09.06.2010 · Gegen den weltweiten Wildwuchs mit dubiosen Angeboten von Stammzellfirmen gehen Stammzellforscher nun offensiv vor. Sie mobilisieren Patienten und Ärzte gegen unseriöse Heilversprechen.
Von Joachim Müller-JungDem weltweiten Wildwuchs mit unseriösen Angeboten von Stammzellfirmen wollen die Fachgesellschaften nun international entgegentreten. Die "International Society for Stem Cell Research" (ISSCR), die seit knapp einem Jahr eine "Arbeitsgruppe für unbewiesene Therapien" mit der Überprüfung Dutzender meist über das Internet verbreiteter Angebote beschäftigt, hat ein Handbuch für Patienten und ihre Angehörigen herausgegeben (www.closerlookatstemcells.org). Außerdem kann man dort fragwürdige Therapievorschläge von Fachleuten prüfen lassen. Eine ins Deutsche übersetzte Version des Handbuchs mit vierzig mpfehlungen an Patienten, Ärzten, und Behörden hat das Kompetenznetzwerk Stammzellforschung NRW ins Netz gestellt (www.stammzellen.nrw.de).
Unseriöse Angebote in Deutschland
Schon im Februar diesen jahres war das nordrhein-westfälische Stammzellnetzwerk, das sich international mit seinem glänzend ausgebauten Forschungsnetz und seinen Politikerkontakten einen Namen gemacht hat, mit einer Stellungnahme gegen fragwürdige Therapieangebote an die Öffentlichkeit getreten. Der Lenkungsausschuss des Netzwerks hatte sich dabei eingehend mit dem in Düsseldorf ansässigen Unternehmen XCell-Center beschäftigt, das vorgibt, mit der Injektion körpereigener adulter Stammzellen des Patienten extrem schwer behandelbare oder unheilbare Krankheiten wie Alzheimer, ALS, Parkinson oder Multiple Sklerose behandeln zu können. Wissenschaflich seriös nachprüfen lassen sich diese Behauptungen nicht. In den Fällen, in denen vom XCell-Center Zahlen vorgelegt werden wie bei den Heilversuchen von Cerebralparese - eine frühkindliche, unheilbare Hirnschädigung - zweifeln Experten an der Aussagekraft der Versuchsreihen und an der Datenerhebung.
Nur wenige geprüfte Therapien
Bislang sind neben der seit Jahrzehnten gängigen, etablierten Knochenmarktransplantation bei bestimmten Blutkerkrankungen wie der Leukämie überhaupt erst wenige stammzellbasierte Therapien und Produkte zugelassen oder in angemeldeten Studien im Gebrauch. Hauptsächlich zur Behandlung schwerer Blutkrankheiten sowie zur Herstellung von Haut- oder Hornhauttransplantaten. In bestimmten Fällen können die Stammzellen in solchen Fällen für eine Regeneration von zerstörtem Gewebe sorgen. Alle anderen Stammzellbehandlungen werden als rein experimentell eingestuft und sind, so das Stammzellnetzerk, insbesondere dann mit Vorsicht zu genießen, wenn für teils horrende Summen sogenannte „Angebote“ mit bestimmten Merkmalen gemacht werden:
- Mehrere Krankheiten werden mit denselben Zellen behandelt
- Es ist nicht eindeutig belegt, woher die Zellen stammen oder wie die Behandlung erfolgen wird.
- Es wird behauptet, dass keinerlei Risiken bestehen.
- Es werden Behauptungen aufgestellt, die auf Empfehlungen von Patienten beruhen.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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