02.01.2007 · Ob Trauer, Freude oder Zorn: Anlässe zum Weinen gibt's genügend. Ansätze aus der Wissenschaft, was der Mensch damit bezweckt, existieren schon weniger. Grund genug also, um dem Rätsel auf die Spur zu gehen.
Von Alexander GrauNatürlich sollte man Schlagertexten grundsätzlich misstrauen. Manchmal aber bringen sie die Dinge auf den Punkt. Dass beispielsweise Tränen in den allermeisten Fällen tatsächlich nicht lügen, ist so ziemlich das einzige, was man sicher über sie sagen kann.
Im Grunde genommen ist nicht einmal klar, weshalb der Mensch überhaupt weint. Dass Lebewesen schreien, um Hilfe herbeizuholen, oder dass sie unterwürfig wimmern, leuchtet sofort ein: Ein bisschen Gejammer kann das Leben verlängern, wenn man Reißzähne an der Gurgel spürt oder die Klinge eines Feindes. Doch das sind Ausnahmesituationen, zumal für den modernen Menschen. Weshalb aber weinen wir so emotional? Weshalb vergießen wir Tränen? Und weshalb in Situationen, in denen das, zumindest aus biologischer Sicht, keinen nennenswerten Nutzen erbringt: beim Lottogewinn, bei einer Beerdigung oder nach einem verlorenen Fußballspiel?
Nüchtern betrachtet, kann man das Weinen als eine sekretomotorische Reaktion definieren, deren auffälligstes Charakteristikum das Ausscheiden von Tränen aus dem Lakrimalapparat ist. Dabei kommt es zu Veränderungen der für die Mimik zuständigen Muskulatur, der Stimme und einer Verkrampfung der Atemwegsmuskulatur, die zu einem konvulsivischen Ein- und Ausatmen führen kann, dem Schluchzen.
Einer der ersten war Charles Darwin
Einer der ersten, die über die Gründe für diese ausschließlich dem Menschen vorbehaltene Form, Gefühle auszudrücken, unter wissenschaftlichen Aspekten nachdachten, war Charles Darwin. Er formulierte zwei Erklärungsansätze, die seitdem immer wieder diskutiert werden. Zum einen sei Weinen ein Hilfssignal, zum anderen wirke es entspannend. Weshalb Menschen allerdings salzige Tränen dabei vergießen, das erklärt weder die eine noch die andere These. Und dass Weinen entspannend und beruhigend wirkt, ist in der neueren Forschung umstritten - häufig ist eher das Gegenteil der Fall.
Um den methodischen Problemen zu entgehen, die psychologische oder soziale Modelle des Weinens mit sich bringen, hat der amerikanische Biochemiker William Frey versucht, eine rein physiologische Erklärung des Weinens vorzulegen. Seiner Ansicht nach werden mit Hilfe des Tränenflusses toxische Stoffe ausgeschwemmt, etwa Abfallprodukte von Schmerzreaktionen. Den Tränendrüsen käme in diesem Fall eine ähnliche Funktion zu wie den Nieren. Allerdings konnten in gefühlsbedingten Tränen keine toxischen Substanzen in überzeugender Menge nachgewiesen werden.
Es ist daher kein Zufall, daß sich die meisten Untersuchungen zum Weinen auf dessen kommunikative Funktion konzentrieren. So sieht der amerikanische Psychologe Jeffrey Kottler in Tränen Signale, die Zuwendung und Hilfsbereitschaft mobilisieren sollen. Dass nur Menschen weinen, erklärt er mit deren verzögerter frühkindlicher Entwicklung, die ein Verhalten notwendig mache, das dem Kind Nahrung, Schutz und Hilfe zukommen lässt.
