07.11.2008 · Wirkstoffe statt Gene: Neue Stammzellen aus der Haut
Von Joachim Müller-JungBei der Umwandlung gewöhnlicher Körperzellen zu medizinisch vielseitig verwendbaren Stammzellen ist man wieder einen kleinen Schritt weitergekommen. Zum ersten Mal hat eine deutsch-amerikanische Gruppe mit Hautzellen von Mäuseembryonen gezeigt, dass zwei der normalerweise vier mit Viren eingeschleusten Genschalter, die für die Umprogrammierung des Genoms benötigt werden, vollständig durch kleine, biochemisch aktive Moleküle ersetzt werden können. Damit ist der Weg geebnet, irgendwann tatsächlich vollständig auf die potentiell tumorauslösende Einschleusung von Fremdgenen mittels Viren verzichten und die künstlichen - "induzierten" - Stammzellen ganz auf chemischem Wege aus leicht zugänglichen Körperzellen erzeugen zu können.
Moleküle, die Reprogrammierung fördern
Wie die Gruppe um Sheng Ding vom Scripps Research Institute in La Jolla und Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster in der Zeitschrift "Cell Stem Cell" (Bd. 3, S. 568) berichtet, hat man den Hautfibroblasten auf gentechnischem Weg zwei bekannte Gene - Oct4 und Klf4 - zugefügt. Die Produkte, die daraus hervorgehen, sind wichtige Werkzeuge bei der Neuprogrammierung der Erbanlagen. Zwei weitere Schlüsselfaktoren, Sox2 und c-Myc, wurden überflüssig, nachdem man zwei Moleküle - "BIX" und BayK8" - zufügte. Beide Verbindungen waren schon früher als mögliche Reprogrammierungskandidaten aufgefallen. Bei BIX handelt es sich um eine Verbindung, die ein Enzym der Genaktivierung hemmt und damit offenbar die Bereitschaft des Erbmaterials zur Reprogrammierung erhöht. Die andere, BayK, aktiviert Kalziumkanäle. Sie greift nicht direkt in die Genregulation ein, sondern forciert wohl die Umprogrammierung über ihre Signalwirkung in den Zellen. Wie genau die Mechanismen ablaufen, weiß man allerdings noch nicht.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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