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Stottern Barriere zwischen Denken und Sprechen

13.10.2007 ·  Die eigentlich nicht gravierende Störung hat nicht selten enorme soziale Folgen. Stotterer werden oft belächelt oder gar für dumm gehalten. Noch lässt sich die Störung des Redeflusses nicht heilen, doch es gibt durchaus schon wirksame Therapien.

Von Hildegard Kaulen
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Stottern lässt eine Barriere zwischen Denken und Mitteilen entstehen. Der freie Fluss der Rede wird durch falsche, hochgradig automatisierte Sprechmuster blockiert. Typisch sind hämmernde Wiederholungen, langes Stocken, stumme Pressversuche, Dehnungen und Verkürzungen. Außerdem gehört das Anspannen der Sprechmuskeln zum Stottern, das Keuchen, das Sprechen während des Einatmens, das Zukneifen der Augen, das Runzeln der Stirn, das Vorstülpen der Lippen, das Nicken des Kopfes oder das Stampfen des Fußes. Letztere sind Formen des Fluchtverhaltens.

Neben diesen sicht- und hörbaren Ausdrucksformen des Stotterns gibt es auch solche, die für Außenstehende nicht sichtbar sind. Es sind Gefühle wie Scham, Angst, Frustration und Aggression sowie der unbändige Wunsch, sich der Situation so schnell wie möglich zu entziehen. In seiner chronischen Form ist das Stottern, wie Martin Ptok von der Medizinischen Hochschule Hannover erklärt, zwar noch nicht heilbar, kann aber mit gutem Erfolg behandelt werden. Zudem liefern neue hirnphysiologische Erkenntnisse Einsicht in mögliche Entstehungsmechanismen.

Stottern ist Veranlagung

In Deutschland stottern etwa 800.000 Menschen. Die meisten von ihnen sind Männer. Kinder stolpern zumeist nur vorübergehend über ihre Sätze. Vier von fünf verlieren diese Störung bis zur Pubertät wieder. In der frühen Phase des Spracherwerbs, in der nur ein oder zwei Wörter gesprochen werden, wird ohnehin nicht gestottert. Die Schwierigkeiten treten erst später auf, wenn der Ausdruck komplexer und die sprachlichen Einheiten länger werden, in der Regel zwischen dem vierten und dem sechsten Lebensjahr. Wer stottert, hat zumeist Verwandte mit ähnlichen Schwierigkeiten. Die Störung selbst wird zwar nicht vererbt, aber die Veranlagung dazu. Allerdings sind bislang noch keine Gene dafür gefunden worden.

Die Hirnforschung versucht seit Jahren, schlüssige Modelle zu den Ursachen zu entwickeln. Eines des ältesten stammt von Charles van Riper. Dieser vertrat die Ansicht, dass beim Stottern die zeitliche Koordination der Sprechbewegung gestört ist. Mittlerweile weiß man aus der funktionellen Bildgebung, dass zentrale Schaltstellen zwischen Sprechplanung und Sprachbildung nicht genügend gereift sind. Katrin Neumann und ihre Kollegen von der Universität Frankfurt haben zudem eine Aktivitätsverschiebung im Gehirn beobachtet. (“Forum Logopädie“, Bd. 21, S. 6).

Hirnhälften werden vertauscht

Beim flüssigen Sprechen sei, so Neumann, vor allem die linke Hirnhälfte aktiv, beim Stottern die rechte. Statt der linken Broca-Region werde das rechte frontale Operculum benutzt. Auf dieses rechte Sprachzentrum greifen die Menschen normalerweise nur dann zurück, wenn sie Fehler in der Grammatik analysieren oder lückenhafte Sätze ergänzen. Neumann und ihre Kollegen glauben nun, dass Stotterer versuchen, den Mangel im linksseitigen Sprachzentrum durch eine verstärkte Nutzung des rechten frontalen Operculums zu kompensieren. Nach einer erfolgreichen Stottertherapie wird ein Teil dieser Hirnaktivität wieder auf die linke Seite zurückverlagert. Offensichtlich bilden die Regionen in der unmittelbaren Nachbarschaft des fehlerhaften Areals und die sprachrelevanten Regionen auf der rechten Seite ein neues Netzwerk.

Therapien gegen das Stottern gibt es zuhauf. Viele erzeugen zwar eine schnelle Besserung, das Ergebnis ist aber zumeist nur von kurzer Dauer. Die besten Resultate liefern nach Überzeugung von Ptok zwei verhaltenstherapeutische Maßnahmen, deren Ziele völlig unterschiedlich sind. Bei der Kasseler Stottertherapie, die von Alexander Wolff von Gudenberg entwickelt wurde, lernen die Betroffenen, flüssiger zu sprechen, beim Nichtvermeidungsansatz lernen sie, flüssiger zu stottern. Die Kasseler Stottertherapie trainiert ein neues Sprechmuster mit weichem Stimmeinsatz, gebundenem Sprechen und einem speziellen Atemeinsatz, das über die Arbeit mit einem speziellen Computerprogramm verfestigt wird. Beim Nichtvermeidungsansatz wird akzeptiert, dass das Stottern nicht zu beseitigen ist.

Sprechen muss trainiert werden

Die Betroffenen lernen Techniken, wie sie besser damit umgehen und die offensichtlichen Symptome gekonnter kaschieren können. Oft wird eine Kombination aus beiden Verfahren benutzt. Allerdings gilt auch für diese Methoden, dass sie keine stabilen und dauerhaften Ergebnisse liefern. Das Erreichte muss immer wieder durch neue Anstrengungen und neues Trainieren gefestigt werden. Es ist unter den Fachleuten zwar Konsens, dass möglichst früh mit einer Stottertherapie begonnen werden sollte, welches Alter aber gemeint ist, ist unklar. Ptok zufolge kann eine zu frühe Behandlung ein Störbewusstsein erzeugen und eine Chronifizierung begünstigen.

Auf der anderen Seite führe eine zu späte Behandlung dazu, dass sich das falsche Sprachmuster verfestige. Eine frühe Therapie sei vermutlich notwendig, wenn die Eltern ebenfalls stotterten und eine erbliche Belastung angenommen werden müsse und wenn das Kind von Anfang an auch die anderen, äußeren Symptome des Stotterns zeige, wie das Keuchen und das Mitbewegungen von Augen, Kopf und Füßen. In jedem Fall sei die Beratung durch einen Spezialisten erforderlich. Seit ein paar Jahren gebe es dafür den Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie.

Quelle: F.A.Z., 10.10.2007, Nr. 235 / Seite N2
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