Zeichen der Entspannung
Die Psychologen Jay Efran und Thomas Spangler sehen in Tränen dagegen vor allem Zeichen der Entspannung. Im Rahmen ihres zweistufigen emotionspsychologischen Modells nehmen sie an, daß emotionale Erregung das Ergebnis misslungener Integration von Ereignissen oder Erlebnissen ist. Eine kognitive Neubewertung, ausgelöst etwa durch ein neues Ereignis, führt schließlich zur Wiederherstellung des emotionalen Gleichgewichts. Dabei kommt es zu einer Erregung des Parasympathikus, also jenes Teils des vegetativen Nervensystems, das die Regeneration und Erholung steuert. Und mittelbar eben auch das Weinen beeinflusst.
Der Emotionsforscher Nico Frijda betont schließlich die soziale Dimension des Weinens. Weinen ist zumeist ein Zeichen der Hilflosigkeit. Es drückt im Ernstfall die Bereitschaft aus, jeden Widerstand einzustellen, und signalisiert den Wunsch, am Leben zu bleiben. Damit drückt es zugleich die Unfähigkeit aus, angemessen mit der entsprechenden Situation umzugehen, etwa mit der Niederlage der geliebten Fußballmannschaft. Das wiederum erweckt Sympathie, Empathie und das Bedürfnis zu trösten. Zumindest so lange, wie das Weinen nicht als nervendes Geflenne wahrgenommen wird.
In seinen neuesten Veröffentlichungen hat der niederländische Psychologe Ad Vingerhoets von der Universität Tilburg die Grundlagen eines Modells des Weinens skizziert, das diese verschiedenen physiologischen, kognitiven, emotionspsychologischen und sozialen Dimensionen zusammenfasst. Vingerhoets unterscheidet dabei zwischen den Faktoren, die festlegen, ab wann geweint wird (die so genannte Weinschwelle), und denen, die das Weinen auslösen. Beides wird häufig miteinander verwechselt. Gleiches gilt für die Effekte, die das Weinen auf das weinende Individuum selbst hat, und für solche, die durch das soziale Umfeld herbeigeführt werden.
Einer der populärsten Irrtümer dazu wird seit Darwin in jeder Ratgeberkolumne verbreitet: Weinen, so das Gerücht, beruhigt und sorgt dafür, daß man seine emotionale Balance wiederherstellen kann. Deshalb sei es ja auch so unglaublich wichtig, den Tränen freien Lauf zu lassen und sie nicht etwa zu unterdrücken! Leider konnte eine solche beruhigende Funktion des Weinens nie anhand objektiver Kriterien nachgewiesen werden. Und unterdrückte Tränen führen auch zu keinen Magengeschwüren oder sonstigen körperlichen Beschwerden.
Frauen weinen schneller
Eine Binsenweisheit bestätigt die Forschung allerdings doch: Frauen weinen schneller, häufiger und intensiver als Männer. Allerdings entwickeln sich die beiden Geschlechter auch in dieser Hinsicht erst von der frühen Pubertät an auseinander. Weibliche Babys weinen auch nicht häufiger als männliche. Inwieweit das spätere Weinverhalten von der Sozialisation abhängt, ist freilich genauso umstritten wie der Ursprung anderer Geschlechtsunterschiede
Die Frage lautet also mal wieder: Nature or nurture? Die Antwort wie immer: sowohl - als auch. Eindeutig ist die angeborene Veranlagung, die allerdings aufgrund des sozialen Lernens verstärkt und variiert wird. Wie jedes andere Verhalten unterliegt auch das Weinen den Gesetzen der instrumentellen Konditionierung: Wird es belohnt oder bestärkt, wird öfter geweint, Sanktionen hingegen („Heulsuse!“, „Memme!“) bewirken das Gegenteil.
Für das Weinen gilt zudem, was allgemein für Emotionen gilt: Frauen setzen sich durchschnittlich mit größerer Begeisterung emotionalen Situationen aus und verfügen dann über weniger ausgeprägte Filterstrategien als Männer. Die nämlich weichen emotional aufgeladenen Situationen eher aus. Und wenn es sich gar nicht mehr umgehen läßt und man die Freundin dann doch in den „Titanic“-Film begleiten muss, entwickeln Männer bestimmte kognitive Strategien, um die emotionalen Aspekte einer Situation kurzerhand auszublenden („Weißt du Schatz, die Dicke der Bordwand war einfach falsch berechnet. Zudem hätte man die Schotten bis in die höheren Decks bauen müssen“). Daher sind weinende Männer im Kino eher selten.
