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Stammzellenforschung Stunde der unabhängigen Bürger

05.11.2004 ·  Die Begeisterung in der Wissenschaft ist riesig, nachdem sich die Mehrheit der Wähler am Dienstag für die Förderung der Stammzellforschung ausgesprochen hat. Nun steht auch die Schweiz vor einer Abstimmung.

Von Christian Schwägerl
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Die Begeisterung in der Wissenschaft ist riesig. Kalifornien habe sich in einen "Magneten für Stammzellforscher" verwandelt, sagt Rudolph Jänisch vom Whitehead Institute in Boston. Kristen Philipkoski vom kalifornischen Futuristen-Magazin "Wired" schwärmt von einem "neuen Goldrausch". "Zwergenhaft", sagt der Vize-Chef des Biotechnikkonzerns Geron, sehe nun im Vergleich die Stammzellförderung in anderen Teilen der Welt aus.

Die kleine, aber avantgardistische Firma "Advanced Cell Technologies" will ihren lange gehegten Plan, von der Ost- an die Westküste umzuziehen, beschleunigt verwirklichen. Und Irving Weissman, Doyen der Stammzellforschung von der Universität Stanford, hat bereits die ersten Mails an prominente Kollegen verschickt. Darin steht lapidar: "Der Vorschlag ist durch. Hast Du Interesse?" Weissman rechnet damit, daß sich nun zahlreiche gute Wissenschaftler von Universitäten anderer Bundesstaaten abwerben lassen, die bisher in ihrer Forschung auf wenige von den National Institutes of Health (NIH) lizenzierte Stammzellinien beschränkt waren.

60 Prozent der Wähler befürworten die hohen Ausgaben

Für Stammzellforscher sind in Kalifornien wirklich paradiesische Zeiten angebrochen. Dreihundert Millionen Dollar, finanziert über Staatsanleihen, werden bis 2015 jährlich speziell für die Gewebezucht aus embryonalen Stammzellen des Menschen zur Verfügung stehen. Das ist das Zwölffache des Betrags, der für diesen Forschungszweig bisher in ganz Amerika ausgegeben wurde. So haben es jene sechzig Prozent der Wähler gewollt, die am Dienstag bei einer Volksabstimmung dem "Vorschlag 71" zugestimmt haben. Das Geld soll benutzt werden, um Kalifornien zum Weltführer der medizinischen Gewebezucht zu machen und jene ethischen wie finanziellen Grenzen zu durchbrechen, die Präsident Bush der staatlich geförderten Forschung gesetzt hat. Profitieren werden besonders die Biotechzentren San Francisco und San Diego.

Zuzüglich Zinsen wird das Vorhaben dem überschuldeten kalifornischen Staat bis 2035 sogar sechs Milliarden Dollar kosten. Dies hat die Wähler jedoch nicht abgeschreckt. In traditionell optimistischer Manier haben sie den Versprechungen der Initiatoren - einem Kreis von Schauspielern, Wissenschaftlern und Patientenvertretern - geglaubt. In der Gewebeindustrie würden jährlich 22.000 neue Arbeitsplätze entstehen, die jährlichen Gesundheitsausgeben des Staates würden um ein Viertel auf 75 Milliarden Dollar sinken und 4,5 Milliarden Dollar über Patenteinnahmen in die Staatskasse zurückfließen, hieß es. Mangelnde Konkretion kann man den Initiatoren also nicht vorwerfen - an den Zahlen müssen sie sich nun messen lassen.

Unabhängige Bürger entscheiden

Obwohl staatliche Mittel ausgegeben werden, wird dem Volksbeschluß zufolge nicht eine Behörde, sondern ein "Kontrollkommitee unabhängiger Bürger" über die Vergabe der Fördersummen entscheiden. Es soll dem neuen "California Institute of Regenerative Medicine" vorstehen, aus 29 Mitgliedern zusammengesetzt sein und nun binnen vierzig Tagen etabliert werden. Die Sitze sind schon reserviert, Universitäten, unabhängigen Forschungsinstituten, Patientenorganisationen und sogar Biotechnikfirmen wurden feste Plätze zugesprochen. Manche Mitglieder werden zudem vom Gouverneur und anderen Offiziellen des Bundesstaates ernannt.

Dieser Weg der Platzverteilung ist freilich umstritten, denn die Gefahr von Vetternwirtschaft erscheint real. Man kann sich vorstellen, wie heftig in diesem Gremium um die Millionen gerungen wird. Darin liegt eine Möglichkeit für ein Scheitern des ambitionierten Projekts, die zweite besteht darin, daß Präsident Bush doch noch mittels eines Bundesgesetzes das therapeutische Klonen kriminalisieren läßt.

Auch in der Schweiz werden die Bürger befragt

Die Kalifornier liegen mit ihrem Votum pro Embryonennutzung im internationalen Trend. Zuletzt hat Spanien diese Forschungsrichtung freigegeben, auch Frankreich hat sich in diesem Jahr ein freizügigeres Bioethik-Gesetz verpaßt. Die Kalifornier haben zudem als erste demonstriert, wie sich über die Stammzellforschung mittels eines Volksentscheides befinden läßt. Als nächstes schlägt in der Schweiz die Stunde der unabhängigen Bürger. Am 28. November sollen sie über ein Gesetz ihrer Regierung abstimmen, das die Nutzung sogenannter überzähliger Embryonen aus Kliniken für künstliche Befruchtung für die Forschung und die Gewebezucht zuläßt, nicht aber die gezielte Embryonenerzeugung für die Wissenschaft und das therapeutische Klonen. Im Gegensatz zu Kalifornien geht es um grundsätzliche Fragen, nicht um einen kreditfinanzierten Turbostart ins Zeitalter regenerativer Medizin.

Die Befürworter des Gesetzes, darunter der zuständige Bundesrat Pascal Couchepin, zahlreiche Forscher und auch der evangelische Kirchenbund, greifen jene Warnungen vor einem Zurückfallen im Wettbewerb um neue Therapien auf, die auch in Deutschland häufig geäußert werden. Wie in Deutschland geht es indes um einzelne Forschungsprojekte. Die Rolle, die hier der Bonner Oliver Brüstle einnahm, kommt in der Schweiz Marisa Jaconi vom Universitätsspital Genf zu. Der Streit ist also überschaubar. In Kalifornien liegen die Verhältnisse dagegen anders: Embryonenforschung und Embryonennutzung entwickeln sich dort gerade zur Massenbewegung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2004, Nr. 259 / Seite 40
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