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Twitter Das falsche Gezwitscher im Internet

Der Kurznachrichtendienst Twitter wird zum Psycholabor. Mit den Inhalten der Minitexte will man Börsenkurse vorhersagen, und politische Rattenfänger sind schon beim Versuch ertappt worden, Wahlen zu manipulieren.

© AFP Vergrößern Je mehr twittern, umso leichter lassen sich Muster erkennen - oder auch simulieren.

Das Internet wird mächtiger, es spielt zunehmend nicht nur eine Rolle bei der Suche nach Informationen, Schnäppchen und illegaler Musik, sondern auch bei der öffentlichen Meinungsbildung. Und die Währung, in der online Macht bezahlt wird, ist Popularität. Wer im Web bekannt ist, kann versuchen, Einfluss zu nehmen. Wer Menschen erreichen will, sei es, um ihnen etwas zu verkaufen oder um sie als Unterstützer zu gewinnen, muss so bekannt sein wie möglich. Doch wie oder womit steuert man die Popularität im Internet? Die Entwicklung des Bekanntheitsgrades von Websites verläuft nicht einheitlich. Sie unterliegt einer Dynamik, nach der der Entstehung einer neuen Seite zuerst ein Bekanntheitsschub mit vielen Klicks verschiedener Nutzer folgt.

So geht es fast allen neuen Internetseiten. Dann allerdings bilden sich zwei verschiedene Muster heraus: Während einige Seiten nach dem anfänglichen Popularitätssprung exponentiell wachsen – sie werden umso beliebter, je mehr Menschen sie bereits nutzen – entwickelt sich die Beliebtheit anderer, bedingt durch äußere Einflüsse, in unregelmäßigen Schüben weiterhin sprunghaft. Betrachtet man die Beliebtheit vieler verschiedener Websites, so gibt es keine typische Anzahl von Besuchern pro Seite. Von Seiten mit sehr wenigen Besuchern bis hin zu Seiten, auf die fast jeder Internetnutzer surft, gibt es alle Abstufungen, und zwar etwa in gleicher Häufigkeit. Weil es keine bestimmte Größenordnung von Besuchern pro Seite gibt, sprechen Wissenschaftler von einer „skalenfreien Verteilung“ der Beliebtheit von Websites, wie sie auch bei der Verteilung der Erdbebenstärke oder der Heftigkeit von Börsencrashs auftritt.

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Popularität im Netz

Forscher um Jacob Ratkiewicz und Filippo Menczer von der amerikanischen Indiana University in Bloomington haben ein Modell formuliert, mit dem sie die Dynamik der Online-Popularität nachvollziehen können. Dieses Modell kombiniert eine exponentielle Zunahme der Beliebtheit einer Website mit einem Zufallsverfahren, das den Popularitätsschüben Rechnung trägt. Als Ausgangspunkt verwendeten sie Besuchsdaten der Online-Enzyklopädie Wikipedia und der Domain „.cl“ des Landes Chile. Sie konnten im Sekundentakt verfolgen, wie sich von Januar 2001 bis März 2007 die Seiten der englischsprachigen Wikipedia durch Verlinkungen von und auf andere Seiten der Enzyklopädie veränderten und so wuchsen.

Von Februar 2008 bis zur Erstellung ihres Artikels im Mai 2010 (doi: 10.1103/PhysRevLett.105.158701 oder arxiv.org) untersuchten sie, wie viele Besucher jede Wikipedia-Seite stündlich hatte. Die jährlichen Besucher aller Seiten mit der chilenischen Adresse „.cl“ gingen ebenfalls in die Datenanalyse ein. Jeweils standen den Informatikern über drei Millionen Einzeldaten zur Verfügung, die alle mit dem Zeitpunkt ihrer Erhebung versehen waren. Damit konnten die Wissenschaftler erstmals die zeitliche Dynamik der Bekanntheit im Web erforschen.

Ratkiewicz und seine Kollegen haben sich zum Ziel gesetzt, die Grundprinzipien der Entstehung von Popularität im Netz offenzulegen. Vor dem Missbrauch seiner Forschung zu Zwecken der Manipulation der Öffentlichkeit hat der junge Informatiker keine Angst, obwohl „aktuelle Erfahrungen aus einem anderen unserer Projekte vermuten lassen, dass es Menschen gibt, die versuchen soziale Netzwerke gezielt zu manipulieren, um die Aufmerksamkeit auf bestimmte Websites zu lenken. Es ist bereits gezeigt worden, dass solche sogenannten Twitter-Bomben eine Website an die Spitze der Google-Suchergebnisse katapultieren können.“

Wie man Nachrichten multipiliziert

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