Die Studie der kanadischen Kulturpsychologen Matthew Ruby und Steven Heine, die in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Appetite“ erschienen ist, lässt sich durchaus als Ratgeber lesen. Vor allem die Strategen von Tierschutzverbänden könnten aus der Lektüre Informationen für ihre Arbeit ziehen. Die beiden Wissenschaftler von der University of British Columbia in Vancouver haben ermittelt, welche Charakteristika von Tierarten Menschen Abscheu vor deren Verzehr entwickeln lässt (doi: 10.1016/j.appet.2012.03.020). Die Befragung von 76 Kanadiern, 96 Amerikanern, 532 Chinesen aus Hong Kong und 92 Indern - darunter keine Vegetarier - ergab, dass eine hohe Intelligenz, die Probanden einer Tierart zuschreiben, sie am stärksten vom Verzehr dieser Spezies abhält, während etwa die Leidensfähigkeit, die sie bei einem Tier vermuten, keine Rolle spielt. Zudem gaben die Probanden an, dass sie den Verzehr von Tieren ablehnen, die aus ihrer Sicht auf einer Skala für die äußere Erscheinung von einem neutralen Wert abweichen - die also entweder zu „niedlich“ oder zu „abstoßend“ wirken.
Ruby und Heine hatten die Probanden Einschätzungen zu siebzehn verschiedenen Tierarten abgeben lassen - darunter Huhn, Kuh und Lamm, aber auch als Fleischlieferanten weniger gängige Spezies wie Krake, Bär und Hai und zudem selten verzehrte wie Hund, Affe, Ratte, Delphin und Schlange. Die Probanden waren zum einen Studenten, zum anderen über einen Onlinedienst ausgewählte Freiwillige. Sie sollten auf einer Skala markieren, wie sie die Intelligenz, die Fähigkeit zur Bindung an den Menschen, die Leidensfähigkeit und das Aussehen der Tierarten einschätzten. Zudem mussten sie angeben, ob sie bereit seien, Fleisch von einer Tierart zu essen, ob sie Abscheu bei diesem Gedanken empfanden und wie oft Familienangehörige und Freunde die betreffende Tierart verzehrten. Ließ man die Probanden zunächst den Teil mit den Eigenschaften der Tiere ausfüllen und sie somit über die Psyche der einzelnen Spezies reflektieren, waren sie weniger geneigt, eine Art als potentiellen Fleischlieferanten anzusehen. Dieser Effekt war allerdings nur bei den Amerikanern und Kanadiern ausgeprägt, nicht aber bei den Indern und Chinesen. Zudem spielte der Einfluss der Peergroup, also der Verzehr bestimmter Tierarten durch Freunde und Familie, bei den Indern und Chinesen eine deutlich größere Rolle als bei den Probanden aus Nordamerika. Die Autoren betrachten das als Hinweis darauf, dass Menschen sich in kollektivistisch ausgerichteten Kulturen auch bei der Auswahl der Lebensmittel mehr an sozialen Normen orientieren. Vor allem aber überraschte Ruby und Heine ein Ergebnis: „Die Menschen scheint die Frage, ob sie andere intelligente Lebewesen essen, am meisten zu beschäftigen“, so ihr Fazit. Es sei also denkbar, dass Tierschützer erfolgreicher sein könnten, wenn sie in Kampagnen die Intelligenz der zu schützenden Spezies in den Vordergrund stellten.
Zu wenig Forschung über Vegetarismus
Die Erkenntnisse sind nur ein Puzzlestein in einem größeren Forschungsprojekt zum Thema Fleischverzehr an der University of British Columbia. Zuletzt erregten Ruby und Heine vor einem Jahr Aufmerksamkeit mit einer Studie, die zeigte, dass Frauen, denen man unterschiedliche Dating-Profile vorlegte, Männer, die Vegetarier waren, als weniger maskulin einschätzten. Zudem veröffentlichte Ruby vor wenigen Wochen ebenfalls in „Appetite“ eine Übersicht (doi: 10.1016/j.appet.2011.09.019) über die Studien, die weltweit über Vegetarier Aufschluss geben, und kam zu dem Schluss, dass dieses Forschungsfeld erhebliche Lücken aufweist. Insbesondere fehlen Daten zum Abschneiden von Vegetariern auf psychologischen Messskalen, mit denen etwa die Neigung zu Depression und Angst erfasst wird, und Daten über Vegetarier in Gesellschaften außerhalb Europas und Nordamerikas. Die Forschung zum Thema könnte auch für Deutschland interessant sein. Mit neun Prozent - nach Angaben der Europäischen Vegetarier Union mit Sitz in Winterthur - gibt es hier vergleichsweise viele Vegetarier. In den Vereinigten Staaten und Großbritannien sollen jeweils drei, in Kanada acht, in Irland sechs, in Israel 8,5 und in Indien vierzig Prozent der Bevölkerung vegetarisch leben.
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Renee Claude (recla)
- 10.05.2012, 11:30 Uhr
