McGrath und seine Mitarbeiter am Queensland Brain Institute nahmen sich dafür nochmals Ergebnisse von mehr als 33.000 amerikanischen Kindern der Geburtsjahrgänge 1959 bis 1965 vor, die man im Alter von acht Monaten, vier und sieben Jahren verschiedenen Intelligenz- und Geschicklichkeitstests unterzogen hatte. Abgesehen von der Motorik zeigte sich: Je älter der Vater, desto schlechter schnitt der Nachwuchs ab, zumindest im untersuchten Kindesalter - die Korrelation mit dem IQ war signifikant. Ältere Mütter wiederum besaßen einen positiven Effekt. Nach der Analyse unterschiedlicher Faktoren gehen McGrath und sein Team davon aus, dass hier nicht allein sozioökonomische Kräfte wirken. Welche Mechanismen dafür verantwortlich sind, ist bisher nicht klar.
Mehr Mutationen in Samenzellen
Die Zeit begünstigt Männer jedenfalls nicht, daran lassen molekularbiologische Studien aus den letzten Jahren keinen Zweifel. Ihre Zeugungsfähigkeit leidet mit den Jahren, das Ejakulat nimmt ab, die Spermien verlieren an Schwung - etwa 0,7 Prozent pro Jahr. Und deren Fähigkeit, zielgerichtet vorwärts zu schwimmen, lässt sogar zunehmend stärker nach, stellte die Epidemiologin Brenda Eskenazi von der Universität in Berkeley fest. Mit ihren Kollegen hatte sie das Sperma von 97 gesunden Männern im Alter von 22 bis 80 genauer untersucht, dabei zeigte sich außer den beschriebenen Bewegungsmängeln eine verminderte genetische Qualität.
Dass die natürliche Auslese beschädigter Zellen, die sogenannte Apoptose, bei Männern über 35 nachlässt, war zuvor bekannt. Auch dass sich bestimmte DNA-Defekte anreichern, konnte Eskenazi mit weiteren Details belegen, dass für gesunde Männer die biologische Uhr läuft und Probleme bereits in den frühen Jahren der Reproduktion ihren Anfang nehmen. Zwar kommt es bei ihnen seltener zu einer ungleichmäßigen Chromosomenverteilung, zum Beispiel einer Trisomie 21, die beim Nachwuchs zum Down-Syndrom führt und die Frauen mit zunehmendem Alter fürchten müssen. Stattdessen treten in Samenzellen jedoch mehr Mutationen auf - dadurch bestehen andere genetische Gefahren für die spät gezeugten Kinder. Und ein derart belastetes Erbe lässt sich offenbar nicht anhand der allgemeinen Qualität des väterlichen Samens ablesen.
Minimale DNA-Defekte
Die Zahl der Eizellen einer Frau ist bei Geburt festgelegt, sie können sich auch nicht erneuern. Männer jedoch bilden nach Eintritt in die Pubertät ständig frische Spermien: Deren Vorläufer teilen sich alle 16 Tage, und somit haben die Keimzellen bei einem 30-jährigen Mann schon etwa 380 Teilungen durchlaufen, bei einem 50-Jährigen gar 840. Kein Wunder, dass sich irgendwann Fehler einschleichen können, und Spermien sind dafür geradezu prädestiniert.
„Eine neue Zelle zu machen ist ein unglaublich komplizierter Vorgang, es müssen Milliarden biochemische Teilstücke der Information dann in einer bestimmten Position stehen“, sagt der klinische Genetiker Andrew Wilkie. Seine Forschungsarbeit an der Universität in Oxford widmet sich verschiedenen Geburtsdefekten, vor allem solchen, die in engem Zusammenhang mit dem Alter des Vaters stehen. Fünf Gene stehen dabei unter begründetem Verdacht - minimale DNA-Defekte bei ihnen stören die Entwicklung des Knochenbaus.
Die verzweifelte Suche nach Experten
Allerdings zeigen sich ein paar Mutationen darin eben bis zu tausendmal häufiger, als eigentlich zu erwarten wäre, und sie werden mit dem Alter mehr. Jene etwa im FGFR2-Gen auf Chromosom 10, die zum Apert-Syndrom führen. Betroffen ist hierbei die Erbinformation eines Rezeptors für Wachstumsfaktoren. „Aufgrund von Untersuchungen glauben wir und andere Gruppen inzwischen, dass derart mutierte Keimzellen einen Selektionsvorteil gegenüber anderen besitzen. Deshalb beobachten wir auch mehr von derart veränderten Spermien“, erklärt Wilkie, der das Hodengewebe mitunter als Bioreaktor für selbstsüchtige Mutationen beschreibt. Das Rezeptormolekül FGFR2 verliert seine Funktion nicht, im Gegenteil: Es reagiert über.
Für ein Apert-Kind bedeutet das zum Beispiel, dass die Schädelknochen zu früh miteinander verwachsen und manchmal alle Finger zu einem Ganzen verwoben sind. Meist werde aber erst bei der Geburt festgestellt, dass mit dem Baby etwas nicht stimmt, sagt Wilkie. Und für die Eltern beginnt dann die verzweifelte Suche nach Experten für die seltene Erkrankung. Nach einem mit Erfahrung wie zum Beispiel dem Chirurg Rolf Habenicht, der am Katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Hamburg vier bis acht Apert-Kinder im Jahr behandelt. Er kümmert sich um die Hände und Füße, damit sie „gebrauchsfähig“ werden: Die Kinder sollen möglichst selbst essen, greifen und schreiben können.
„Alle Männer besitzen ein individuelles Spektrum von Mutationen, das sie zufällig mit dem Sperma produzieren“, sagt Andrew Wilkie. „Es geht uns nicht darum, Männer zu Schuldigen zu machen, sondern sie über das Altersrisiko zu informieren.“
Sonja Kastilan Jahrgang 1970, Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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