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Statt Rauchen Die Tabak-Kampagne in Tütchen

20.08.2010 ·  „Snus“, der Lutschtabak aus Schweden, soll Europas Raucher vom Glimmstengel entwöhnen. Gesundheitsexperten fürchten, dass damit bloß die Tabakkontrolle ausgehebelt wird.

Von Niklas Schenck
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Die Zukunft der Tabakindustrie kommt in Tütchen aus Cellulose. "Snus" heißt der mit Salz versetzte Lutschtabak, der in Schweden zum Alltag gehört wie Knäckebrot und Köttbullar. "Schmeckt wie Pferdeäpfel, aber könnte Menschenleben retten", sagt der norwegische Soziologe Karl Lund, der sich für eine Freigabe in der gesamten Europäischen Union einsetzt. Bisher hat nur Schweden eine Ausnahmegenehmigung, erstritten zum EU-Beitritt im Jahr 1995. Glaubt man Karl Lund, dann liegt auch die Zukunft von Millionen europäischer Raucher in diesen Beuteln, die zwischen Oberlippe und Zahnfleisch gesteckt werden. Schließlich sei Snus weniger gesundheitsschädlich als Rauchen, sagt er. Dass es dennoch krebserregend ist und dass es gar nicht wie Pferdeäpfel schmeckt, sondern je nach einem der 180 möglichen Aromen - für Lund unwichtige Details.

Eine Studie in der Zeitschrift "Addiction", die Lund kürzlich beim Euroscience Open Forum in Turin vorstellte, kommt zu dem Ergebnis, Snus helfe besser bei der Tabakentwöhnung als Ersatzprodukte wie Nikotinpflaster. Und ist beliebter. 62 Prozent der schwedischen Aussteiger konsumierten täglich die nikotinhaltigen Snus. Das sei für die besonders Süchtigen, die ständig am Aufhören scheiterten, immer noch besser als Rauchen. Schadensreduzierung heißt das Argument, das auch die Tabakindustrie gerne vorbringt. Firmen wie Swedish Match werben weltweit mit der "Schwedischen Erfahrung", wie sie zwei amerikanische Forscher im vergangenen Jahr im "Scandinavian Journal of Public Health" lieferten: Sowohl die sinkende Raucherquote in Schweden als auch die im Gleichschritt sinkende Lungenkrebsrate - 77 Lungenkrebstote pro 100 000 Männer, das ist europäische Spitze - werden gerne mit dem Anstieg des Snus-Konsums erklärt.

Mit oder ohne Snus

"Diese Interpretation ist absurd", kontert Margaretha Haglund. Wenn sie mit wissenschaftlichen Belegen konfrontiert wird, die für eine Freigabe von Snus in Europa zu sprechen scheinen, wird sie ungehalten. Die Direktorin für Tabakprävention bei Schwedens nationaler Gesundheitsbehörde sitzt an einem Kaffeetisch im deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und kommentiert Studien von Lund und anderen Snus-Befürwortern. Ihr Finger läuft an den Quellenverweisen entlang, mal spricht sie von Finanzierung durch die Tabakindustrie, mal von einem gefälschten Doktortitel, mal von einem Institut mit hochtrabendem Namen, das nur einen Mitarbeiter hat. "Wir kennen diese Kandidaten", sagt sie, "und mir ist rätselhaft, wieso sie sich als Wissenschaftler, die mal eine Reputation hatten, für diese Sache einsetzen."

In Wirklichkeit stieg der Snus-Konsum lange nur bei Männern, während die Raucherquoten bei Frauen ebenso wie bei den Männern sanken - für Haglund Beleg genug, dass kein Mensch Snus zur Rauchentwöhnung brauche. Finnland und Kanada schafften ähnlich niedrige Raucherquoten wie Schweden - ohne Snus. Forscher vom renommierten Karolinska-Institut, die jetzt auf den Artikel im "Scandinavian Journal" antworteten, fanden keinen kausalen Zusammenhang zwischen Snus-Konsum und der Lungenkrebsrate. Eher hätten gute Tabakkontrollpolitik und eine forcierte Vermarktung von Snus zu den auffälligen Konsummustern geführt. Die fragwürdige Studie hatten "US Smokeless Tobacco" und "Swedish Match" bezahlt, die beiden größten Hersteller rauchfreier Tabakprodukte.