Frauen weinen häufiger
Ein weiterer Unterschied zwischen den Geschlechtern betrifft die Ursachen für das Weinen. Frauen weinen häufiger während Auseinandersetzungen. Männer hingegen weinen häufiger aus positiven Gründen, etwa wenn die eigene Mannschaft gewonnen hat. Damit zeigt sich zugleich eine weitere Eigenart der Weinens von Erwachsenen: Es muß nicht Ausdruck einer negativen Empfindung sein. Vor allem aber weinen Erwachsene und auch ältere Kinder selbstlos oder aus Mitgefühl. Kleine Kinder hingegen weinen egozentrisch: Am Grab von Oma stehen sie recht teilnahmslos herum, während das Geschrei groß ist, wenn man ihnen ihr Spielzeug wegnimmt.
Neben solchen entwicklungspsychologischen Aspekten hängt unser Weinverhalten von einer Reihe äußerer Faktoren ab. Vingerhoets fand aufgrund von Umfragen unter Studenten heraus, daß wir häufiger abends weinen als tagsüber, eher zu Hause als in der Öffentlichkeit und daß, anders als vermutet, in nördlichen Ländern eher geweint wird als in südlichen. Letzteres könnte allerdings mit den ersten beiden Faktoren zusammenhängen. Denn wo es länger hell ist, verbringt man auch mehr Zeit auf öffentlichen Plätzen, wo man dann wiederum auch in der Dämmerung nicht so gerne weint, während im Norden alles zusammenkommt, damit dort an dunklen Abenden in den eigenen vier Wänden ordentlich geschluchzt werden kann.
All diese Untersuchungen legen nah, dass den Tränen vor allem eine soziale Signalfunktion zukommt. So konnte Vingerhoets zeigen, dass Versuchspersonen auf weinende Gesichter mit mehr Zuwendung reagieren als auf nicht weinende Gesichter. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang eine Untersuchung von Rudolph Cornelius. Der amerikanische Psychologe wies nach, daß die Bereitschaft zu spontaner Fürsorge und Hilfsbereitschaft deutlich abnimmt, wenn man die Tränen aus den Fotos von Menschen mit weinenden Gesichtern digital entfernt.
Auslöser zumeist trivialer Natur
Weinen ist letztlich das Resultat einer individuellen Bewertung von Ereignissen. Ob eine Person in Tränen ausbricht oder nicht, ist auf komplizierte Weise von ihren Erwartungen, Zielen und Wünschen, ihrem inneren Zustand, ihrer Erschöpfung oder ihrer Gesundheit, aber auch von der jeweiligen Situation abhängig, etwa der Anwesenheit anderer Weinender in einem Fußballstadion. Dazu passt, dass Vingerhoets feststellen konnte, daß die eigentlichen Auslöser für das Weinen zumeist trivialer Natur sind und eben nicht die großen Ereignisse wie Tod oder Lottogewinn.
Schließlich hängt auch die Reaktion der anderen auf das Weinen von sozialen Faktoren ab. Sind Frauen in der Nähe, hat man gute Chancen auf Trost und Hinwendung. Männer hingegen reagieren auf Tränen eher hilflos oder ungehalten - zumindest dann, wenn sie in ihrer Gegenwart von anderen Männern vergossen werden. Die Chancen für eine hübsche, attraktive Frau dagegen, stärkere Beachtung und Hilfe durch hemmungsloses Schluchzen auszulösen, stehen durchaus nicht schlecht.
Allerdings gibt es auch hier Grenzen, nämlich dann, wenn das dauernde Geweine als manipulativ oder gar erpresserisch empfunden wird. Denn manchmal lügen Tränen, anders als im Schlager, eben doch.