21.05.2010 · Der jüngste Durchbruch von Craig Venters Team hat vorgeführt, dass Organismen mit neu entworfenen Genomen in Reichweite sind. Ethische Fragen liegen auf der Hand, und die Protagonisten der Synthetischen Biologie beschäftigen sich mit ihnen nicht erst seit heute.
Von Joachim Müller-JungRadikaler kann man sich Gentechnik nicht denken. Das war der Ausgangspunkt der Überlegungen vor fünf, sechs Jahren, als sich in kürzester Zeit eine biopolitische und ethische Bewegung entwickelte, die das seinerzeit noch jungfräuliche Feld der Synthetischen Biologie besetzte. Nicht Philosophen oder Juristen, sondern die Biotechniker selbst wollten Klarheit. Was geht, was nicht, das war die Frage - und zwar gerade nicht in technologischer Hinsicht.
Denn darin war man sich längst einig: Künstlich geschaffene Kreaturen kann man sich in jeder denkbaren natürlichen oder abgewandelten Schöpfungsvariante, bis hin zur synthetischen Killerbazille, vorstellen. Nein, gerade weil Nine Eleven frisch und der Bioterrorismus noch vor aller Augen war, ging es schlicht um die Frage der eigenen Existenz. Und so wuchs schon auf den ersten beiden Konferenzen der Synthetischen Biologie in Berkeley 2006 der Wunsch nach Risikomanagement und Grenzbestimmungen.
Ethische Reflexion als ständiger Begleiter
Das ist für sich schon deshalb ein bemerkenswerter Vorgang, weil die Forschung damals noch auf Kinderfüßen und die uneingeschränkte Forschungsfreiheit bis dahin stets über allem stand. Weil die Wissenschaftler aber auch nichts mehr hassen, als von vermeintlich Unwissenden, von politischen Zaungästen oder jedenfalls von Experten außerhalb der eigenen Zirkel regulatorische Fesseln angelegt zu bekommen, handelten sie. Die Unterstützung der Regierungen war ihnen sicher, allen voran der amerikanischen mit ihrem wachsamen Biosecurity-Council.
Während in den Labors weltweit Hunderte enthusiasmierter Bioingenieure rekrutiert wurden, reflektierten gleichzeitig ihre Spitzenkräfte über die akzeptablen Folgen und Beschränkungen ihres Tuns. Craig Venter hat mit dem Massachusetts Institute of Technology und dem Washingtoner Center for Strategic and International Studies mehr als eine halbe Million Dollar von der Sloan-Stiftung in die Hand bekommen, um zu klären, wie weit die Kreation gehen darf, will man Kollateralschäden vermeiden. Die Ethik wurde zum ständigen Begleiter der Forschungsprogramme, auch der europäischen.
Biosicherheit als zentrales Thema
Drei Risiken werden immer wieder genannt: Die Gefahr, freigesetzte Designermikroben könnten Umweltschäden verursachen, sie könnten den natürlichen Genpool grundsätzlich "kontaminieren" und letzten Endes auch einen Grey goo - einen unkontrollierbaren Amoklauf von gefährlichen Kreationen - zur Folge haben. Biosicherheit ist also das große, fast das einzige, bioethische Thema. Die großen philosophischen Fragen zum Existenzrecht der Kunstwesen, zur Neudefinition von Leben überhaupt, sind in den wissenschaftlichen und biopolitischen Stellungnahmen bisher Randerscheinungen geblieben. Auch deshalb, weil die technischen Fragen und damit die Grenzen der Machbarkeit des Genomdesigns noch längst nicht ausgelotet sind.
Vor allem anderen freilich geht es den Dutzenden Firmen und Organisationen ums beherzte Ausloten. Die "International Association Synthetic Biology", ansässig in Heidelberg, und das "International Genes Synthesis Consortium", das gespickt ist mit den größten Unternehmen, die schon heute happig an der Herstellung und dem weltweiten Vertrieb von künstlichen Genen verdienen, haben sich vor kurzem eigene Verhaltenskodizes gegeben. Sie sollen ihnen vor allem eines garantieren: Biotechnischen Spielraum bei größtmöglicher biopolitischer Opportunität. Jeder Genschnipsel, den sie ausliefern, soll auf möglichen Missbrauch geprüft werden. Dubiose Sequenzen, die Biowaffenpotential besitzen, sollen aus dem Verkehr gezogen und die Besteller gemeldet werden. Vorratsdatenspeicherung ist Pflicht: Acht Jahre lang sollen die Daten sämtlicher synthetischer Genombausteine vorgehalten werden, damit Verdachtsfälle zurück verfolgt werden können. Abgestimmt ist das alles mehr oder weniger mit amerikanischen Regierungsbehörden, zumindest wenn es um die technische Abwicklung der Prüfungen geht.
Biopatente als treibende Kraft
Bis hierhin erinnern die biopolitischen Vorgänge durchaus an die Anfangszeit der Gentechnik. Im Februar 1975 waren im kalifornischen Asilomar die Genpioniere zusammengekommen, um die Eigenkontrolle abzusichern. Heute wie damals wusste man zu verhindern, dass nicht wissenschaftsferne Gremien oder supranationale Institutionen, sondern am Ende Wissenschaftler selbst - damals die amerikanische Gesundheitsbehörde - die Regeln festlegt. Dennoch sind die Unterschied zu heute eklatant: Damals war gentechnisches Wissen, der Zugriff zu biotechnischen Daten, extrem eingeschränkt möglich. Und Biopatente waren als treibende kommerzielle Kraft noch in weiter Ferne. Heute herrscht Hochbetrieb in Datenbanken und auf Patentämtern.
Die Deutsche Forschungsmeinschaft erkannte vor Monaten in einer Stellungnahme keinen zusätzlichen Gesetzgebungsbedarf, doch das muss nicht das letzte Wort sein. EU-Präsident Barroso beauftragte die European Group on Ethics, den Regelungsbedarf zu taxieren. Ergebnis: Die bestehenden Klauseln reichen nicht aus, hieß es kürzlich. Während die Gentechnik bisher danach beurteilt wurde, inwieweit die manipulierten Organismen dem natürlichen Vorbild ähneln, sei das mit dem Einzug der Synthetischen Biologie nicht mehr haltbar. Die Kreaturen aus der Genomretorte stünden jenseits der Natur. Da laufen Vergleiche ganz schnell ins Leere.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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