"Eine Million Schweden nehmen Snus. Gäbe es kein Snus, wären viele längst ganz von der Sucht befreit", sagt Haglund. Schon Ende dieses Jahres könnte über eine Verlängerung des EU-Verbots entschieden werden. Ob Snus im Fall einer Aufhebung tatsächlich ausschließlich als Ausstiegshilfe für Raucher vermarktet würde? "Das ist nicht glaubwürdig. Wofür braucht man denn all die Geschmacksrichtungen und grellen Verpackungen?", fragt Urmila Nair, Toxikologin am Deutschen Krebsforschungszentrum.

Argumente pro und contra

Eine unüberschaubare Palette werde gezielt für Kinder und Einsteiger produziert - viele mit weniger Nikotin. Im Vergleich zu Zigaretten könnten sogar nachweislich krebserregende Substanzen wie Snus besser aussehen, sagt Nair. Fakt ist: Beim Verbrennungsprozess entstehen zusätzliche krebserregende Substanzen. Mindestens neunzig Karzinogene wurden in Zigarettenrauch bisher isoliert, in Snus sind es 28, besonders häufig tabakspezifische Nitrosamine. Das reicht für ein erhöhtes Risiko, an Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erkranken oder an einem Herzinfarkt zu sterben. Die für die Vereinten Nationen tätige Antikrebsorganisation IARC hat Snus als krebserregend eingestuft. Auch schwere Schäden an Zahnfleisch und Mundschleimhaut sind belegt. An schwedischen Schulen, wo Rauchverbot gilt, greift der heimliche Konsum von Snus im Unterricht um sich.

Tabakprodukte, die angeblich gut seien, weil sie weniger schaden als Zigaretten: Solche Argumente hat es im Fall der "Light"-Zigaretten schon einmal gegeben. Das führte nur dazu, dass viele Leute mehr rauchten. "Eine Zulassung würde suggerieren, Snus sei harmlos", sagt Urmila Nair, und zieht Werbung für die nächste Generation von Produkten aus ihrer Tasche, die in den Vereinigten Staaten bereits auf dem Markt sind. Im "Lancet" berichteten Coral Gartner und australische Kollegen vor zwei Jahren, der Nutzen für die Volksgesundheit überwiege. Ihnen wurde heftig widersprochen, weil sie die große Zahl der "dualen Nutzer" missachtet hatten, die Snus nicht zur Entwöhnung verwenden, sondern zusätzlich zum Rauchen. Auch wie viele Neueinsteiger Snus zum Rauchen und zur Nikotinsucht verführt, hatten sie nicht berücksichtig

Entwöhnung geht auch anders

Die volksgesundheitliche Rechnung ginge nur auf, wenn ausreichend viele Menschen, die sonst Raucher blieben, ihren Zigarettenkonsum durch Snus ersetzen würden. Um das nachzuweisen, wären kontrollierte Studien erforderlich, die sich bei krebserregenden Substanzen aber aus ethischen Gründen verbieten.

Karl Lund hatte bei seinem Vergleich die größte Gruppe der erfolgreichen Ex-raucher unterschlagen: Die "Cold Turkeys", die ohne jedes Hilfsmittel aufhörten, machen Urmila Nair zufolge mehr als die Hälfte aller Fälle aus. Doch die Beweisführung könnte hinfällig werden: Statt zur Entwöhnung wird Snus nun offenbar vermehrt als eine Art Ersatzdroge vermarktet: dort, wo Rauchverbote die Suchtbefriedigung erschweren, wie in den Vereinigten Staaten. "Können Sie im Flugzeug snusen?", fragt etwa Marlboros Werbung - um sogleich mit Obamas Wahlslogan zu antworten: "Yes, you can." Die Direktoren aller skandinavischen Gesundheitsbehörden einigten sich auf eine andere Sichtweise: "Snus rettet kein Leben. Es rettet nur die Tabakindustrie."

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