09.07.2009 · Britische Forscher haben gerade aus embryonalen Stammzellen Spermien erzeugt. Mit Keimzellen aus induzierten pluripotenten Stammzellen experimentiert man in den Vereinigten Staaten schon einige Zeit: Das könnte schnell zu reproduktionsmedizinischen Versuchen führen.
Von Joachim Müller-JungAuf jener biopolitischen Weltkarte, die von Stammzellforschern und Ethikern seit einiger Zeit im Internet unterhalten wird, hat sich einiges bewegt. Die Richtung ist seit fünf Jahren fast immer dieselbe: hin zur Farbe Grün, was mit Blick auf die Zulässigkeit von Forschungen an frühesten Embryonen und embryonalen Stammzellen auch wirklich grünes Licht bedeutet.
Diese Tendenz zur Liberalisierung der Embryonalforschung einerseits und die hoffnungsvollen Entwicklungen in den Labors andererseits mit den neuen induzierten Stammzellen - die man durch die molekulare Verjüngung gewöhnlicher Körperzellen erhält - haben viele aufatmen lassen. Endlich Ruhe an der Kulturkriegsfront. Und tatsächlich: Wenn man sieht, mit welcher Macht der Fortschritt weltweit Einzug hält, welche Überzeugungskraft etwa die neuen Publikationen von Kinarm Ko und Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin über die "sichere", virenfreie Umwandlung von Hodenzellen zu universalen Stammzellen ausstrahlen, könnte man das Glück der Wissenschaftler als fast perfekt bezeichnen.
Regelungsbedarf auch auf dem Feld der Arbeit mit induzierten Stammzellen
Das ist es aber nicht. Denn es liegt etwas in der Luft, neuer Zündstoff. Schon Anfang des Jahres, auf dem Internationalen Kongress des nordrhein-westfälischen Kompetenznetzwerks Stammzellen, fragten einige Forscher laut, ob auf dem Weg der vermeintlich unbedenklichen Reprogrammierung nicht doch auch moralische Fallstricke lauern könnten.
Der Münsteraner Philosoph Ludwig Siep, lange Mitglied im Ethikbeirat der Bundesregierung, beschwichtigte seinerzeit: "Kein Gesetzgebungsbedarf." Jetzt veröffentlichte die schon vor drei Jahren gegründete "Hinxton-Gruppe" mit vierzig Forschern, Juristen und Ethikern in "Cell Stem Cell" eine Aufforderung an die Politik, nicht länger zu warten und schleunigst Regeln für die Verwendung der induzierten Stammzellen auszuarbeiten.
Debatte statt Kulturkrieg
Konkret geht es um daraus erzeugte Ei- oder Samenzellen. Mit solchen künstlichen Keimzellen wird in amerikanischen Labors längst gearbeitet. Der Schritt, daraus Embryonen zu erzeugen, ob in reproduktionsmedizinischer Absicht oder nicht, würde unweigerlich embryonenverbrauchende Experimente bedeuten.
Wer jüngst in der Zeitschrift "Science" das Plädoyer zweier Stammzellforscher studiert hat, kann das Drängen der Hinxton-Gruppe leicht nachvollziehen. Die beiden äußern darin Verständnis für den aufkeimenden Stammzelltourismus und fordern eine größere Toleranz gegenüber zügigen "medizinischen Innovationen". Gemeint sind Heilversuche außerhalb der klinischen Routine. Die Biopolitik ist gefordert. Aus den Debatten muss ja nicht gleich wieder ein Kulturkrieg werden.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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